Fuckup-Nights Was Gründer vom Scheitern lernen und wieso Christian Lindner der Start-up-Kanzler ist

Freitag, 01. April 2016
FDP-Chef Christian Lindner schwört die Start-up-Szene in Frankfurt ein
FDP-Chef Christian Lindner schwört die Start-up-Szene in Frankfurt ein
Foto: Youtube/FuckUp Nights

Vier ehemalige Gründer treffen sich in Frankfurt, um über das eigene Scheitern zu reden - und 1000 Leute hören zu. Die "Fuckup-Nights" sind ein Phänomen, das Außenstehende verwundert und die Start-up-Szene begeistert. Auf die Politik sind die jungen Unternehmer nicht gut zu sprechen, Merkels #Neuland lässt grüßen. Diejenigen aber, die anders denken, die vermeintlich Gescheiterten, werden von den Gründern beklatscht. So wie FDP-Chef Christian Lindner.
Der Bundesvorsitzende der Liberalen ist so etwas wie die Galionsfigur der Branche, seit er vor rund einem Jahr im nordrhein-westfälischen Landtag eine "Wutrede" gehalten hat. Es geht darin um den Gründergeist in der Bundesrepublik, um die Mentalität des Scheiterns, um "German Angst". Das Video haben die User mehrere hunderttausend Mal angeklickt. Ein SPD-Abgeordneter hatte Lindner damals per Zwischenruf mit dessen Misserfolg als junger Unternehmer zu Hochzeiten der New Economy konfrontiert. Einmal gescheitert, immer gescheitert?
"In Deutschland ist man stigmatisiert, wenn man einmal ein Projekt in den Sand gesetzt hat - dann ist man schnell der Versager oder sogar der Kriminelle, der etwas versucht hat, wovon doch alle wussten, dass es nicht funktionieren kann", sagt Lindner. Gerade für die Entwicklung innovativer Ideen und Technologien brauche es einen Mentalitätswandel. Für seine Forderungen erntet der FDP-Mann in der Szene großen Applaus, seine Sätze sind unter Gründern von Baden bis Berlin mehr oder weniger ein Selbstläufer. In Frankfurt ist das nicht anders. Fast ein Jahr lang haben die Veranstalter Daniel Putsche und Jelena Klingenberg an Lindner gebaggert, bis dieser zwischen Kommunal- und Landtagswahlen Zeit für ein Gastspiel in der Bankenmetropole gefunden hat. Das Zugpferd zieht: Mit rund 1000 Besuchern ist die vierte Ausgabe in Frankfurt die zweitgrößte "Fuckup-Night" überhaupt, nur in der Heimatstadt des Events Mexiko City waren es schon einmal mehr. Dort nahm die Bewegung im Herbst 2012 als ursprünglich privates Happening unter Freunden ihren Anfang, heute finden die "Fuckup-Nights" als Franchise-System in weltweit über 150 Städten statt. Man spricht über das Scheitern, gibt seine Learnings an die nächste Generation weiter.
FDP-Parteichef Christian Lindner
Bild: Oliver Tjaden/Laif

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Das ist aus mehreren Gründen wichtig, meinen die Veranstalter. In Frankfurt nähert sich Beraterin Klingenberg dem Thema von der psychologischen Seite und begleitet insbesondere junge Unternehmen beim personellen und strukturellen Wachstum. Putsche konzentriert sich mit seinem eigenen Start-up Candylabs auf die "Strategie der kleinen Niederlagen": "Scheitern ist Bestandteil des Innovationsprozesses", sagt der Gründer. Mit diesem Konzept treibt Candylabs die Digitalisierung in großen und mittelständischen Unternehmen voran.
Message der "Fuckup-Night": Scheitern ist okay
Message der "Fuckup-Night": Scheitern ist okay (Bild: dfv)
Und spricht damit Lindner aus der Seele. "Die Grundvoraussetzung in Deutschland stimmt nicht, um eine größere Gründungsdynamik zu bekommen", so der Politiker. Bei Start-ups handele es sich um Experimente, bei denen man nicht die gleichen Standards wie bei Handwerksbetrieben anlegen dürfe. Ansonsten drohe "volkswirtschaftlich und gesellschaftlich ein Problem". Die Besucher der "Fuckup-Night" müssen von einem Paradigmenwandel aber nicht überzeugt werden. Aus der Studie "Deutscher Start-up Monitor" 2015 geht hervor: Nähmen nur Start-up-Gründer an Bundestagswahlen teil, würde die FDP als stärkste Kraft den Kanzler stellen. Christian Lindner gefällt das. fam

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