"Geschmacklos" und "absurd" So wehrt sich die Werbeindustrie gegen das geplante "Busen-Verbot"

Montag, 11. April 2016
Für sexistische Werbung ist bislang der deutsche Werberat zuständig
Für sexistische Werbung ist bislang der deutsche Werberat zuständig
Foto: Deutscher Werberat

Die Bundesregierung macht der Werbeindustrie zunehmend das Leben schwer. Nachdem erst kürzlich die Einführung von Horrorbildern auf Zigaretten-Packungen für diesen Mai beschlossen wurde, soll die Tabakindustrie nun auch ein Werbeverbot für Out of Home und Kino aufgebrummt bekommen. Für Kopfschütteln sorgt derweil der am heutigen Montag bekannt gewordene Plan von Bundesjustizminister Heiko Maas, sexistische Werbung pauschal zu verbieten. Das "Busen-Verbot" ("Bild") stößt in der Branche auf heftigen Gegenwind.
Der Plan des SPD-Ministers, das Verbot sexistischer Werbung im Zuge der Novellierung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb über die Bühne zu bringen, stößt vor allem beim Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) auf Kritik. Das ist schon deshalb nicht verwunderlich, weil mit dem Deutschen Werberat das Selbstregulierungsorgan der werbungtreibenden Industrie in Deutschland beim ZAW angesiedelt ist. Verbandschef Manfred Parteina geht es aber nicht in erster Linie darum, den Werberat vor Angriffen zu schützen: "Es geht aktuell um einen geplanten Missbrauch des Wettbewerbsrechts für Werbezensur." Stefan Engels gibt dem ZAW-Chef in der Sache Recht: "Der Schutz der sexuellen Selbstbestimmung ist grundsätzlich Sache des Strafrechts. Das Wettbewerbsrecht dient dagegen dem fairen Wettbewerb", wird der Fachanwalt für Wettbewerbsrecht in der "Bild" zitiert. Hier würden Dinge vermischt, die nichts miteinander zu tun hätten.
Marlboro Plakat
Bild: dfv

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Der ZAW nutzt die Gelegenheit freilich auch, um erneut die Regulierungswut der Bundesregierung anzuprangern. Aus Sicht von Parteina kann kein Werbeverbot das Fehlverhalten von Einzelnen oder Gruppen verhindern. "Das gilt auch für die schlimmen Vorfälle in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten, die der ZAW aufs Schärfste verurteilt“, so Parteina. Dass nun ein Zusammenhang zwischen den Übergriffen in Köln und sexistischer Werbung gezogen wird, ist aus Sicht des ZAW-Chefs "absurd". 
Die Übergriffe seien durch "ein rückständiges Rollenbild", aber nicht durch die Werbung in Deutschland ausgelöst worden. Ins gleiche Horn stößt Wolf Ingomar Faecks, Präsident des Gesamtverbands Kommunikationsagenturen GWA. „Den Zusammenhang zwischen Werbung und den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln herzustellen, ist schon ein erstaunlicher Kunstgriff“, meint Faecks. Mit dem geplanten Sexismus-Verbot verlagere sich die Diskussion um zulässige Werbung endgültig auf die Geschmacksebene. "Wer will eindeutig entscheiden, wann Werbung sexistisch ist?“ fragt Faecks. Der Vorstoß sei daher "in jeder Hinsicht komplett unsinnig". 

Kein Verständnis haben die Verbände auch für den Plan, Tabakwerbung im Kino und auf Plakaten zu verbieten. Aus Sicht von Parteina wäre dies nicht nur ein Eingriff in den Werbemarkt "von bislang nicht gekannter Tiefe". Ein Werbeverbot "wird auch niemanden veranlassen, mit dem Rauchen aufzuhören oder gar nicht erst anzufangen", glaubt 
Parteina.

Ganz auf einer Linie mit dem ZAW-Chef ist 
Patrick Tapp, Präsident des Deutschen Dialogmarketing Verbands (DDV): "Einmal mehr will Maas bereits bestehende und gut funktionierende Marktmechanismen wie den deutschen Werberat untergraben. Mit der Begründung, dass sich durch Werbeverbote Situationen wie die Silvesternacht in Köln verhindern ließen, hat Maas sich jedoch dieses Mal selbst übertroffen. Das ist der Gipfel der Geschmacklosigkeit", schimpft Tapp.
Eines der gerügten Werbemotive
Bild: Deutscher Werberat

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Aus Sicht von Tapp geht auch die geplante Ausweitung des Tabakwerbeverbots in die falsche Richtung. "Zwar erfreut sich die Regierung sprudelnder Steuereinnahmen in Höhe von jährlich über 14 Milliarden Euro aus dem Verkauf von Tabakprodukten. Wenn es aber darum geht, einem Verbraucher seine Persönlichkeitsrechte abzusprechen, wie das der freien Meinungsbildung, dann schlägt die Bundesregierung mit aller Härte zu. Das ist an Heuchelei nicht zu überbieten", so Tapp.

Sein Unverständnis hatte auch Jung-von-Matt-Chef Thomas Strerath in der "Bild" zum Ausdruck gebracht: "Demnächst gilt noch die Helmpflicht für das Anschauen von Werbung. Vertrauen wir dem mündigen Bürger, dessen Urteil ist schärfer und schneller als jede Behörde und bestraft dümmlich sexualisierte Werbung eh", wird Strerath in der Zeitung zitiert. mas
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