"Ekelerregend" Wie RTL Burger King in den Shitstorm stürzt

Dienstag, 29. April 2014
RTL undercover in den Yildiz-Filialen (Screenshot aus der TV-Sendung)
RTL undercover in den Yildiz-Filialen (Screenshot aus der TV-Sendung)


Gelungene Premiere für "Team Wallraff", niederschmetternde Botschaft für Burger King Deutschland. Wie über die PR-Maschinerie von RTL angekündigt, hat sich der Investigativjournalist Günter Wallraff in seiner ersten Folge des neuen TV-Formats in der Lebensmittelbranche umgeschaut - konkret bei Burger King, wie knapp 4 Millionen TV-Zuschauer und ein großer Teil der deutschen Netz-Gemeinde seit gestern Abend weiß. RTL positioniert sich neuerdings als Sender für Enthüllungsjournalismus - Shitstorm-Garantie für betroffende Unternehmen inklusive.
Es ist das zweite Mal in zwei Wochen, das ein großes Unternehmen bei RTL sein Fett wegbekommt. Vor zwei Wochen traf es in "RTL extra" den Schuhhändler Zalando. Auch hier stand Wallraff Pate für die Recherche und trommelte so nebenbei schon mal für sein neues Format."Team Wallraff" soll im Namen des Verbrauchers Missstände in der Wirtschaft aufdecken und recherchiert dafür undercover, zum Auftakt in fünf Burger-King-Filialen.

RTL: Aufklärung statt Trash

Innerhalb von wenigen Wochen hat sich RTL als TV-Anstalt für investigativen Journalismus etabliert. HORIZONT-Chefredakteur Volker Schütz beschreibt den klugen Schachzug von Senderchef Frank Hoffmann, die Entwicklung journalistischer Formate zu forcieren.

Die Vorwürfe sind schockierend. So entdeckten die Journalisten eklatante Missstände bei Lebensmittelsicherheit und -hygiene. Haltbarkeitsetiketten auf Frischware werden umdatiert, fertige Gerichte ungekühlt stundenlang warmgehalten. Erschreckend auch die RTL-Auswertung der Lebensmittelproben, darin konnten sogar Darmbakterien festgestellt werden.

Facebook-Post aus aktuellem Anlass
Facebook-Post aus aktuellem Anlass
In den sozialen Netzwerken hagelte es massenweise schokierte Kommentare. "Widerlich, was man im Fernsehen über die hygienischen Zustände bei Burger King sieht. Wenn jemand die Toilette reinigt und dann wieder in die Küche geht und die Lebensmittel anfasst. Ekelhaft. Hier werde ich nicht mehr essen", schreibt ein Nutzer auf Facebook. Ein anderer sagt: "Verstehe ich überhaupt nicht, dass man auf Fragen von Wallraff nicht antworten will und weitere Anfragen komplett ignoriert. Das ist nach dem gestrigen Film doch der Supergau. Ich werde alle Filialen komplett boykottieren und Freunde aufklären, was bei Burger King passiert."

Mittlerweile reagiert die Web-Gemeinde auch heftig auf offenbar erste Kommentarlöschungen - dem größten Fehler überhaupt, den ein Unternehmen im aufziehenden Shitstorm begehen kann.

Die Recherchen erstreckten sich auf die Filialen des Burger-King-Franchisenehmers Ergün Yildiz. Als Lizenznehmer der Burger King International betreibt Yildiz 91 Filialen in Deutschland und ist damit der größte Franchisenehmer der Burgerkette. Bei Gewerkschaften und Arbeitsrechtlern war der Unternehmer wegen offenbar miserabler Arbeitsbedingungen schon vor der RTL-Sendung bekannt, wie der Sender ebenfalls dokumentierte. Explizit erwähnte RTL, dem betroffenen Unternehmen ausreichend Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben zu haben - wohl eine Lehre aus dem zwei Wochen alten Fall Zalando. Der Onlinehändler vermisste einen Anruf von RTL direkt und erntete dafür auch Zuspruch. Diesmal zeigte RTL das Einschreiben mit Rückschein, das in Richtung Yildiz, Burger King International und die Burger King GmbH in München ging und dokumentiert das Ganze auch online. Auch am Morgen drauf gab es weder auf der Burger-King-Seite, noch auf den Social-Media-Kanälen ein offizielles Statement. Auf Anfrage war Burger King in München ebenfalls noch nicht zu sprechen. Am Nachmittag kam dann die offizielle Stellungnahme auf Facebook.

Für die Fastfoodkette kommt der Skandal zu einer denkbar ungünstigen Zeit. Gerade erste hatte die "Wirtschaftswoche" von den dem guten Deutschlandgeschäft geschrieben. Zudem vermeldete der Konzern gestern eine neue, internationale Leadagentur. Der deutsche Global Chief Marketing Officer Axel Schwan beauftragte laut "Adage" den Ogilvy-Hotshop David mit der internationalen Kreativarbeit - die erste globale Leadagentur seit drei Jahren. Zumindest was Deutschland betrifft, kommt auf die Agentur viel Arbeit zu. Das Image ist nicht nur ramponiert, der tatsächlich ekelerregende Beitrag dürfte viele Kunden von einem Burger-King-Besuch abhalten. Wenn das eigene Wohl betroffen ist, sind die Boykottreaktionen immer größer als die Solidarität mit ausgebeuteten Mitarbeitern. mh
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