Juristisches Nachspiel Zalando verpasst RTL einen Maulkorb

Donnerstag, 08. Mai 2014
Szene aus der Zalando-Reportage bei RTL (Bild: Screenshot rtl.de)
Szene aus der Zalando-Reportage bei RTL (Bild: Screenshot rtl.de)
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Zalando RTL Köln Maulkorb Nachspiel Todesfall Logistikzentrum



Wie erwartet lässt Zalando den "RTL extra"-Bericht nicht einfach so auf sich sitzen. Der Onlinehändler hat am Landgericht Köln eine einstweilige Verfügung gegen mehrere zentrale von RTL gemachte Vorwürfe erwirkt. Wie Zalando mitteilt, darf der Sender fünf Aussagen der Undercover-Reportage über die Arbeitsbedingungen im Erfurter Logistikzentrum nicht mehr verbreiten.
So darf RTL nicht mehr behaupten, dass es auf einer Toilette des Logistikzentrums einen Todesfall gegeben hätte. Dies war wohl eine der Aussagen, die Zalando-Sprecher Boris Radke im Sinn hatte, als er kurz nach dem RTL-Bericht von "krassen Lügen" twitterte. Laut dem Händler habe es im Logistikzentrum eine Schweigeminute nach einem häuslichen Todesfall eines Mitarbeiters gegeben. RTL berief sich noch vor einer Woche auf HORIZONT-Anfrage hin, was denn nun stimme, auf eine Eidesstattliche Erklärung eines Zalando-Mitarbeiters - der von dem Todesfall laut Doku aber selbst nur vom Hörensagen wusste (HORIZONT 18/2014). Zur Einstweiligen Verfügung teilt RTL auf Nachfrage kurz und knapp mit, Widerspruch einlegen zu wollen. Online ist die komplette Reportage unter dem ursprünglichen Link schon nicht mehr zu finden.

Weitere Punkte, die RTL nicht mehr verbreiten darf: Dass der Undercover-Reporterin bei Kreislaufproblemen keine medizinische Hilfe angeboten worden sei; dass Logistikmitarbeiter tägliche Laufwege von bis zu 27 Kilometern hätten; die angebliche Anordnung Zalandos, chronisch Kranke nicht länger als sechs Monate "mitzuschleifen" sowie die Aussage, der Online-Händler habe auf eine Bitte des Senders um Stellungnahme nicht reagiert.

Zu den meisten Vorwürfen hatte Zalando bereits Stellung bezogen. Weil RTL die Positionen laut Zalando nicht richtig stellen wollte, habe man den juristischen Weg gewählt. "Von Beginn an haben wir deutlich auf die tendenziösen und teilweise faktisch falschen Inhalte in der Berichterstattung hingewiesen, die eine Differenzierung zwischen Falschaussagen und berechtigten Kritikpunkten enorm erschwert hat", heißt es auf der Zalando-Themenseite.

Der "RTL Extra"-Bericht vom 14. April hatte Zalando in einen regelrechten Shitstorm gestürzt. Dass an einigen, von RTL aufgedeckten Problemen etwas dran war, bestätigte Zalando indirekt mit einem Maßnahmenpaket. So hat das Unternehmen kürzlich mitgeteilt, seine Prozesse bis zum Sommer datenschutzrechtlich überprüfen zu lassen. Außerdem seien unter anderem zusätzliche Sitzmöglichkeiten im Produktionsbereich geschaffen sowie das Belohnungssystem für Diebstahlanzeigen abgeschafft worden. mh
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