Forsa-Chef zum Trump-Sieg "Wenn man es rein statistisch sieht, ist nichts schief gelaufen"

Montag, 21. November 2016
Manfred Güllner
Manfred Güllner
© Forsa

Der Schock sitzt tief. Der Wahlsieg von Donald Trump in den USA wirft viele Fragen auf, auch die, warum kaum eine der zahlreichen Befragungen diesen Ausgang vorhergesagt hat. Liegt es vielleicht an den Methoden? Muss sich die Wahlforschung für neue Verfahren öffnen? Manfred Güllner, Geschäftsführer von Forsa, nimmt Stellung zum Wahlausgang in den USA und den Konsequenzen für die Meinungsforschung vor der Bundestagswahl in Deutschland.

Herr Prof. Güllner, sind Sie froh, dass Sie kein amerikanischer Wahlforscher sind? Ja, aber nicht wegen der aktuellen US-Wahl, sondern weil ich die Rahmenbedingungen in Deutschland nach 40 Jahren Wahlforschung gut kenne, die in USA hingegen nicht so gut. 

Donald Trump hat die Wahlen in den USA gewonnen. Die meisten Umfragen haben einen Sieg von Hillary Clinton vorhergesagt. Was ist da schief gelaufen? Wenn man es rein statistisch sieht, ist nichts schief gelaufen. Hillary Clinton hat ja – wie schon Al Gore bei der Wahl 2000 im Vergleich zu Bush – mehr Stimmen als Trump erhalten. Doch bei dem amerikanischen Wahlsystem gewinnt nicht unbedingt der, der die meisten Stimmen erhält, sondern der, der mehr Wahlmänner für sich gewinnen kann.

Dann war also das System „The winner takes it all“ schuld, dass die Wahl anders ausfiel, als die Zahlen eigentlich voraussagten. Die Stimmen, die für einen Wahlmann erforderlich sind, sind nicht in allen US-Staaten gleich hoch. Die komplizierte Umrechnung der nationalen Umfragewerte – die sich durchaus im Rahmen der statistischen Fehlertoleranz bewegten – auf die Wahlmänner war also der Fehler, nicht die Umfragewerte an sich.

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Gibt es ähnliche Phänomene bei unseren Wahlen? Wenn wir das auf die Bundestagswahl übertragen, können wir mit Umfragen ja wegen der möglichen Überhang- und Ausgleichsmandate die genaue Zahl der Mandate auch nicht vorhersagen. Der Bundeswahlleiter hat 2013 nach Vorliegen des Endergebnisses mehrere Stunden gebraucht, bis er die Mandatsverteilung berechnet hatte. Auf der Basis von Umfragedaten kann man deshalb auch in Deutschland nicht die genaue Zahl der Mandate vorhersagen, sondern nur ungefähre Modellrechnungen vornehmen.

Es wird von dem sogenannten „Shy-Trump-Effekt“ gesprochen: Die Leute haben nicht gesagt, wen sie wirklich gewählt haben. Ein Problem, das wir auch in Deutschland beobachten, ist, dass wir bestimmte Wählergruppen haben, die sich nicht befragen lassen, weil sie meinen, Meinungsforscher gehörten zum Establishment. Meinungsforscher, Politik und Medien – das wird alles in einen Topf geworfen. Wenn wir bei Befragungen auf hartgesottene AfD-Anhänger stoßen, dann legen die das Telefon gleich auf, wenn sie „Forsa“ hören. Die bekennen sich also schon, sagen es uns nur nicht. Ich kann mir vorstellen, dass dies in den USA ähnlich war. Dass die, die im Trump-Lager waren, die Meinungsforscher hassen und sie deshalb ignorieren. In Deutschland haben wir außerdem das Problem, dass die Leute nicht zugeben, dass sie nicht zur Wahl gehen. Vor einer Wahl sagen sie uns, sie wählen eine bestimmte Partei. Das würden sie auch tun, wenn sie zur Wahl gingen. Aber sie gehen nicht und das sagen sie uns nicht, weil man das nicht gerne zugibt.

Das ist also nicht der Shy-Trump-Effekt, sondern der Shy-No-Show-Effekt? Wir haben einmal Anfang der 70er Jahre, als ich noch bei Infas war, eine Untersuchung mit tatsächlichen Nichtwählern durchführen können. Da würden uns heute die Datenschützer aufs Dach steigen. Von den tatsächlichen Nichtwählern hat uns die Hälfte gesagt, ich habe gewählt. Sie haben also auch nach der Wahl nicht zugegeben, dass sie nicht zur Wahl gegangen sind. Dieses Phänomen gibt es bis heute.

Gibt es neue Erkenntnisse für die Meinungsforschung zur Bundestagswahl im nächsten Jahr? Wie kann verhindert werden, dass der Trump-Effekt bei uns auch eintritt? Wir haben Erfahrungen mit den bisherigen rechtsradikalen Parteien. Aber bei der AfD haben wir noch zu wenig empirische Unterlagen, die aber von Wahl zu Wahl besser werden. Das Hauptproblem ist, wie gesagt, dass sich manche Leute nicht befragen lassen. Da kann man sich noch so viele indirekte Befragungen oder andere Methoden ausdenken, diese Gruppe beteiligt sich an keiner Form einer Untersuchung. 

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