FDP-Bundesgeschäftsführer Marco Buschmann "Ich bin überzeugt, dass es noch zu Leaks kommen wird"

Mittwoch, 23. August 2017
Marco Buschmann ist seit 2014 Bundesgeschäftsführer der FDP
Marco Buschmann ist seit 2014 Bundesgeschäftsführer der FDP
© FDP

"Digital First. Bedenken Second" lautet einer der Slogans der FDP-Kampagne für die Bundestagswahl. Die Liberalen haben sich auf die Fahnen geschrieben, digitale Themen besser zu durchdringen als die Konkurrenten von SPD, CDU und Grünen. HORIZONT Online wollte deshalb wissen: Wie organisiert die Partei ihren Netz-Wahlkampf? Und was tut sie gegen Fake News und Bots? Ein Gespräch mit Bundesgeschäftsführer Marco Buschmann.
Herr Buschmann, der Bundestagswahlkampf tritt in seine heiße Phase. Haben Sie den Eindruck, dass im Netz mit härteren Bandagen gekämpft wird als früher? Nicht zwischen den Parteien. Aber es gibt neue Akteure, die sich in den Wahlkampf einmischen. Man weiß nicht immer genau, wo die sitzen, aber die arbeiten gezielt damit, Falschinformationen zu verbreiten. Diese Akteure machen den Wahlkampf natürlich schmutziger. Was ich ausdrücklich verneinen möchte, ist die kulturpessimistische Haltung, dass die sozialen Medien angeblich alles schlimmer machen würden. Vieles von dem, was man dort liest, gab es früher auch – nur eben lediglich an den Stammtischen. Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, die Menschen seien früher zivilisierter oder rücksichtsvoller gewesen. Was sind die größten Herausforderungen im Wahlkampf derzeit? Eine extrem große Herausforderung sind Fake News. Vor allem dann, wenn nicht nur isoliert eine Falschbehauptung in die Welt gesetzt wird. Richtig schwierig wird es dann, wenn die Themen Fake News und Datensicherheit kombiniert werden – Stichwort Leaks. Also wenn unter auf illegalem Wege ins Netz gelangte, echte Dokumente Fälschungen gemischt werden und man sich fragen muss: was ist ein tatsächlich geleaktes Original und was ist eine Fälschung?
Christian Lindner Wahlkampfkampagne 2017
Bild: FDP

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Bisher sind wir im Bundestagswahlkampf vor solchen Leaks verschont geblieben. Rechnen Sie damit, dass es trotzdem noch passiert? Ich bin zum jetzigen Zeitpunkt davon überzeugt, dass so etwas in den letzten zwei Wochen vor der Wahl stattfinden wird, ja.

Wie wappnet sich die FDP gegen Leaks, Fake News und Social Bots? Gegen Fake News helfen nur Aufklärung und die Darstellung der tatsächlichen Fakten. Bei Social Bots bin ich der Meinung, dass die vielen Gespräche, die IT-Fachleute, aber auch Journalisten und Vertreter der Parteien über dieses Thema geführt haben, den Social Bots tatsächlich schon ein Stück weit die Durchschlagskraft genommen haben. Die größte Gefahr der Social Bots war ja, dass sie Redaktionen dazu veranlasst haben, davon auszugehen, dass sich die Bevölkerung für ganz bestimmte Themen interessiert – etwa für Berichte zur Ausländerkriminalität. Diese Gefahr ist nicht gebannt, aber auf Medienseite ist das Knowhow hierzu deutlich größer geworden. Mittlerweile haben wir Techniken und Verfahren entwickelt, Social Bots und Fake-News-Schleudern zu entdecken.

Haben die intensive Auseinandersetzung mit dem US-Wahlkampf und die für viele unerwartete Wahl von Donald Trump dazu beigetragen? Davon bin ich absolut überzeugt. Jeder besonders sichtbare Case sorgt für  eine Sensibilisierung. Ich weiß, dass in sehr vielen Redaktionen Qualitätsdebatten über Quellen und Trendmessungen geführt werden, um sich nicht ungewollt vor den Karren manipulativer Absichten spannen zu lassen.
„Gegen Fake News helfen nur Aufklärung und die Darstellung der tatsächlichen Fakten.“
Marco Buschmann
Hat die FDP auch eine eigene Unit, die sich mit diesen Themen beschäftigt? Wir haben natürlich die Sicherheitsstandards in unserer IT erhöht, nicht nur was die Parteistruktur angeht, sondern auch in Bezug auf private Kanäle unserer wichtigsten Funktionsträger. Zum anderen haben wir eine Task Force mit zehn Leuten im Haus, die für die Zeit des Wahlkampfes aktiv kommuniziert, aber auch Netzbeobachtung betreibt. Wenn in einer zweifelhaften Quelle ein Bericht über die FDP auftaucht, schauen wir uns das so schnell wie möglich an. Und wenn dort etwas objektiv Falsches in die Welt gesetzt wird, dann reagieren wir.

