G20-Schildhalter Andre Kramer "Wäre Rewe mein Stamm-Supermarkt, hätte auf dem Schild Rewe gestanden"

Montag, 10. Juli 2017
"Das war keine Marketing-Aktion": Andre Kramer
"Das war keine Marketing-Aktion": Andre Kramer
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EDEKA Andre Kramer Rewe G20-Gipfel G20 St. Pauli Jung von Matt


Am Wochenende beherrschten erschreckende Bilder vom G20-Gipfel in Hamburg die Medien. In den sozialen Netzwerken sorgte allerdings auch ein anderes, sehr unterhaltsames Foto für Wirbel. Es zeigt Comedian Andre Kramer, der mit einem Pappschild (Aufschrift: "Ich bin Anwohner und gehe nur kurz zu Edeka. Danke") bewaffnet versucht, sich durch die verstopften Hamburger Straßen zu kämpfen. Da auch Edeka mitzog, ging der Post viral. HORIZONT Online sprach mit Kramer über die Hintergründe der Aktion.
Moin Moin Herr Kramer. Wie sieht es aus in Hamburg, hat sich die Stadt inzwischen vom G20-Chaos erholt? Ja, mittlerweile ist alles wieder aufgeräumt. Es ist überragend zu sehen, was gestern unter dem Hashtag #Hamburgraeumtauf passiert ist. Das muss man sich einmal vorstellen: Da kommen tausende gewaltbereite Idioten in die Stadt und die Hamburger tauschen sich aus, nehmen das hin, verabreden sich an ihrem freien Sonntag und räumen alles auf.

Haben Sie auch an dieser Aktion teilgenommen? Ich hatte ehrlich gesagt keine Zeit. Aber ich fand es total super, dass meine Aktion neue Reaktionen mit anderen Schildern hervorgerufen hat. Zum Beispiel wurde ja ein Rewe-Markt komplett zerlegt. Gestern hat dann jemand bei der Aufräum-Aktion ein Schild mit dem Text "Ich bin Anwohner und gehe nur kurz zu Rewe, aufräumen" hochgehalten. Auch sehr lustig: Am Samstag ist ein Typ mit einem Schild herumgelaufen, auf dem "Je suis Rewe" stand. Fantastisch!
Wie sind Sie auf diese Schilder aufmerksam geworden? Die habe ich selber im Netz gefunden beziehungsweise von Freunden zugespielt bekommen oder auch von Fremden – ich bekomme jetzt gefühlt 200 Nachrichten am Tag.

War Ihre eigene Schild-Aktion ein Scherz oder steckt eine politische Botschaft dahinter? Es war nicht nur ein Scherz. Ich wollte zeigen, was die Präsenz der G20-Chefs, der Demonstranten und der Polizeieinsatz mit Hamburg macht. Ich wollte gegen alle demonstrieren, die hier das ganze Viertel in Beschlag nehmen. Das war meine Message.

Der Hamburger Andre Kramer hat mit seinem Schild die Herzen der Social-Media-Gemeinde erobert
Bild: Andre Kramer Facebook

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Eine Werbebotschaft für Edeka steckte aber nicht dahinter? Überhaupt nicht. Ich weiß, dass Gerüchte im Netz kursieren. Es ist richtig, dass ich selber einen Werber-Hintergrund habe und bei einigen Digitalagenturen tätig war. Es ist also richtig, dass ich weiß, wie das Internet funktioniert. Aber alles andere war absoluter Zufall. Man kann zwar über virale Aktionen nachdenken, aber ob es wirklich funktioniert, lässt sich nicht planen. Und wäre mein Stamm-Supermarkt, der am nächsten an meiner Wohnung liegt, ein Rewe, hätte auf dem Schild Rewe gestanden.

