Joko Winterscheidt im Interview "Ich bin keine Marke. Ich bin ein Mensch"

Mittwoch, 01. November 2017
Joko Winterscheidt
Joko Winterscheidt
© Seven Ventures

Die meisten kennen ihn wahrscheinlich nur als "Clown von Pro Sieben". Aber hinter der TV-Persönlichkeit Joko Winterscheidt verbirgt sich ein umtriebiger Geschäftsmann, der seine Fühler längst auch ins Start-up-, Agentur- und neuerdings ins Print-Business ausgestreckt hat. Im Gespräch mit HORIZONT Online erzählt der 38-Jährige, warum ihm sein vermeintliches Clown-Image nichts ausmacht und wieso er keinen Gedanken an Selbstvermarktung verschwendet.

Joko, du bist ein ziemlich umtriebiger Mensch. Du moderierst im TV, investierst in Start-ups, führst mit Creative Cosmos 15 eine Kreativ-Agentur, produzierst Podcasts und bekommst demnächst deine eigene Zeitschrift. Wie bringst du das alles unter einen Hut? Gar nicht (lacht). Mein Ziel ist ja nicht, mir eine Welt zu schaffen, in der alles so perfekt wie möglich zusammenpasst. Ich mache einfach das, worauf ich Bock habe und was mich interessiert. Mit Matthias Schweighöfer - einer meiner engsten Freunde - ist beispielsweise aus einer Laune heraus die Idee entstanden, eine Kreativ-Agentur zu gründen. Der Podcast, den ich mit Paul Ripke aufnehme, ist das Ergebnis eines gemeinsamen Sommerurlaubs und für uns eher eine Art Selbsttherapie. Wir produzieren den Podcast nicht in erster Linie deshalb, weil wir glauben, unterhaltenden Content raushauen zu müssen.

Klingt nach wenig Strategie. Ist es auch. Ich bin ein absoluter Bauchtyp. Ich mache mir keine Gedanken darüber, wie ich meine Karriere möglichst optimal aufbauen könnte und mir ist auch egal, welches Bild meine Handlungen von mir zeichnen. Ich mache einfach das, was mich begeistert.

Marketing-Berater würden dir vermutlich empfehlen, dich auf zwei, drei Bereiche zu fokussieren, um deine "Personal Brand" zu schärfen. Joko als Marke: Ist das ein Thema, an das du einen Gedanken verschwendest? Mir wird lustigerweise in vielen Interviews gesagt, ich sei eine Marke. Bin ich aber nicht. Ich bin ein Mensch. Eine Marke ist für mich ein Produkt, das ich in der Hand halten kann, auf dem ein bestimmtes Branding zu sehen ist und das eine klare CI hat. Mars ist beispielsweise eine Marke für mich. Rotes Logo mit goldener Schrift, schwarze Verpackung und darin ein mit Karamell überzogener Schokoriegel. Hier ist der Begriff Marke angebracht. Aber auch Personen können Marken sein. Aus Marketing-Perspektive bin ich vermutlich eine Marke, das stimmt. Aber mein Bauchgefühl sagt mir etwas anderes. Ich bin Joko Winterscheid, 38 Jahre alt, komme aus einem kleinen Kaff am Niederrhein und habe es mit ganz viel Glück und wenig Verstand geschafft, hier zu sitzen und darüber zu reden, dass ich anscheinend eine Marke bin.

Wenn man Leute auf dich anspricht, dann sagen die meisten vermutlich "Joko? Das ist doch der Clown von Pro Sieben." Viele wissen wahrscheinlich nicht, dass sich dahinter ein ambitionierter Geschäftsmann verbirgt. Stört dich das? Nein, das stört mich nicht. Das ist ja in gewisser Weise ein selbstgewähltes Schicksal, das ich ja genauso gut in alle anderen Richtungen hätte drehen können. Als Klaas und ich uns damals kennenlernten war relativ schnell klar, dass er ein Kopfmensch ist und ich ein Bauchmensch. Und wenn der Bauchmensch in einer Welt rational denkender Menschen im Zweifel der Trottel ist, dann bin ich eben der Trottel. Das beschäftigt mich aber überhaupt nicht.

Schadet dir dieses vermeintliche Clown-Image in deiner Tätigkeit als Start-up-Investor oder ist das Gegenteil der Fall? Ich denke nicht, dass es mir schadet. In gewisser Weise hilft es mir sogar, weil ich durch die vielen TV-Auftritte eine große Bekanntheit erlangt habe und viele Gründer sich gerne mit prominenten Investoren schmücken wollen. Aber es ist ja nicht so, dass ich gleich der deutsche Ashton Kutcher bin, wie viele mich anfangs genannt haben, nur weil ich mal in ein Unternehmen investiert habe. Der Mann hat einen 200-Millionen-Fonds im Rücken und ich habe von der Start-up-Welt so viel Ahnung, wie einer wie ich halt haben kann.
„Ich bin nicht gleich der deutsche Ashton Kutcher, wie viele mich anfangs genannt haben, nur weil ich mal in ein Unternehmen investiert habe.“
Joko Winterscheidt
Wenn du wenig Ahnung hast von der Start-up-Welt, wie entscheidest du dann, in welche du dein Geld steckst? Bauchgefühl. Es ist absurd, ich weiß. Bei GoButler bin ich mit dieser Strategie auch schon auf die Nase gefallen. Es gab im Unternehmen beispielsweise eine Personalie, vor der ich von vielen Menschen gewarnt wurde. Ich habe nicht auf die Warnungen, sondern auf mein Bauchgefühl gehört und bin damit, das muss man so klar sagen, auf die Fresse geflogen und alle anderen hatten Recht. Seitdem achte ich stärker auf die Meinung der anderen und versuche, nicht alle Entscheidungen von meinem Bauch abhängig zu machen.

