Gobutler Warum Amazons Alexa vor einem Berliner Start-up Angst haben muss

Freitag, 05. Februar 2016
Navid Hadzaad, CEO Gobutler
Navid Hadzaad, CEO Gobutler
Foto: HORIZONT

Diesen Sonntag beim Super Bowl präsentiert Amazon zum ersten Mal seinen digitalen Sprachassistenten Alexa einer breiteren Öffentlichkeit. Doch der wahre Konkurrent des E-Commerce-Riesen ist ein ehemals deutsches Start-up, das einmal ganz klein angefangen hat: Als digitales Helferlein für Menschen, die um Mitternacht dringend neue Zigaretten benötigen. Und Gobutler sieht der neuen globalen Konkurrenz gelassen entgegen. Gründer und CEO Navid Hadzaad: "Das validiert nur unser Geschäftsmodell."

Der eigentlich interessante Kampf zwischen Amazon und Gobutler findet allerdings im Hintergrund statt. Denn Alexa ist nur die fiktive Persönlichkeit (ähnlich wie Apples Siri) für Amazons KI-System Echo, das den Konsumenten als Suchmaschine und digitaler Assistent dienen soll. Das eigentlich strategische Ziel Amazons ist allerdings zum einen, die Nutzerprofile ihrer Kunden zu verfeinern und alle ihre Online-Käufe in die eigenen Kanäle zu lenken. Ähnlich wie Google über die Auswertung von Suchanfragen der User die gegebenen Antworten verfeinert, baut die Grundlage von Echos digitaler Intelligenz auf den Produktrecherchen und Kaufentscheidungen der User im Amazon-Shop auf. Genau an diesem Punkt hat Gobutler eine andere Strategie gewählt. Das in Berlin gegründete Start-up sorgte im Frühjahr und Sommer 2015 als Trendsetter im neuen Hype-Markt der Concièrge-Dienste für Furore. Über SMS und die Website sollten die Nutzer jeden vorstellbaren Auftrag an das Gobutlerteam – vom Zigarettenholen bis hin zum Buchen einer Reise – einfach delegieren können. Das Modell lockte mit TV-Moderator Joko Winterscheidt, Schauspieler Ashton Kutcher und Musiker Jared Leto gleich eine ganze Reihe prominenter Investoren an, obwohl nie wirklich ersichtlich war, wie aus den Concièrge-Services ein skalierbares und vor allem profitables Geschäft werden sollte.

Nun verriet CEO Hadzaad bei seinem Auftritt auf dem Deutschen Medienkongress in  Frankfurt, dass es in dieser Phase nur in zweiter Linie um die Akquise der Concierge-Aufträge ging: "Wirklich spannend für uns war es zu sehen, was Menschen über so einen Service überhaupt bestellen und auf welche Art sie es tun." Denn anders als bei klassischen Suchmaschinen, die allein schon durch das textbasierte Interface Anfragen strukturieren, sind mündliche Anfragen per Sprachinterface grundsätzlich unstrukturiert. Mit zuletzt gemeldeten 50.000 Nutzern und einer sechsstelligen Summe an Anfragen konnte sich Gobutler so einen wertvollen Datenschatz aufbauen, der den großen Internetkonzernen schlicht fehlt. Hadzaad: "Natürlich kann jeder einen selbstlernenden Algorithmus entwickeln. Aber um einen richtig guten Bot zu bauen, braucht man so viele Datenpunkte wie möglich."

An seinem New Yorker Standort hat Gobutlers digitaler Assistent mittlerweile die Marktreife erreicht. Die Kategorie Reiseaufträge wurde jetzt als Erstes auf eine vollautomatische Bearbeitung umgestellt.  Und mittlerweile ist auch klar, wie Gobutler für seine Investoren Geld verdienen will. Hadzaad kann sich einerseits vorstellen, dass seine Technologie als White-Label-Lösung auf den Websites den Usern das Finden des richtigen Produkts erleichtern soll. Alternativ würde er für direkte Produktanfragen über Gobutler den Unternehmen eine Provision berechnen.

Spätestens jetzt wird deutlich, warum sich Hadzaad zutraut, Gobutler zum Google des Mobile Web zu machen. Ähnlich wie die Suchmaschine über den geschäftlichen Erfolg vieler Unternehmen im Internet entscheidet, könnte Gobutler zur entscheidenden Schnittstelle zwischen Konsumenten und Unternehmen im Mobile Web werden. Aber Hadzaad sieht einen entscheidenden Unterschied zwischen seinem Angebot und Googles Geschäftsmodell:  "Wir generieren keinen Traffic, sondern echte Sales für Unternehmen. Das ist für unsere Partner weitaus wertvoller."

Ein weiterer Unterschied der Interface-Lösungen hat allerdings das Zeug dazu, Online-Marketing tiefgreifend zu verändern. Während Google prinzipiell viele Seiten potenziell relevanter Suchergebnisse ansagt, muss Gobutler seine Lösungen auf eine kleine Auswahl begrenzen, wenn der Bequemlichkeitsfaktor für die User erhalten bleiben soll. Erst wenn der Kunde mit einer gezeigten Lösung unzufrieden ist, wird im die nächste Alternative angeboten. Das bedeutet aber umgekehrt: Wenn ein Gobutler-Kunde mit einem gezeigten Angebot zufrieden ist, haben Konkurrenten des Unternehmens danach keine Chance mehr, um diesen Kunden zu werben. Eine Einschränkung, die auch Gobutler-Gründer Hadzaad bewusst ist: "Will ein User neue Dinge entdecken oder breit recherchieren, dann ist Gobutler nicht das optimale Interface." cam

Meist gelesen
stats