Gründerszene Warum sich Startups mit der Region Rhein Main schwertun

Mittwoch, 27. Juli 2016
Frankfurt ist der Leuchtturm der Start-up-Region Rhein Main
Frankfurt ist der Leuchtturm der Start-up-Region Rhein Main
Foto: Stadt Frankfurt am Main, H.D.Fehrenz

Das Rhein-Main-Gebiet gilt hierzulande neben Berlin, Hamburg und München als einer der großen Startup-Hotspots, nicht zuletzt wegen des starken Finanzstandorts Frankfurt. Doch wo schöpft die Region in Sachen Gründerszene eigentlich ihr Potenzial aus und wo herrscht noch Nachholbedarf? Diese Fragen hat der Fachbereich Gründung & Innovation des RKW Kompetenzzentrums in einer aktuellen Studie untersucht. Eine Erkenntnis: Berlin ist als Gründer-Ökosystem kaum mehr einzuholen.

Doch zu Beginn eine gute Nachricht für die Rhein-Main-Region: Die Studie bescheinigt dem Standort, eine der wichtigsten Gründungsregionen des Landes zu sein. Auf 10.000 Einwohner kommen dort 3,5 Hightech-Gründungen. München weist mit 5,6 Gründungen die meisten auf, gefolgt von Hamburg mit 4,3 und Berlin mit 4,2 (siehe Grafik unten). "Eine hohe Zahl an Hightech-Gründungen deutet auf erfolgreiche Universitäten, Forschungseinrichtungen und etablierte Technologieunternehmen hin", schreiben die Studienmacher. Und auch die über 140 Veranstaltungen für Startups in der Rhein-Main-Region in der zweiten Jahreshälfte 2015 zeigen, dass kein Tag vergehen muss, an dem man als Gründer nicht an einem Event teilnehmen kann.

Die Rhein-Main-Region als Gründungsstandort im deutschlandweiten Vergleich
Die Rhein-Main-Region als Gründungsstandort im deutschlandweiten Vergleich (Bild: RKW Kompetenzzentrum)
Eigentlich gute Nachrichten, aber der Schein trügt, denn die beschriebene Dynamik hat keine Außenwirkung. Während in Berlin der Zustrom aus ganz Deutschland und dem Ausland signifikant ist, stammen die Rhein-Main-Gründer überwiegend aus der Region. "Rhein-Main wird von außerhalb kaum als Startup-Standort wahrgenommen", so die Forscher in einem Statement. Woran es noch hapert, lässt sich an den Antworten der 37 in qualitativen Interviews befragten Startup-Vertreter ablesen. Sie wurden zu den Kategorien Gründerszene & Netzwerke, Politik & Rahmenbedingungen,  Infrastruktur, Talentpool, Marktzugang, Unterstützung & Beratung sowie Finanzierung befragt. Das sind die Ergebnisse:
Das Gründerökosystem „Rhein-Main“ aus der Perspektive regionaler Startups, n= 37
Das Gründerökosystem „Rhein-Main“ aus der Perspektive regionaler Startups, n= 37 (Bild: RKW Kompetenzzentrum)

Gründerszene & Netzwerke

Die Gründerszene wird als sehr jung und überschaubar eingeschätzt. Man kenne sich, tausche sich aus und unterstütze einander. 
Es gibt diverse Veranstaltungen wie Meetups, Roundtables und Pitch-Veranstaltungen. Sogar regelmäßig stattfindende private Stammtische hätten sich etabliert. Aber: Im Vergleich zu Berlin hat Rhein-Main nach wie vor den Stempel "klein aber fein". Auch fehle es an spannenden Exit-Beispielen oder Börsengängen. Zudem bemängeln einige Befragte das zurückhaltende Networking einiger Start-ups.

