Erotikbranche "Das Abenteuer Amorelie hat gerade erst begonnen"

Mittwoch, 12. November 2014
Sebastian Pollock und Lea-Sophie Cramer
Sebastian Pollock und Lea-Sophie Cramer
Foto: Amorelie

Während es um die Traditionsmarke Beate Uhse nach einer kurzen TV-Kampagne ruhig geworden ist, wirbt der E-Commerce-Herausforderer Amorelie heftiger denn je. Im Interview mit HORIZONT erklären die Gründer Lea-Sophie Cramer und Sebastian Pollok, wie sie im abgeschlafften Erotikmarkt wieder für steile Wachstumskurven sorgen wollen.

In Ihrer aktuellen Kampagne spielen Sie mit dem Spaß am Unvernünftigen. Aber zum ultimativen Zweck der Amorelie-Produkte, mehr und besseren Sex zu haben, fällt kein Wort. Warum sind Sie so prüde?
Lea-Sophie Cramer: Wir sind nicht prüde. Erotik ist ein Thema, das sich auf unendlich viele unterschiedliche Weisen erzählen lässt. Und wir haben uns für eine Haltung entschieden, die leidenschaftlich, sinnlich und verspielt ist. Wir wollen die Phantasie des Betrachters inspirieren. Das hat den Vorteil, dass wir damit Kunden erreichen, die sich von den bisherigen Klischees der Erotikindustrie nicht angesprochen fühlen. Und ein positiver Nebeneffekt ist, dass wir unseren Spot problemlos auf allen Sendeplätzen zeigen können.
Sebastian Pollok: Die Kampagne hat zudem auch ein klares Aktivierungsziel. Viele potenzielle Kunden haben unbewusst Skrupel, ob es okay ist, solche Produkte zu bestellen. Wir zeigen ihnen, dass es völlig in Ordnung ist, auch einmal unvernünftig zu sein und sich erotisches Spielzeug zu gönnen.

Apropos unvernünftig: Wie vernünftig war es denn von Ihnen, mit einem Onlineshop in eine Branche einzusteigen, die nicht zuletzt durch das Internet massiv in die Krise geraten ist?
Cramer: Die Branche ist ja nicht nur durch das Internet in die Krise geraten. Ich glaube, dass viele der traditionellen Anbieter einen Trendwechsel in der Gesellschaft verschlafen haben und mit ihrem hypersexualisierten Angebot den Geschmack der Kunden einfach nicht mehr treffen. Sexualität wird heute nicht mehr wie früher durch Pornofilme für ein männliches Publikum definiert, sondern durch TV-Serien wie „Sex and the City“ und Bücher wie „Shades of Grey“.

Aber der Wandel des gesellschaftlichen Geschmacks ist noch nicht zwingend eine Basis für eine Geschäftsidee. Welche Marktlücke wollten Sie mit ihrem Shop füllen?
Cramer: Ich habe „Shades of Grey“ gelesen und war ein Fan von „Sex and the City“, aber die Produkte, über die dort immer geredet wurde, gab es nirgends zu kaufen. Deshalb habe ich mich gefragt, warum das so ist.
Pollok: Die Frage haben wir im Kontext unserer beruflichen Erfahrungen im E-Commerce diskutiert. Und bei näherer Prüfung war dann klar: Das ist ein Markt, der noch deutlich Potenzial hat, komplett neu gedacht zu werden.

„Sexualität wird heute nicht mehr wie früher durch Pornofilme für ein männliches Publikum definiert, sondern durch TV-Serien wie „Sex and the City“ und Bücher wie „Shades of Grey“.“
Lea-Sophie Cramer
Als Gründer von Amorelie dürften Sie persönlich keine Versorgungslücken mehr haben. Mussten Sie bei den exotischeren Ideen im Sortiment auch schon einmal lachen?
Cramer:
Lachen wäre zu viel gesagt. Aber wir sind natürlich immer wieder überrascht, wie viel Phantasie in die Entwicklung neuer Sex-Spielzeuge fließt. So gibt es seit Neuestem den sehr beliebten „Womanizer“, der an einen mit Swarovski-Kristallen besetzten Miniatur-Staubsauger erinnert und seine Wirkung nicht durch Vibration, sondern durch den Saugeffekt erzielt. So etwas sieht man nicht alle Tage.

Amorelie
Bild: Amorelie

Mehr zum Thema

Amorelie Erotik-Shop lädt lustvolle Frauen zum Spielen ein

Warum gehört zu Ihrer neuen Denkweise für den Erotikmarkt, dass Sie nur Frauen ansprechen?
Cramer: Generell sprechen wir alle Menschen an, aber unser Fokus liegt auf den Frauen und Paaren ab 25 Jahren. Dass wir dabei in der Kommunikation die weibliche Perspektive in den Mittelpunkt stellen, hat einen ganz simplen Grund: Auch bei einem Paar ist es meist die Frau, die das letzte Wort hat, ob ein Spielzeug gekauft wird oder nicht.
Pollok: Unsere neue Denkweise bezieht sich aber auch auf die Qualität der Produkte und wie wir sie vermarkten. Amorelie steht mit seinem Sortiment für Qualität und eine kuratierte Auswahl. Und im Vertrieb bieten wir Sonderformate wie die Amorelie-Boxen, Abonnements und Amorelie Toy-Parties an. Allein schon eine innovative Art des Verkaufens kann neue Kaufimpulse setzen.

Wollen Sie auch über die Expansion in anderen Ländern wachsen?
Pollok: Wir sind ja schon in Österreich und der Schweiz aktiv. Anfang 2015 werden wir über den nächsten Schritt nachdenken.

Zalando hat seinen Wachstumskurs auch mit einer massiven Werbeinvestition in die Marke vorangetrieben. Welches Profil braucht Amorelie als Marke?
Cramer: Amorelie ist schon längst eine Marke. Denn in unserem Markt, der sich ja stark um die menschliche Intimität dreht, ist das Vertrauen besonders wichtig. Unsere Kunden wollen wissen, wer hinter dem Unternehmen steht und warum sie uns vertrauen sollen. Und dann steht Amorelie für eine bestimmte Haltung zur Erotik. Damit hat unsere Marke ein klares Profil. Eine ganz andere Frage ist, wie bekannt unsere Marke schon ist.

Nicht nur bei der Markenbekanntheit stellt sich die Wachstumsfrage, denn der Erotik-Markt hat allein schon durch das Thema bedingt eine gewisse Begrenztheit. Jenseits der Sex-Spielzeuge und Dessous ist für sie als wachstumsorientierte E-Commerce-Unternehmer nichts mehr zu holen.
Cramer:
Das sehe ich nicht so, dass wir mit Amorelie auf diese Produktkategorien beschränkt sind. Ganz spontan könnte ich mir zum Beispiel Akt-Kunst und Bettwäsche vorstellen. Alles, wo sich ein Bezug zu Leidenschaft und dem Liebesleben herstellen lässt, passt potenziell in unser Sortiment. Für uns fängt das Abenteuer Amorelie gerade erst an. cam

Meist gelesen
stats