Gastkommentar Daimler leistet sich zivilen Ungehorsam

Montag, 12. August 2013
Ferdinand Dudenhöffer
Ferdinand Dudenhöffer

Eigentlich geht es nur um ein Kältemittel. Doch der Streit zwischen der EU und Frankreich auf der einen Seite und Daimler auf der anderen hat auch einen Markenaspekt, wie Professor und Autokenner Ferdinand Dudenhöffer in einem Gastkommentar für HORIZONT.NET findet: Daimler leistet sich zivilen Ungehorsam. Der Marke tut das gut. Zwischen Daimler, der EU und Frankreich ist ein bizarrer Streit entfacht. Anlass ist ein neues Kältemittel für Klimaanlagen mit dem unspektakulären Namen R1234yf. Da sich Daimler weigert, R1234yf einzusetzen hat Frankreich ein Verkaufsverbot für Mercedes-Modelle erlassen. Die EU-Kommission unterstützt die Franzosen. R1234yf ist Klima-schonender als das heutige Kältemittel und wurde deshalb von der EU-Kommission „zwangsverordnet". Daimler wollte der Verordnung folgen bis vor kurzem  der sprichwörtliche „schwäbische Oberingenieur" herausgefunden hat, daß R1234yf eine gefährliche Nebenwirkung hat. In Crashtests ist R1234yf auf den heißen Motor gelangt. Hochtoxische Flusssäure hat sich gebildet, die bei Menschen zu schweren Verätzungen führt. R1234yf kann also lebensgefährlich sein. Deshalb weigert sich Daimler das Mittel einzusetzen und will in zwei Jahren eine Alternative parat haben.


Wie riskant ist der Gesetzesverstoß für die Marke? Üblich ist eher das Umgekehrte. Probleme werden vertuscht, um dem Verkauf nicht zu schaden. Etwa als Toyota zwischen 2009 und 2010 mehr als zehn Millionen Fahrzeuge zurückrufen musste. Klemmende Gaspedale und andere Dinge hatte die Marke lange verheimlicht. Das Ergebnis war eine Marken-Katstrophe. Die Erfahrung mit dem Elchtest der Mercedes A-Klasse zeigte, daß sich Markenehrlichkeit lohnt. Wichtig ist nicht kurzfristiges durchmogeln, sondern der langfriste Markenwert. Domizlaff hat vor über 80 Jahren mit dem Werk „Über die Gewinnung öffentlichen Vertrauens" erklärt, was Marken sind: Kein Mogelpackungen mit emotionalen Bildchen, sondern ehrliche Inhalte.

Mercedes stärkt mit seinem zivilen Ungehorsam die Glaubwürdigkeit der Marke. Mercedes macht etwas, das bisher nicht beobachtet wurde. „Das Beste oder Nichts" wird mit  der Verweigerung von R1234yf neu definiert. Die Marke nimmt erhebliche Nachteile in Kauf, um das Risiko, Menschen zu gefährden auszuschalten. Es gibt keine besseren Bilder. Und was passiert mit der Marke EU? Die frühere Meldungen über zwangsverordnete Energiesparlampen, die beim zerbrechen Quecksilber freisetzen, sind noch in unserem Gedächtnis. Die Marke EU steht vor einem großen Bewährungstest. Kein Mensch braucht eine EU, die wegen ein paar Euro Mehrkosten für kühle Fahrzeuginnenräume Menschenleben in Kauf nimmt.

Professor Ferdinand Dudenhöffer ist Direktor des CAR-Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen sowie Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen.
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