"Influencer-Branche wird beschädigt" Ex-Youtuber Oguz Yilmaz über die Machenschaften von Katja Krasavice

Montag, 15. Mai 2017
Oğuz Yilmaz ist Gründer und Geschäftsführer der Agentur Whylder.
Oğuz Yilmaz ist Gründer und Geschäftsführer der Agentur Whylder.
Foto: Yilmaz

Sex sells: Die Youtuberin Katja Krasavice verspricht in ihren Videos viel nackte Haut sowie intime Details - und generiert damit hunderte Millionen Views. Ihre Social-Media-Reichweite monetarisiere sie einem Bericht zufolge allerdings auf fragwürdige Art und Weise. Oguz Yilmaz, Ex-Youtuber und mittlerweile Geschäftsführer der Agentur Whylder, hatte vor kurzem als einer der ersten auf die Machenschaften von Krasavice aufmerksam gemacht und kritisiert im Interview mit HORIZONT Online: "Sie beschädigt damit die ganze Influencer-Branche."

Katja Krasavice, die auf den gängigen sozialen Kanälen wie Youtube, Instagram und Snapchat aktiv ist, macht mit provokanten Bildern und Videos von sich aufmerksam, die sich oft an der Grenze zur Pornographie bewegen. In einem Artikel beschrieben jüngst die "Online Marketing Rockstars", dass Krasavice das Bedürfnis ihrer teils minderjährigen Zuschauer mit dubiosen Paid-Content-Modellen ausnutzt. Auf ihrem Snapchat-Account kündige sie beispielsweise "exklusive Snaps" an, wenn die Nutzer ein 30-tägiges Abo für 14,99 Euro abschließen. Die Inhalte sollen aber oftmals nicht ihr Versprechen einlösen.

Snapchat selbst hat mit den Machenschaften von Krasavice nichts zu tun, sondern laut "OMR" ein Unternehmen namens Centro Publishers Limited auf den Britischen Jungferninseln. Auf der Domain snapcentro.de werden demnach dutzende, größtenteils weibliche sogenannte "Premium SnapCentro Influencer" aufgelistet, die nach Namen oder Kategorie (neben Athlete und Blogger auch solche wie Erotic Model, Exotic Dancer, Nude Model oder Pornstar) sortiert werden können. Auf Nachfrage von HORIZONT Online gibt sich Snap Centro teilweise nachsichtig: "Sicher gibt es immer Fans oder Besucher, die enttäuscht sind, weil sie mehr erwartet haben - aber gleichermaßen gibt es eine Vielzahl von wirklich begeisterten Fans die täglich Katjas neue exklusive Snaps verfolgen."

Außerdem bekräftigt Snap Centro: "Katja Krasavice selbst entscheidet, welche Form von Inhalten und Informationen sie im Rahmen dieser Mitgliedschaft dem Abonnenten zukommen lässt. Auch sagt sie nirgendwo wörtlich beispielsweise 'ihr seht meinen Intimbereich'. Wir legen natürlich sehr viel Wert darauf, dass Influencer korrekt mit ihren Fans und Besuchern kommunizieren, sodass es eben nicht zu einer falschen Erwartungshaltung kommt."

Oguz Yilmaz, der auf Twitter als einer der ersten auf die Machenschaften des (Beinahe-)Porno-Sternchens aufmerksam gemacht hat, äußert sich im Interview mit HORIZONT Online kritisch. Er befürchtet, dass die komplette Branche in Verruf geraten könnte und fordert eine bessere Kontrolle. Die Landesmedienanstalten nimmt er in die Pflicht.

Oguz, du hast vor kurzem bei Twitter auf die Machenschaften von Katja Krasavice aufmerksam gemacht. Angeblich zockt sie in den sozialen Medien mit freizügigen Inhalten ihre Fans ab. Wie hast du Wind davon bekommen und was hat es damit konkret auf sich? Als ehemaliger Youtuber und heutiger Geschäftsführer einer Social-Media-Agentur beschäftige ich mich natürlich intensiv mit der Szene. Dazu gehört auch, bestimmten Hypes hinterherzugehen. Irgendwann bin ich auf Katja Krasavice mit ihren freizügigen Inhalten aufmerksam geworden und ich wollte mich selbst davon überzeugen, was da vor sich geht. Vor etwa einem halben Jahr hatte sie ja bereits mit einem eher missglückten Placement für die Firma Ubisoft auf Youtube von sich Reden gemacht. Da dachte ich mir, ich folge ihr mal intensiver auf allen Kanälen und schaue, was ich finde.
Was hast du gefunden? Sehr aktiv ist Katja Krasavice vor allem auf Snapchat und Instagram. Auf diesen Kanälen postet sie auch viele Bilder und Videos, die mit Werbekunden entstanden sind, aber nicht ausreichend gekennzeichnet wurden. Was aber aus meiner Sicht noch viel schlimmer ist und bislang in der Branche kaum thematisiert wird: das Problem mit dem Altersschutz. Ist es denn in Ordnung, wenn sie sich in ihren Bildern und Videos mit einem Flutschfinger selbst befriedigt und viele junge, pubertierende Jungs und Mädels dabei unkontrolliert zusehen? Ist es okay, wenn Katja Krasavice dies dann auch noch kommerziell ausnutzt, indem sie bestimmte Inhalte hinter eine Paywall packt? Auf keinen Fall. Und als wäre das nicht genug, fordert sie ihre jungen Fans immer wieder dazu auf, ihr Oben-ohne-Bilder zu schicken, welche sie dann selbst repostet - ohne Gesicht und Namen zu zensieren.

