HORIZONT-Preisträger Jürgen Gerdes "Wir wollen immer näher, immer umfänglicher, immer besser am Kunden sein"

Freitag, 22. Dezember 2017
Post-Vorstand Jürgen Gerdes: Geht nicht, gibt's nicht
Post-Vorstand Jürgen Gerdes: Geht nicht, gibt's nicht
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Den 16. Januar 2018 wird Jürgen Gerdes wohl nie vergessen. An diesem Tag wird der Post-Vorstand gemeinsam mit G+J-CEO Julia Jäkel und Sinner-Schrader-Chef Matthias Schrader mit dem HORIZONT Award geehrt. Im Interview mit HORIZONT spricht der Marketing-Mann des Jahres 2017 über Digitalisierung, Innovationen und den Streetscooter.

Herr Gerdes, wenn jemand vor zehn Jahren prophezeit hätte, eines Tages verkaufen Sie Autos mit Elektroantrieb, was hätten Sie dem entgegnet? Coole Idee, hätte ich gesagt, müssen wir mal drüber nachdenken.

Mit Verlaub, das glaube ich nicht. E-Autos waren damals kein Thema und so weit von Ihrem Kerngeschäft entfernt wie die Erde vom Mond. Auf den ersten Blick stimmt das. Deswegen ist es für den einen oder anderen ja immer noch schwer zu begreifen, warum wir das tun. Aber wir haben uns 2007, als ich Vorstand wurde, sehr viele Gedanken gemacht, wie wir unser Geschäft weiterentwickeln können. Die Prognosen für das Post- und Paketgeschäft waren damals ja nicht allzu gut.

Trotzdem kauft man sich dann nicht einfach ein universitäres Start-up, das Elektroautos entwickelt. Woher kommt das strategische Interesse an E-Mobilität und Nachhaltigkeit? Während meiner Studienzeit war ich unter den ersten, die sich mit Umweltmanagement und Nachhaltigkeit beschäftigt haben. Und was viele nicht wissen: Neben Marketing habe ich auch Statistik als Schwerpunkt studiert, weil ich mich von klein auf sehr für Zahlen interessiere. Wenn man die Zukunft seines Geschäfts gestalten will, kommt man automatisch zur Frage der künftigen Wettbewerbsvorteile. Wie kann unsere Marke Kunden weiter begeistern? Wie können wir uns weiter von der Konkurrenz unterscheiden? Wir glauben, dass das, was wir tun, möglichst viel Nutzen für unsere Kunden stiften soll. Und gleichzeitig möglichst wenig Schaden anrichten. Das ist übrigens auch der Grund, warum wir gesagt haben, wir wollen ab 2050 emissionsfrei arbeiten. Das ist für einen Logistiker ein ziemlich mutiges Statement, glaube ich.

„Wenn Start-ups im Silicon Valley so etwas machen, finden das alle cool. Aber es gibt auch andere, die cool sind.“
Jürgen Gerdes
Jürgen Gerdes ist der Marketingmann des Jahres 2017
Jürgen Gerdes ist der Marketingmann des Jahres 2017 (© Deutsche Post)
Aber ist so ein Statement umsetzbar? Ja, weil wir daran glauben und danach handeln. Mein Lieblingssatz dazu ist: „Stellen wir uns mal vor, wir haben nur eine Erde.“ Natürlich entwickeln wir unser Online- und unser E-Commerce-Geschäft weiter, das ist unser großer Wachstumstreiber. Aber wir müssen uns dabei auch fragen: Was heißt das für die Umweltbilanz? Uns beschäftigt immer die Frage, wie wir sorgsamer mit Ressourcen umgehen können. Wie erhalten wir dabei die Lieferfähigkeit? Welche Vorteile erzielen wir, indem wir innovativer sind als die Wettbewerber? Diese Fragen müssen wir immer global beantworten. Unser Unternehmen ist mit vier Divisionen in 226 Ländern und Territorien aktiv. Da sieht man Entwicklungen, von denen man sich durchaus vorstellen kann, dass sie auch mal hierher kommen.

Innerstädtische Fahrverbote für Dieselfahrzeuge beispielsweise?  Das kann durchaus passieren. Doch das Thema ist umfassender. Es gibt Prognosen, nach denen 2025 rund 65 Prozent der Menschen weltweit in 200 Metropolen leben werden. Das bedeutet, dass man diese Metropolen gestalten muss in Bezug auf Infrastruktur, Mobilität und eben auch Logistik. Wenn man darüber nachdenkt, kommt automatisch die Frage: Geht das auch ohne Emissionen? Und da reden wir nicht nur von Schadstoffen, sondern auch über Lärm. Wenn Sie mal längere Zeit in einem E-Auto gefahren sind, dann finden Sie es sehr angenehm, leiser unterwegs zu sein.