Politische Rahmenbedingungen

Junge Unternehmen aus dem Fintech-Bereich berichten der Studie zufolge über große regulatorische Schwierigkeiten bei der Umsetzung ihrer Geschäftsidee und verweisen auf bessere Bedingungen im europäischen Ausland, insbesondere London (die Studie wurde im April 2015, also vor dem Brexit-Votum, durchgeführt). Startups fordern eine differenzierte Regulierung in Deutschland, die ihnen eine faire Chance am Markt ermöglicht.

Infrastruktur

Hier schneidet das Rhein-Main-Gebiet am besten ab. Die Region liegt im Herzen Europas, hat einen der größten europäischen Flughäfen, ein formidables Verkehrsnetz und gilt durch den größten Internetknoten der Welt (gemessen am Datendurchsatz) als perfekter Standort für die Neuerrichtung von Rechenzentren. Größtes Manko sind die hohen Mieten. Die durchschnittliche Miete betrug im dritten Quartal 2015 20 Euro pro Quadratmeter. In Berlin sind es 13,75 Euro.

Talentpool

Passendes Personal zu finden, ist in der Region Rhein-Main nicht besonders schwierig. Die Goethe-Universität und die TU Darmstadt wurden in den Gesprächen als Ausbildungsstätten am häufigsten genannt. Auch kleinere Einrichtungen aus Wiesbaden und Aschaffenburg finden Beachtung. Dennoch konstatieren die Forscher, dass Frankfurt sein Image als "Anzugträgerstadt" noch immer nicht verloren hat und im gegensatz zu Berlin nicht als "sexy" gilt.

Marktzugang

Die hohe Dichte an Corporates und mittelständischen Unternehmen würden den Marktzugang und die Kommunikation mit den Kunden erleichtern, heißt es. Ein weiterer Wettbewerbsvorteil bestehe in der Gestaltung informeller Feedbacksysteme. So gaben mehrere Befragte an, ihre Produkte in stetigem Kontakt mit potenziellen Kunden bereits vor der Marktreife zu optimieren. Doch ganz so toll ist die Welt dann doch nicht: Viele große Unternehmen in der Region hätten nur wenig Bereitschaft für "Neues" und zeigen eine eher abwertende Haltung.

Unterstützung & Beratung

Gründende benötigen häufig Hilfe von Patentanwaltskanzleien, Steuer- und Unternehmensberatungen sowie von Wissenschaftsexperten. Frankfurt hat davon einige, doch werden die Preiswerwartungen häufig als zu hoch eingestuft. Außerdem gäbe es zu viele unpassende Berater in der Region. Was Gründer vermissen, sind etwa "Hilfsmeetups", bei der man eine kostenlose Rechtsberatung erhält.

Finanzierung

Der Zugang zu finanziellen Mitteln ist problematisch. Mehr als die Hälfte der befragten Gründer hatten und haben mit größeren Finanzierungsschwioerigkeiten zu kämpfen. Eine große Lücke klaffe vor allem bei Startups, die nach der Gründung weiteres Kapital für das Wachstum benötigen (Post-Seed-Phase). Dafür wird die Business-Angels-Szene als stark angesehen und soll sogar international wettbewerbsfähig sein. Problematisch sind hingegen größere Folgefinanzierungen durch Venture-Capital-Fonds. Der Anteil an Hightech-Unternehmen mit einer Venture-Capital-Finanzierung liegt in der Region mit 1,5 Prozent unter dem deutschlandweiten Schnitt von 2,7 Prozent. Das Grunder-Ökosystem Rhein-Main hat also noch einige Hausaufgaben zu machen. Die Autoren der Studie empfehlen nun zum einen eine Spezialisierung auf bestimmte Kompetenzfelder, weil Berlin bezüglich der Gesamtzahl an Startups kaum mehr einzuholen sei. Rhein-Main könne sich etwa bestens als Deutschlands Top-Fintech-Standort positionieren. Zum anderen sei ein Imagewandel nötig. Stichwort Anzugträger. Die Forscher führen als Beispiel etwa die schwedische Stadt Malmö an, die den Sprung von einer "grauen und hoffnungslosen Industriestadt" zu einer der innovativsten Städte der Welt geschafft hat. ron

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