Wer prüft das? Genau das ist das Problem. Anscheinend niemand. Das Problem bei Snapchat und mittlerweile auch bei Instagram Stories ist, dass die freizügigen Inhalte nach 24 Stunden wieder weg sind. Das Einzige, das man hier machen kann, ist, diese Inhalte aufzuzeichnen und an entsprechende Stellen weiterzuleiten.

Ist Katja Krasavice ein Einzelfall oder gibt es dort draußen noch sehr viel mehr Influencer dieser Sorte? Ich denke, hierzulande ist sie die erfolgreichste, wenn es um freizügige Inhalte geht. Es gibt auch Influencer, die tatsächlich Pornos produzieren - aber solange sie eine Altersprüfung durchführen, ist dagegen ja erst einmal nicht viel einzuwenden. Katja produziert ja keine Porno-Inhalte. Sie geht immer bis an die Grenze des rechtlich Erlaubten und deutet in ihren Bildern und Videos immer nur an.

Einige Inhalte packt Katja Krasavice hinter eine Paywall. Ihre meist minderjährigen Nutzer müssen also Geld zahlen. Diese Paywall ist meiner Ansicht nach eine Abzocke. Dahinter verbergen sich in der Regel nämlich keine exklusiven und neuen Inhalte, sondern Bilder und Videos, die so ähnlich auch auf ihrem frei zugänglichen Account zu sehen sind. Katja Krasavice ist aber sehr gut darin, ihre Follower mit einer Vielzahl an Postings und viel nackter Haut sehr eng an sich zu binden. Nichtsdestotrotz zockt sie kleine Kinder ab. Da stellt sich mir die Frage: Hat sie kein Gewissen?
Hannes Mehring
Bild: CrowdTV

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Bringt das die gesamte Influencer-Branche in Verruf? Ja, total. Sie beschädigt damit die ganze Branche. Wie gesagt: Es wäre ja in Ordnung, wenn sie sich offiziell als Porno-Darstellerin positionieren würde und nach einer Altersabfrage hinter die Paywall exklusive Inhalte packt. Aber das tut sie nicht, stattdessen arbeitet sie intransparent und moralisch grenzwertig.

Sie postet viel in Stories - die Inhalte sind also nach 24 Stunden weg. Ist das Kalkül, um einer Kontrolle zu entgehen? Ich befürchte, ja. Das Problem ist nun mal, dass die Inhalte wieder automatisch verschwinden. Bei Youtube ist nach meiner Beobachtung durch die Veröffentlichung der Werbekennzeichnungs-FAQ der Landesmedienanstalten sehr viel besser geworden, aber bei Instagram, Snapchat und Co. leider noch nicht. Gefühlte Anarchie, die noch zu viele ausnutzen.

Was könnten die Landesmedienanstalten besser machen? Durch den regelmäßigen Austausch mit den Landesmedienanstalten sehe ich, dass es kein unwichtiges Thema ist. Ich denke, es ist generell schwer, bei den sich täglich weiterentwickelnden Plattformen mit ständig neuen Akteuren mitzuhalten. Mir persönlich geht das natürlich alles zu langsam, vor allem eben bei Snapchat und Instagram, aber ich kann verstehen, dass das komplexer ist als es von außen wirkt. Ich freue mich einfach nur, wenn auch auf diejenigen, die sich ja tagtäglich damit befassen, eingegangen wird. Am Ende ziehen ja alle am gleichen Strang und es hilft jedem, wenn sich durch bessere Kennzeichnung der Werbung die ganze Branche professionalisiert und ernster genommen wird.

Wie wird sich Influencer Marketing deiner Ansicht nach in den nächsten Monaten und Jahren weiterentwickeln? Influencer Marketing ist nicht das Allheilmittel, für das es viele Marketer halten - und wird es auch hoffentlich nie werden. Philipp Westermeyer, der Chef der Online Marketing Rockstars, behauptete ja auf der OMR-Konferenz im März, dass Influencer Marketing ganz groß werden wird. Diese Meinung teile ich nicht. Ich mag lieber gute Ideen.

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