Fernet-Branca So geht der Werberat mit der Beschwerde um

Mittwoch, 08. November 2017
Stein des Anstoßes: Ein Fernet-Branca-Motiv, geschaltet im Hamburger Stadtteil Ottensen
Stein des Anstoßes: Ein Fernet-Branca-Motiv, geschaltet im Hamburger Stadtteil Ottensen
© Facebook

Der "Fall" Fernet-Branca beschäftigt inzwischen nicht mehr nur die Hamburger und die bundesweite Agenturszene, sondern jetzt auch ganz offiziell den Deutschen Werberat. Beim Selbstkontrollorgan der Werbewirtschaft seien zu dem Motiv ("Früher gab es hier ehrliche Arbeiter. Jetzt gibt es Werber. Life is bitter") mittlerweile Beschwerden - im Plural - eingegangen, berichtet Geschäftsführerin Julia Busse auf Anfrage von HORIZONT Online. Zuvor hatte unter anderem Jung von Matt/Sports-Chef Raphael Brinkert angekündigt, in diesem Fall den Werberat anzurufen.
Ein inhaltliches Urteil möchte Busse nicht fällen, sie erläutert aber den Ablauf des Verfahrens: "Zunächst erhält das von der Kritik betroffene Unternehmen Gelegenheit zur Stellungnahme; im Anschluss daran wird der Fall dem Entscheidungsgremium des Deutschen Werberats vorgelegt." Dieses Gremium tritt turnusmäßig zweimal im Jahr zusammen, diskutiert und entscheidet im Bedarfsfall aber auch über einen geschlossenen Chatroom. "Die durchschnittliche Verfahrensdauer lag 2016 bei zwei Wochen, viele Fälle konnten innerhalb weniger Tagen abgeschlossen werden", berichtet Geschäftsführerin Busse.
Julia Busse, Geschäftsführerin des Deutschen Werberats
Julia Busse, Geschäftsführerin des Deutschen Werberats (Bild: Deutscher Werberat)
Das Gremium setzt sich zusammen aus 15 Expertinnen und Experten aus allen Kernbereichen der Werbewirtschaft - dazu gehören werbende Wirtschaft, Medien, Agenturen, Werbeberufe und Marktforschung. Mitglieder sind unter anderem Mindshare-DACH-CEO Katja Anette Brandt, Ressourcenmangel-Gründer Benjamin Minack und SapientRazorfish-Chef Wolf Ingomar Faecks. Letzterer hatte die Reaktion von Brinkert und Benedikt Holtappels, Chef von GGH Mullen Lowe, auf das Plakat bei Facebook bereits als "dünnhäutig" bezeichnet.
Fernet Branca Werbermotiv 2017
Bild: Facebook.com/holtappels

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Auch wenn Werberat-Chefin Busse "dem Votum der Jury nicht vorgreifen" möchte: Ein Unternehmen wird nur zur Stellungnahme aufgefordert, wenn eine Beschwerde von der Geschäftsstelle nicht 
als offensichtlich unbegründet eingestuft wird. Das dürfte beim Fernet-Branca-Motiv jedoch nicht der Fall sein, vielmehr ist zu erwarten, dass Borco-Marken-Import als Distributeur der Marke angehört wird. Denn in den Verhaltensregeln des Deutschen Werberats gegen Herabwürdigung und Diskriminierung von Personen heißt es im Wortlaut: 
„[...] In der kommerziellen Werbung dürfen deshalb vor allem keine Aussagen oder Darstellungen verwendet werden, die Personen beispielsweise wegen ihres Geschlechts, ihrer Abstammung, ihrer Rasse, ihrer Sprache, ihrer Herkunft, ihres Glaubens, ihrer politischen Anschauung, ihres Alters, einer Behinderung oder ihrer Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe diskriminieren“
Brinkert, Holtappels und andere Beschwerdeführer sehen die Berufsgruppe der Werber durch das Motiv der neuen Fernet-Branca-Kampagne (Media und Text: Pilot Hamburg) diskriminiert - gerade wegen der Platzierung in Ottensen in unmittelbarer Nähe zum neuen Standort von Scholz & Friends. Der Umzug der WPP-Agentur war im Frühjahr 2017 von wütenden Protesten der Anwohnern begleitet worden. Die Anfeindungen begannen vor drei Jahrenals WPP die ersten Pläne für den Neubau veröffentlicht hatte, und dauern bis heute an. fam
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