Digitalisierung Karl-Theodor zu Guttenberg glaubt nicht an ein deutsches Google

Freitag, 20. November 2015
Karl-Theodor zu Guttenberg
Karl-Theodor zu Guttenberg
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Karl-Theodor zu Guttenberg Digitalisierung Google


Seine Koffer kamen nach ihm in Berlin an. Entsprechend war seine Laune. Und dann noch Digitalisierung als Thema. Karl-Theodor zu Guttenberg, ehemaliger Verteidigungsminister und Ex-Doktorand, zieht launig Bilanz zu Deutschland, den USA und warum nicht alles verloren ist.
Vielleicht liegt es ja an einem grundsätzlichen Problem, dass Deutschland und Europa bei den digitalen Themen den amerikanischen Unternehmen oft hinterherlaufen. "Amerikaner lernen schon sehr früh, die dümmsten Ideen als etwas Großes zu verkaufen", sagt Karl-Theodor zu Guttenberg. Seit vier Jahren lebt der ehemalige Verteidigungsminister, der heute als Berater und Investor arbeitet, in den USA. Er lernt bei seinen Projekten immer besser, die Denk- und Arbeitsweise jenseits des Atlantiks zu verstehen. Und so ist dieses unerschütterliche Selbstvertrauen einer der Gründe, warum US-Unternehmen immer wieder bei digitalen Themen die Nase vorne haben. Es ist nicht unbedingt eine gute Bilanz, die der ehemalige Politiker in seiner Keynote auf dem ersten Marketing Management Kongress gestern in Berlin zur Digitalisierung zieht. Aber es ist auch keine, die ohne Hoffnung ist. Grundsätzlich sieht er in absehbarer Zeit kein deutsches oder europäisches Google oder Facebook am Horizont auftauchen. Auch eine europäische Cloud oder ein europäisches Internet hält er für eine Illusion. Aus eigener Erfahrung weiß er, dass man manchem hochrangigen politischen Entscheider doch erstmal das Wort Disruption erklären müsse.

Doch für gefährlicher hält er etwas anderes: das abnehmende Bekenntnis zum Unternehmertum etwa; oder fehlende Investitions- und Risikovereitschaft. "Mancher Unternehmer bekommt das Gefühl, da draußen rauscht etwas an uns vorbei", sagt der Volksvertreter im Ruhestand. Ähnlich sieht es bei den Forschungseinrichtungen aus.  "Uns fehlt ein europäisches und deutsches MIT", sagt zu Guttenberg. Die Folge: Deutschland läuft seiner Meinung Gefahr, den digitalen Wandel zu verschlafen.

Trotzdem ist nach seiner Meinung der Wettbewerb mit den amerikanischen Internetriesen noch nicht verloren. Deutschland habe einen starken Mittelstand, für den das Land weltweit bewundert werde. Viele Firmen seien innovativ und es gebe ein unternehmerisches Denken. Das sind für ihn Vorteile, auf die Deutschland aufbauen könnte. Nötig sind aber auch finanzielle Investitionen. In Europa seien in den ersten drei Quartalen des Jahres etwa 7,5 Milliarden Euro an Venture Capital in Tech-Unternehmen geflossen. Das sind etwa 17 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. In den USA waren es dagegen über 39 Milliarden Euro. Das Plus liegt hier bei über 30 Prozent. In ähnlichen Dimensionen bewege sich China. Konkurrenz erwachse aber auch in Israel oder in Kanada. Und natürlich braucht es gute Mitarbeiter. "Suchen Sie sich Leute, die Ihnen Blockchain erklären können." Trotzdem glaubt er, dass auch Deutschland global die Digitalisierung mitgestalten kann. "Beim Datenschutz und auch den Techniken, die sich aus dem Thema ergeben, könnte Deutschland Vorreiter sein", sagt Guttenberg. Und als er das sagt, klingt er ganz kurz wie ein Wirtschaftsminister in der Warteschleife. mir
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