„Ich weiß, wie das Internet funktioniert. Aber alles andere war absoluter Zufall.“
Andre Kramer
Als Sie am Donnerstag mit dem Schild losgezogen sind, waren bereits viele Demonstranten unterwegs, richtig? Ja, es war zwei Stunden, nachdem die "Welcome to Hell"-Demo losging. Um 16 Uhr haben die sich am Fischmarkt getroffen und um 18 Uhr bin ich mit dem Schild losgegangen. Ich bin aber gar nicht bis zu Edeka gekommen - ich bin aus dem Haus raus und nach 10 Metern haben die ersten Leute angefangen, Fotos zu machen. Irgendwann hat mir das selber Spaß gemacht, weil ich so viele verschiedene Leute getroffen habe. Wir haben Fotos gemacht, Bier getrunken, geschnackt. Und eine Dreiviertelstunde später kamen Menschen auf mich zu und hielten mir ihre Handys unter die Nase, weil ich in ihren WhatsApp-Gruppen aufgetaucht bin. Irgendwann hat auch meine Oma angerufen und gesagt "Junge, da ist ein Mann mit einem Schild im Fernsehen, der sieht aus wie du". Überragend!

Unter dem Reaktions-Post schreiben Sie, dass Ihre Fotorechte in den letzten Tagen missbraucht wurden. Ist Ihnen der Hype und dass jeder Sie fotografiert hat überhaupt Recht? Doch, das ist grundsätzlich schon okay gewesen. Es gab viele Medien, die gefragt haben, bevor sie mein Bild veröffentlicht haben. Die haben es richtig gemacht. Viele andere haben es aber einfach rausgehauen und so entstanden Artikel mit vielen Spekulationen, zum Beispiel, dass ich nur ein "angeblicher Anwohner" sei. Da hätten sie einfach nachfragen können. Oder Posts im Netz, in denen ich nicht verlinkt werde. Das finde ich nicht so cool. Aber ich glaube, in dem Ausmaß ist das alles einfach nicht mehr zu kontrollieren.

Sie sagen, dass auch in Hamburg selbst der Hype riesengroß war. Wo schlug die Aktion höhere Wellen - direkt in den Menschenmassen oder im Internet? Definitiv im Netz. Mich erreichen Nachrichten aus dem ganzen Bundesgebiet. Auf meiner Facebook-Seite bekomme ich viel Zuspruch - zum Beispiel, weil ich die Lebensmittel spenden möchte. Es ist aber auch ein klasse Ding für St. Pauli. St. Pauli ist eine Einstellung. St. Pauli gibt dir, und wenn du kannst, gibst du St. Pauli etwas zurück. Außerdem ist es völlig verrückt, dass das Schild auch im Ausland durch die Decke geht. Mir wurden Screenshots aus Holland, Russland, Georgien und China zugeschickt - irre.
Edeka hat auf Ihren Post reagiert und mit Ihnen abgemacht, die Lebensmittel zu spenden. Wissen Sie, ob das schon in die Tat umgesetzt wurde? Ich habe mit Edeka gesprochen und wir haben uns verabredet. Wir möchten den Hype erst einmal sacken lassen und in dieser Woche telefonieren. Ich denke, wir werden dann zusammen zur Tafel auf St. Pauli gehen und die Spenden überreichen.

Hand aufs Herz: Es gibt und gab trotzdem keinerlei Verbindung zwischen Ihnen und Edeka und auch keine Kooperationspläne? Nee, überhaupt nicht. Ich habe zwar Freunde, die bei Jung von Matt arbeiten (JvM arbeitet für Edeka, Anmerk. d. Red.), aber ich war nie selber dort, ich bin kein freier Mitarbeiter - das war keine Marketing-Aktion. Das war einfach nur eine spontane, wichtige Aktion eines Comedians, der seit Jahren lustige Sachen macht und jetzt mal etwas so Lustiges gemacht hat, dass es rumgeht.

Spüren Sie die Auswirkungen der Aktion auch auf ihren eigenen Social-Media-Kanälen, abgesehen von dem einzelnen Post? Bekommen Sie viele neue Likes? Ja, das ist auch total abgefahren, was da passiert. Am Freitagmorgen hatte meine Comedy-Fan-Seite 1.100 Likes – und jetzt gerade über 7.000. Und es wächst weiter, das ist richtig irre. Darüber freue ich mich natürlich. Ich sehe das auch als Bestätigung meiner Arbeit als Comedian. Wenn ich so vielen Leuten eine Freude machen kann, habe ich meinen Job anscheinend ganz gut gemacht.

Interview: Katharina Brecht
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