Einstige Hype-App Was ist eigentlich aus Vine geworden?

Freitag, 29. Juli 2016
Vine war einst eine gehypte Video-Plattform
Vine war einst eine gehypte Video-Plattform
Foto: Vine

Als der Kurzvideodienst Vine vor drei Jahren an den Start ging, war die Euphorie groß. Die App wuchs schnell, zog das Interesse der Werbeindustrie auf sich und machte aus jungen Videokünstlern Mega-Stars. Heute spricht kaum noch jemand über Vine. Die App wächst anscheinend nicht mehr, Nutzer erstellen weniger Content und Führungskräfte verlassen das Unternehmen. Erleben wir den Tod einer einstigen Hype-App?
"Vine ist auf einem guten Weg sich als Standarddienst für Kurzvideos zu etablieren." Das schrieb "Spiegel Online" vor drei Jahren über die Neuheit aus dem Hause Twitter. Die App war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal fünf Monate alt, hatte in der Welt der jungen Social-Media-Fans aber bereits einen großen Hype entfacht. Das Besondere: User konnten erstmals Videos teilen und erstellen, die maximal sechs Sekunden lang sind. Und weil es so etwas vorher noch nie gab, zog Vine Millionen Nutzer an - und mit der Zeit auch werbungtreibende Unternehmen. Eine neue Hype-App war geboren. Die Aussage von "Spiegel Online" war also zu diesem Zeitpunkt gar nicht mal abwegig. Doch ein Standarddienst ist Vine derzeit keineswegs. "Vine hat heute mit einigen Problemen zu kämpfen", musste Twitter-Manager Jeremy Rishel bei einer Podiumsdiskussion auf der VidCon in Kalifornien vor wenigen Wochen eingestehen. Das Wachstum scheint derzeit zu stagnieren. Vine selbst gab kürzlich gegenüber "Recode" bekannt, dass derzeit etwa 200 Millionen Nutzer jeden Monat Vine-Videos sehen. Doch diese Zahl kommuniziert das Unternehmen bereits seit Herbst 2015. Snapchat ist Medienberichten zufolge längst vorbeigezogen. Auch an der Platzierung im App-Store kann man die Beleibtheit einer Anwendung einigermaßen abschätzen. Vine wird laut einer Auswertung von "App Annie" nur noch in einem Land unter den Top 100 Apps gelistet: im Inselstaat Grenada. Ein Grund für das stagnierende Wachstum: Nutzer, die durch Vine zu Mega-Stars wurden, kehren ihrem einstigen digitalen Zuhause immer häufiger den Rücken und unterhalten ihre Follower und Fans heute lieber auf Snapchat, Instagram oder Facebook. Beispiel Andrew Bachelor. Der 28-Jährige ist als "King Bach" auf Vine berühmt geworden und gilt heute mit 16 Millionen Followern als der reichweitenstärkste Nutzer auf Vine. Seine Videos postet er mittlerweile zuerst auf Facebook - erst Tage später landen sie auf der Plattform, die ihn groß gemacht hat. Und so machen es mittlerweile viele Vine-Stars: Logan Paul, Brent Rivera und John Paul Piquet sind nur einige Beispiele. Sie alle werden laut Recherchen des "Wall Street Journals" übrigens von Facebook dafür bezahlt, Live-Videos auf der Plattform von Mark Zuckerberg zu erstellen.
„Ich würde mich nicht mehr darauf fokussieren, Content nur noch exklusiv für Vine zu produzieren.“
John Shahidi
"Ich würde mich nicht mehr darauf fokussieren, Content nur noch exklusiv für Vine zu produzieren", sagt John Shahidi. Er ist Chef der in San Francisco beheimateten Firma Shots Studios. Sie hat Andrew Bachelor und vielen anderen Nutzern dabei geholfen, ihre Inhalte auch für andere Plattformen wie Facebook und Youtube aufzubereiten. Wenn nicht sogar nur für diese Plattformen. Denn auf Vine wird immer weniger Content erstellt. Eine Auswertung des Tech-Unternehmens "Markerly" zeigt, dass mehr als die Hälfte der Top-Viner (mehr als 15.000 Follower) seit Beginn des Jahres keine Inhalte mehr auf die Plattform hochgeladen haben. Sie alle tummeln sich nun auf Youtube oder Snapchat, wo die Vermarktungschancen größer sind.

Denn Vine hat scheinbar nach wie vor kein zufriedenstellendes Werbeprodukt für Marketer geschaffen. Twitter hat etwa "Sponsored Tweets", Snapchat die "Sponsored Geofilter" und auch Facebook forciert immer stärker die Videovermarktung. Und weil dort die Werbegelder fließen und die Top-Künstler auf Vine die Unterstützung in der Vermarktung vermissen, wandern die Stars ab. Es ist kurios: Zahlreiche Accounts haben Millionen Follower, sind aber teils wochenlang nicht aktiv.

Und als wäre das noch nicht genug, kommt nach dem Star-Exodus nun auch noch der Chef-Exodus. Zahlreiche Top-Führungskräfte der Twitter-Tochter haben das Boot verlassen, viele von ihnen erst in den vergangenen Wochen. Darunter die General Manager AJ Frank und Jason Toff. Letzterer machte Schlagzeilen, weil er sich dem Konkurrenten Google anschloss, um dort an Virtual Reality zu tüfteln. "So much exciting potential there", twitterte Toff über seinen Wechsel. Für viele las sich das wie ein kleiner Seitenhieb auf seinen früheren Arbeitgeber. ron
Meist gelesen
stats