Das ist ja das Frustrierende an Fake News: Man kann immer nur reagieren. Sind die Verbreiter von Falschnachrichten nicht immer einen Schritt voraus? Das ist in der Welt der Meinungsfreiheit aber gar nicht anders denkbar. Freiheit heißt immer auch, dass Missbrauch stattfinden kann. Wenn wir alles, was geschrieben wird, erst einmal prüfen ließen, wäre das der Einstieg in die Zensur. Ich glaube, wir befinden uns derzeit in einem ähnlichen gesellschaftlichen Evolutionsprozess wie vor anderthalb Jahrhunderten, als die Tageszeitung bei uns eingeführt wurde. Irgendwann konnten die Menschen unterscheiden, welchen Medienmarken man vertrauen kann und welchen nicht. In ein paar Jahren werden wir Bots und Fake-News-Schleudern viel leichter erkennen können. Das ist ein Lernprozess, der sicher auch wehtun wird. Aber es wäre fatal, auf diesen Lernprozess zu verzichten und stattdessen auf Zensur setzen zu wollen.

Bundestagswahl 2017:

HORIZONT Online befragt im Vorfeld der Bundestagswahl Parteiverantwortliche und Wahlkampf-Manager zu ihren Strategien im Kampf um Stimmen. Bereits erschienen ist sind die Interviews mit Robert Heinrich, Kampagnenleiter der Grünen und Stefan Hennewig, seinem Pendant bei der CDU.
Welche Rolle spielen dabei die Plattformen selbst: Machen Facebook, Twitter und Co. zu wenig gegen Fake News, Bots und Hass? Rechtsverstöße müssen verfolgt und geahndet werden, das ist völlig klar. Ansonsten habe ich folgendes Problem: Wenn man einen privaten Akteur zum Zensor über Meinungsäußerungen macht und ihn möglicherweise auch haftbar macht, dann wird er sich möglichst korrekt verhalten wollen und im Zweifelsfall möglichst viel löschen. Das führt dazu, dass Kommunikation und sozialer Austausch eingeschränkt werden. Aber es muss möglich sein, Themen kritisch zu diskutieren – auch schwierige und absurde Themen.

Sie spielen auf das Netzwerkdurchsetzungsgesetz an. Meinen Sie, dieses Gesetz ist überflüssig, weil es die rechtliche Handhabe schon gibt? Meine These ist, dass im Parlament überwiegend Menschen sitzen, die in der alten Medienwelt groß geworden sind. Die kommen mit dem Tempo und den sozialen Ausdrucksformen der sozialen Medien nicht zurecht. Deswegen auch diese Regelung, die „den Sumpf austrocknen“ soll. Unsere Haltung ist: Social Media bringt neue mediale Ausdrucksformen, die eine Bereicherung sind. Natürlich passieren dort Dinge, gegen die man etwas tun muss. Aber es kann nicht sein, dass eine kleine aggressive Minderheit erreicht, dass der gesamte kommunikative Verkehr gebremst wird.

Lassen Sie uns über den Online-Wahlkampf der FDP sprechen. Wie viel Ihres Wahlkampf-Budgets fließt ins Netz? Unser Gesamtetat beträgt 5 Millionen Euro, für Digital Paid Media werden wir circa eine halbe Million Euro ausgeben. Etwa 250.000 Euro haben wir schon oder werden wir noch in Technik investieren. So ein Alexa-Skill muss ja gebaut werden, das kostet nun mal. Wir wollen ja nicht bloß bunte Bildchen malen.
Der Plenarsaal (Foto: Deutscher Bundestag / Marc-Steffen Unger)

