Ach Mensch: Heike Eva Schmidt Die elegische Phantastin


"Ach Mensch" heißt die Kolumne von HORIZONT.NET, in der die ehemalige HORIZONT-Kollegin Ingeborg Trampe bekannte und unbekannte Persönlichkeiten der Werbeszene jenseits von aktuellen Etat- und Personalmeldungen porträtiert. Diesmal: Heike Eva Schmidt, ehemalige Journalistin und heute Autorin von Drehbüchern und Romanen.
 
Der Ort könnte nicht inspirierender sein. Unter dem Dach eines alten Bauernhauses nahe Murnau spinnt Heike Eva Schmidt ihre Geschichten. In dem Luftkurort traf sich schon die Künstlergruppe Blauer Reiter um August Macke, Gabriele Münter und Wassily Kandinski, kein schlechtes Omen also. Dafür fährt sie gerne von ihrem Wohnort Pullach in ihr Schreibrefugium. Nach einem kräftigen Espresso-Shot am Nachmittag schottet sie sich zwei- bis dreimal in der Woche in ihrer Dachstube ab und versucht bis zu 10 Seiten am Tag aufs Papier zu bringen. Neun bis 12 Monate braucht sie insgesamt, um ein Buch zu schreiben, nicht eingerechnet ihre teils aufwendigen Recherchearbeiten im Vorwege, wo sie auch schon mal - wie gerade für ihr neues Projekt - in den Archiven in Berlin und Potsdam recherchiert. Beim Schmökern in ihren hochgelobten Büchern vergisst man schnell jegliches Gefühl für Zeit und Raum. Wer in unterirdischen Welten, Zwergenreichen und Zeitreisen schwelgen möchte, ist bei der ehemaligen Journalistin genau richtig. Denn die 43-Jährige verknüpft geschickt, kenntnisreich und überaus sprachgewandt moderne Fantasy-Elemente mit der europäischen Sagenwelt. Und hat sich damit innerhalb kürzester Zeit eine ansehnliche Fan-Gemeinde erschrieben. Gerade kam ihr All-Ager-Roman "Die gestohlene Zeit" auf den Markt. Die Idee dazu sprang sie wie auch bei ihren anderen Romanen einfach an, wie sie lachend erzählt. Bei einem Wanderurlaub in den Dolomiten stieß sie im Hotel per Zufall auf die Sage vom Rosengarten und Zwergenkönig Laurin. "Mein Opa hatte mir früher vom Zwergenreich vorgelesen, daran habe ich mich gleich erinnert." Kaum hatte sie das Sagenbüchlein zu Ende gelesen, ratterte Heike Eva Schmidts Gehirn kräftig los.
 
Zwar war Schriftstellerin schon als kleines Kind ihr Berufswunsch, dass sie aber tatsächlich ihren Traum verwirklichen würde, war lange Zeit nicht absehbar. Denn zunächst studierte die vor Energie sprühende gebürtige Bambergerin Schulpsychologie. Doch statt in der Schule landete sie im Journalismus, zunächst im Boulevard, später schrieb sie jahrelang Kreativgeschichten für die Marketingfachzeitung "Werben & Verkaufen". Das Jahr 1999 brachte den Turning-Point und auch hier half der Zufall der Autorin auf die Sprünge. In einer Frauenzeitung las Schmidt eine Geschichte über Menschen, die zum Film wollten. Und so bewarb sie sich wenig später bei der Drehbuchwerkstatt München mit einer Fantasy-Komödie für ein Stipendium, das sie auch prompt bekam. Ein Jahr lang arbeitete sie neben ihrem normalen Job mit einem Coach am eigenen Stoff. Nach Ende des Stipendiums kam ihr erneut ein Zufall zur Hilfe, denn durch einen Bekannten rutschte sie ins Drehbuch schreiben und wagte 2006 schließlich den Absprung aus der gesicherten Existenz. "Ich bin im positiven Sinn getrieben. Ich wollte schon immer etwas erreichen. Aber die größten Motivatoren waren Leute, die an mir gezweifelt haben. Das hat mich wirklich angetrieben", konstatiert sie. Dennoch stand ihr zunächst ihr Perfektionismus im Weg, um sich auch ans Bücher schreiben zu wagen. Zwar hatte eine Freundin sie immer wieder dazu ermutigt, aber erst als diese plötzlich starb, machte sich Heike Eva Schmidt an die Verwirklichung ihres Lebenstraums. "Der Tod meiner Freundin hat mir klar gemacht, wie kurz das Leben ist. Und dass ich nicht in die Situation kommen wollte, später zu bereuen, etwas nicht probiert zu haben. Das Schlimmste, was einem passieren kann, ist ja nur, dass man in seiner Eitelkeit gekränkt wird oder wieder in die 2. Reihe zurückgeschickt wird."
 
Eine unberechtigte Sorge, denn gleich ihr erstes Buch "Amerika liegt im Osten" gewann 2012 aus dem Stand einen Preis als bester Jugendroman und der ebenfalls für Jugendliche geschriebene Roman "Purpurmond" verkaufte sich beinahe 20.000 Mal - eine stolze Zahl für das Segment. Inzwischen sind zwei Thriller dazugekommen und Angst, dass ihr die Einfälle ausgehen, hat sie nicht. "Ich habe jetzt schon Ideen für drei weitere Romane. Ich komme gar nicht dazu, so schnell zu schreiben", sprudelt es aus ihr hervor. Angst hat sie eher vor den Erscheinungsterminen und ob die Leser ihre Bücher weiter kaufen werden. Vor jeder Neuveröffentlichung leidet sie unter "schlaflosen Nächten und großem Lampenfieber". Aber das gehört wohl dazu, wenn man seinen Traum lebt.
 
Einen Teil ihrer Zeit widmet sie noch immer Drehbüchern. So arbeitet sie als Storylinerin für die renommierte bayerische Serie "Dahoam is dahoam" und muss dann - wenn auch schweren Herzens - ihre Buchprojekte vorübergehend beiseite legen. Ihre Erfahrung als Drehbuchautorin hilft ihr freilich, Struktur in ihre Geschichten zu bringen und auch schnell umzusetzen. Wenn sie an einem Buch sitzt, macht sie das meiste mit sich selbst aus, ihr Freund liest am Ende mit unbestechlichem Blick nur die Korrekturfahnen. Aber sie merkt schon selbst, wenn ein Plot oder Übergänge nicht richtig funktionieren. Manchmal bedeutet das, wie es beim Film so schön heißt, 'to kill your Darlings'", erklärt sie ohne großes Bedauern. Loslassen ist ihr durch die vielen Wendungen in ihrem Leben nicht fremd. Natürlich träumt sie davon, mal einen richtigen "Wow-Erfolg" zu produzieren. Also einen Bestseller zu schreiben, der dann auch in viele Sprachen übersetzt wird. Glaubt man den Buchkritikern, die sie für sehr talentiert halten, steht der Autorin dafür nichts im Weg. Im Zweifelsfall dürften ihr aber König Zufall und die besondere Aura am Staffelsee in die Hände spielen.
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