Was ist wichtiger für dich als Investor: Gründer oder Produkt? Beides. Du kannst ein geniales Produkt haben, wenn du aber ein beschissenes Team hast, bringt dir das nichts. Und du kannst umgekehrt das geilste Team der Welt haben, wenn du aber ein beschissenes Produkt hast, bringt das ebenfalls nichts. Es muss beides stimmen.

Du warst Jurymitglied beim Seven Ventures Pitch Day beim DLD Berlin am Donnerstag und hast für das Start-up Hafervoll gestimmt, das später auch als Sieger vom Platz ging. Was hat dich an den Müsliriegelmachern überzeugt? Zum einen, und das ist ganz wichtig, schmeckt der Riegel fantastisch. Ich würde an dem Produkt vielleicht ein, zwei Sachen ändern, aber das ist nicht mein Job. Zum zweiten, und das ist aus meiner Sicht sehr viel wichtiger, haben die beiden Gründer auf der Bühne durch Ehrlichkeit überzeugt. Die haben einfach die Hosen heruntergelassen und uns Juroren gesagt, dass sie für ihren weiteren Weg dringend Media brauchen. Das ist eine ehrliche und offene Haltung, die mich ansteckt und ich bin gespannt, was daraus entsteht. Ich partizipiere übrigens nicht an dem Unternehmen.

Seven Ventures Pitch Day

Der Seven Ventures Pitch Day gilt als einer der renommiertesten Start-up-Wettbewerbe und fand vergangenen Donnerstag im Rahmen der DLD-Konferenz in Berlin statt. Die Juroren Joko Winterscheidt, Seven-Ventures-Chef Florian Pauthner und Influencerin Sophia Thiel entschieden darüber, welches Start-up den Media-Preis im Wert von drei Millionen Euro für TV-Werbung, 200.000 Euro für Online-Marketing sowie 40.000 Euro für die Entwicklung eines TV-Spots erhält. Gewonnen haben die Kölner von Hafervoll.

Joko Winterscheidt neben den beiden Mitjuroren Sophia Thiel (Mitte) und Florian Pauthner (links) sowie den Hafervoll-Gründern
Joko Winterscheidt neben den beiden Mitjuroren Sophia Thiel (Mitte) und Florian Pauthner (links) sowie den Hafervoll-Gründern (Bild: Jens Oellermann / DLD)
Stichwort Media. Wie blickst du denn eigentlich als Laie auf das Thema Werbung. Magst du gute TV-Spots? Ich bin weder ein Befürworter noch ein Gegner von TV-Werbung. Es geht einfach nicht ohne Werbung. Wir könnten eine Show wie "Duell um die Welt" am Stück senden, dann müssten wir sie aber "Duell um Friedrichshain" nennen und dürften nur bei uns im Block drehen. Kein Kunde wäre bereit, die Preise zu zahlen, die notwendig wären, um bei einer Show dieser Größenordnung nur mit einer Werbeinsel auszukommen. Unsere Shows kosten ja auch Geld, das muss wieder reingeholt werden.

„Es geht einfach nicht ohne Werbung. Wir könnten eine Show wie 'Duell um die Welt' am Stück senden, dann müssten wir sie aber "Duell um Friedrichshain" nennen und dürften nur bei uns im Block drehen. “
Joko Winterscheidt
Es gibt aber auch wirklich gute TV-Spots. "Heimkommen" von Edeka beispielsweise. Keine Frage, der Spot ist gut gemacht und hat auch viele Menschen berührt, mich persönlich aber nicht. Ist Geschmacksache. Ich fand es eher komisch, dass der alte Mann viele Jahre lang alleine gelassen wurde und die Familie ihn erst dann wieder besucht, wenn er seinen Tod vortäuscht. Was ist das denn für ein Familienbild, das in dem Spot vermittelt wird?

Welche Werbeformate findest du denn gut? Bei "Circus Halligalli" haben wir im August vergangenen Jahres die Werbespots einfach mal selbst in der Live-Show eingesprochen und die Produkte in die Kamera gehalten. Das ist tatsächlich eine Werbeform, die ich genial finde - und das sage ich jetzt nicht, weil wir bei ProSieben diese Werbeform  erfunden haben. Sie bringt viele Vorteile für alle  Seiten: Wir Showmacher freuen uns, dass die Zuschauer nicht umschalten, die Zuschauer bekommen einzigartige Werbeinseln und die Werbungtreibenden bekommen obendrauf eine Art Testimonial zur Verfügung gestellt, das sie sonst vielleicht nicht bekommen würden. Alle gewinnen.

Mit Creative Cosmos 15 entwickelst du ja seit knapp zwei Jahren selbst Werbung. Seit der Gründung ist es aber ruhig geworden um euch. Naja, wir haben eine ziemlich schlecht gepflegte Homepage (lacht). Nein, aber im Ernst: Wir werden schon sehr bald wieder auf uns aufmerksam machen. Ich rede ungern über ungelegte Eier, es war aber nur deshalb ruhig um uns in der letzten Zeit, weil wir an zwei sehr großen Projekten gearbeitet haben, die dann hoffentlich bald das Licht der Welt erblicken werden.

Interview: Giuseppe Rondinella

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