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Die FDP hat sich Digitalisierung als eines der zentralen Wahlkampf-Themen auf die Fahnen geschrieben. Die Grünen etwa geben die Hälfte ihres Budgets fürs Netz aus. Warum Sie nicht? Weil hier „Viel hilft viel“ eine verkehrte Herangehensweise wäre. Wir haben vielmehr darauf geachtet, dass unsere gesamte Arbeitsweise in der Bundesgeschäftsstelle auf den digitalen Lebensrhythmus ausgelegt ist. Wir haben dafür eine völlig neue Einheit implementiert, den Digital Circle. Dort sitzen Vertreter der Bundesgeschäftsstelle, aus der  IT, von unserer Digitaltochter Universum und natürlich von unserer Agentur Heimat. In dieser Einheit wird nach dem Prinzip agiler Kooperation gearbeitet, nicht in der Logik von Hierarchien. Das führt dazu, dass wir sehr schnelle Reaktionszeiten haben und besonders gut neue Entwicklungen aufgreifen können. Davon profitiert nicht zuletzt auch unser kreativer Umgang mit aktuellen Themen.

Und das bringt Ihnen letztendlich Earned Media. Der virale Effekt ist viel wichtiger als Paid Media. Unsere Ansage an den Digital Circle und an unsere Agentur ist: Kreiert Motive, die auch ohne den Einsatz von viel Paid Media funktionieren können. Also keine Stock Fotos oder Ähnliches. Das Werbemittel muss in den Köpfen der Menschen hängen bleiben und zur Beschäftigung damit provozieren. Wir als Parteien haben ja den Auftrag, zur politischen Willensbildung beizutragen. Also muss auch unsere Kommunikation zur Auseinandersetzung herausfordern.
„Es kann nicht sein, dass eine kleine aggressive Minderheit erreicht, dass der gesamte kommunikative Verkehr gebremst wird.“
Marco Buschmann
Was halten Sie von Microtargeting? Die Berichte über Cambridge Analytica und den US-Wahlkampf sind uns ja allen noch in Erinnerung. Das Modell hinter Cambridge Analytica, das so genannte OCEAN-Modell, stammt aus den 60er Jahren. Die haben dieses Modell lediglich in einen Algorithmus gepackt, mit viel Rechenpower versehen und hinterher behauptet, sie hätten den heiligen Gral der Online-Werbung entdeckt. Aber es gibt in der Wahlverhaltensforschung bis heute nicht das eine schlagende Modell. Die meisten Modellrechnungen gehen am Ende doch immer wieder nur vom historischen Wahlverhalten aus. Auch in den USA im Präsidentschaftswahlkampf war das so.

Auf welche Herangehensweise vertrauen Sie stattdessen? Ganz abgesehen davon, dass dieses personengenaue Targeting, wie es in den USA betrieben wurde, bei uns aus datenschutzrechtlichen Gründen gar nicht möglich wäre: Wir glauben lieber an die großen Botschaften als an Mikro-Opportunismus.
Twitter-Profil Christian Lindner
Bild: Screenshot

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Diese großen Botschaften rüberzubringen ist in der FDP-Kampagne ganz klar die Aufgabe von Christian Lindner. Besteht dadurch nicht die Gefahr, dass man ihn als Person überstrapaziert? Unsere Standardtaktik bei jeder Wahl seit 2015 ist es, den jeweiligen Spitzenkandidaten in den Mittelpunkt des Wahlkampfes zu rücken. Im Produktmarketing würde man von einem Testimonial sprechen. Menschen mögen nun mal Menschen und fremdeln bei abstrakten Institutionen oder Begriffen. Meine feste Überzeugung, die sich auch durch Werbewirkungsforschung belegen lässt, ist: Rein abstrakte Plakate ohne Menschen darauf werden vom Verstand ausgesiebt.

Kann man einen Wahlkampf im Netz gewinnen? Der Kanal ist nicht das Entscheidende, sondern die Botschaft. Habe ich die nicht, nutzt mir auch der beste Kanal-Mix und das größte Budget nichts. Und selbstverständlich muss man seine Botschaft in allen zur Verfügung stehenden Kanälen verbreiten. Das Gewicht der digitalen Kanäle ist natürlich größer geworden. Aber niemand kann sich deswegen erlauben, auf Print zu verzichten. Interview: Ingo Rentz
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