Dann dürften Sie sich angesichts der Diesel-Debatte bestätigt fühlen, mit dem Streetscooter eine richtige Entscheidung getroffen zu haben. Wenn Unternehmen Entscheidungen treffen, passiert das meist im Team. Und um mal ein Bild aus dem Sport zu nehmen: Es ist ein cooleres Gefühl, ein Tor zu schießen, als nur die Latte zu treffen oder die Eckfahne. Aber wir investieren nicht so viel Zeit ins Freuen, sondern mehr Zeit in die Weiterentwicklung unserer Geschäfte.

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Warum so bescheiden? Sie haben einen elektrischen Lieferwagen gebaut, der von Kunden geschätzt wird. Dabei haben viele nicht daran geglaubt. Wir arbeiten in allen Bereichen der Wertschöpfungskette gern und oft mit Partnern zusammen – auch und gerade aus der Automobilindustrie. Wenn wir aber glauben, dass es Dinge gibt – aus welcher Motivation auch immer – die wir selbst machen sollten, dann machen wir das auch allein. Mich wundert nur, dass alle darüber so überrascht sind. Man muss doch nur auf die Geschichte der Deutschen Post blicken. Wir sind innovativ seit 1490. Wir haben angefangen mit einer Art physischem Facebook, das nannte sich damals reichsweite Postverbindung. Reisen war zu jener Zeit keine Frage von „Komme ich pünktlich an?“, sondern von „Komme ich lebend an?“ Seitdem haben wir den Transport von Menschen, Informationen und Waren ständig ausgebaut und verbessert. Heute reden alle von Automatisierung und Digitalisierung – wir haben aber schon in den 1970er Jahren in unseren Verteilzentren angefangen, Adresstechnik und Lesetechnik einzubauen. Wenn Start-ups im Silicon Valley so etwas machen, finden das alle cool. Aber es gibt auch andere, die cool sind.

Die Deutsche Post DHL Group etwa? Definitiv. Wir haben jetzt 5000 Streetscooter im Betrieb und sind seit dem Start über 13,5 Millionen Kilometer gefahren. Er ist komplett auf die Bedürfnisse unserer Zusteller ausgerichtet, die auf den Streetscooter auch mächtig stolz sind. Das Auto verbindet maximalen Nutzen mit günstigen Preisen. Wir sparen durch den modularen Aufbau 60 bis 80 Prozent der Reparaturkosten für Bagatellschäden. Ein Streetscooter Work spart außerdem pro Jahr drei Tonnen CO2. Das entspricht 10500 gefüllten Standardbadewannen. Wir fahren Streetscooter nicht aus Verzweiflung, sondern weil es von Vorteil ist und Spaß macht. Aber wir sind natürlich ein Logistikunternehmen und kein Automobilhersteller. Deswegen reden wir ja auch nicht von einem Auto, sondern von einem Werkzeug.

Heißt das, es wird für private Kunden niemals ein E-Auto von der Deutschen Post geben? Den Streetscooter können Sie schon heute privat kaufen. Und auf Ihre Frage wäre die einzige falsche Antwort: Nein, das wird es nicht geben. Ich glaube, die Zeiten sind sehr dynamisch: Man darf gar nichts ausschließen.

„Es ist ein cooleres Gefühl, ein Tor zu schießen, als nur die Latte zu treffen oder die Eckfahne.“
Jürgen Gerdes
Zumal der Transporter Ihr Image beflügelt. Die medialen Berichte sollen einen Referenzwert haben, der jenseits der 50 Millionen Euro liegt. Er ist deutlich höher. Aber wir produzieren nun mal Dienstleistungen. Die können Sie nicht hören, nicht sehen, nicht fühlen. Sie können sie nur erleben. Deswegen müssen vor allem die Prozesse in der Wertschöpfungskette so smart und nutzenstiftend sein, wie es nur geht. Wir wollen immer näher, immer umfänglicher, immer besser am Kunden sein.

Sind Sie deshalb so innovationsfreudig? Bei Ihnen soll es den Satz „Das geht nicht“ nicht geben. Muhammad Ali hat gesagt: „Impossible is not a fact, it’s an opinion.“ Das ist eine meiner Lieblingslebensweisheiten, also zu zeigen: Technisch geht es, es geht im Prozess und es geht in Bezug auf die Kosten. Warum? Weil wir daran glauben. Ein Beispiel: Bei den Packstationen, die wir seit 2001 anbieten, haben auch viele gesagt: Das funktioniert nie. Heute haben wir acht Millionen Kunden. Das ist eine Glanzleistung aus Markensicht, so einen Service zu installieren. Ein anderes ist der Paketkasten, den wir 2014 gelauncht haben. Die Pakete kommen immer an, auch wenn niemand zu Hause ist. Ein Traum, obwohl es nur ein Kasten aus Blech ist mit einem intelligenten Schloss … 

… den man sogar wie ein Auto konfigurieren kann. Ja, selbstverständlich. Von mir aus kann sich jeder Kunde sein eigenes Model designen. Ich brauche nur die Hoheit über das Schloss, um das sicherzustellen, wofür wir stehen: das Post- und Paketgeheimnis, also für Datenschutz und Sicherheit für die uns anvertrauten Informationen und Waren.

Wie viele haben Sie schon verkauft? Ein paar Tausend. Aber das interessiert uns nicht so.

Wie bitte? Mir ist wichtiger, dass wir als Deutsche Post für jeden Kunden in jeder spezifischen Situation die optimale Lösung anbieten können. Egal, ob der Kunde sagt, bring mir das Paket an die Haustür, lege es in die Packstation oder deponiere es im Kofferraum meines Autos. Dass wir da vieles richtig machen, sieht man an unserem wachsenden Marktanteil.

HORIZONT Award und Deutscher Medienkongress

Der 10. Deutsche Medienkongress 2018 findet am 16. und 17. Januar 2018 in der Alten Oper Frankfurt statt. Top-Manager aus Unternehmen, Agenturen und Medien werden dort die wichtigsten Zukunftstrends der Branche diskutieren. Einer der Höhepunkte der Veranstaltung ist die Verleihung des HORIZONT AWARD an die Männer und Frauen des Jahres 2017. Alle Informationen gibt es auf der Website des Deutschen Medienkongresses. Der Normalpreis für die Teilnahme beträgt 1399 Euro. Frühbucher-Tickets sind bis zum 15. Dezember zum reduzierten Preis von 1099 Euro erhältlich. HORIZONT-Abonnenten erhalten zusätzlich jeweils einen Rabatt von 100 Euro auf die Kongressgebühr. Darüber hinaus gibt es bei einer Anmeldung ab dem dritten Teilnehmer eines Unternehmens 50 Prozent Rabatt. Die Anmeldung berechtigt gleichzeitig zum kostenfreien Besuch des HORIZONT AWARD. Veranstalter des Deutschen Medienkongresses 2018 sind HORIZONT und dfv Conference Group.

Ist das Geheimnis des Erfolges die individuelle Ansprache der Kunden? Unser Team ist sehr gut darin, Zielgruppen zu identifizieren und für diese, auch wenn sie klein sind, passgenaue, innovative Services zu entwickeln. Die Kofferraum-Zustellung im Auto ist ein Beispiel. Das kommt nicht für jeden infrage, aber für mobile Menschen mit einem Kleinwagen schon. Mindestens genauso wichtig ist: Logistik hat ganz viel mit Kommunikation zu tun. Sie müssen mit Ihrem Kunden reden, wenn Sie ihm helfen wollen. Und er muss die Chance haben, mit Ihnen zu sprechen, damit er sagen kann, was er gerne haben möchte. Da hilft sicherlich, dass ich von der Marktseite komme und in der Marketing- und Dialogmarketingwelt groß geworden bin. „Wir verbinden jeden Tag Menschen miteinander und verbessern so ihr Leben“, ist für uns kein lockerer Werbespruch. Das meinen wir ernst.

Ohne die Digitalisierung der Gesellschaft wären viele der Innovationen aber nicht möglich. Richtig, und wir mögen die Chancen, die hier entstehen. Doch ich persönlich verstehe sehr gut die Menschen, die hier Ängste haben. Sie können mit einem Auto Feuerwehr sein oder eine Bank ausrauben. Es kommt darauf an, wie Sie es nutzen. Hoffentlich als Feuerwehr.

Wird die Digitalisierung am Ende dazu führen, dass Post und Pakete eines Tages von einem autonom fahrenden Streetscooter gebracht werden? Dass ein Auto allein vor die Tür fährt, ist denkbar. Aber wie kommt die Lieferung aus dem Streetscooter zum Kunden? Ich glaube, in den kommenden Jahren geht es bei der Automatisierung vor allem um die Entlastung der Menschen und Mitarbeiter. Hätten unsere Vorfahren vor 200 Jahren gedacht, dass Wasser eines Tages aus einem Hahn in der Wand kommt? Nein, hätten sie nicht. Wir dürfen vor den Veränderungen keine Angst haben. Wir können sie nicht verhindern, aber wir können beeinflussen, wie schnell etwas passiert. Unser größter Freund ist die Zeit. Wir müssen Entwicklungen proaktiv gestalten. Dann wird es richtig gut. Für unsere Kunden und auch für uns. mir

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