DFB-Trikot Das Wendeleibchen kommt im Expertencheck prima weg

Dienstag, 17. November 2015
Die DFB-Kicker im neuen Auswärtsdress
Die DFB-Kicker im neuen Auswärtsdress
Foto: Adidas

Auch der internationale Fußball will sich vom Terror nicht kleinkriegen lassen: Das Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Niederlande heute Abend in Hannover findet statt. Dann wird das DFB-Team erstmals mit dem neuen Auswärtstrikot für die Europameisterschaft 2016 auflaufen. Mit dem Kleidungsstück gehen der DFB und Adidas ganz neue Wege. Design-Experten gefällt's: Im Expertencheck von HORIZONT Online bekommt das grau-grüne Wendetrikot überwiegend gute Noten.

Prof. Martina Becker, Dozentin im Fachbereich Modedesign an der Mediadesign Hochschule Düsseldorf (Sterne: Keine Angabe)

Martina Becker
Martina Becker (Bild: Mediadesign Hochschule Düsseldorf)
Prima Idee. Die Farbkombination erinnert an Streetwearmode und mit der Geschichte drum herum spiegelt sie wirklich die unterschiedlichen Welten, in denen Fußball gespielt wird, wider. Die Möglichkeit zum Wenden ist für den Amateurkicker praktisch und neu zugleich. Ist das Trikot allerdings für unsere Nationalelf funktionell genug? Gewünscht hätte ich mir auch in diesem Jahr wieder ein rundes Gesamtkonzept, nämlich, eine Geschichte, die das Heim-und das Auswärtstrikot miteinander verbindet, sei es durch eine abgestimmte Farbgestaltung, durch den erhöhten Einsatz der Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold oder ganz einfach durch eine schöne Geschichte. Das neue Heimoutfit der Nationalelf mit weißem Shirt und  schwarzer Hose ist zu schlicht. Hier fehlt der Pfiff.

Christine Lischka, Managing Director Serviceplan Design Hamburg: 2 Sterne

Christine Lischka
Christine Lischka (Bild: Serviceplan)
Die Idee des Wendetrikots von Adidas ist smart. Den Kontakt mit der Basis zu suchen ist besonders zum jetzigen Zeitpunkt, wo Negativschlagzeilen das Bild des Profifußballs prägen, clever. Die kreative Umsetzung von einer Marke wie Adidas ist aber eher lausig und enttäuschend. Die Streifen sind geordnet deutsch und haben mit Attributen wie Dynamik, Spaß und Leidenschaft des Straßenfußballs nichts zu tun. Farblich kann man sich dann auch nur entscheiden zwischen Tristesse oder Glühwurm. Das Ganze dann auch noch mit Parolen zu versehen, die den Menschen in den Mund gelegt werden, ist eher peinlich. Also, innovative Idee - Execution schwach.

Heinrich Paravicini, Geschäftsführer Mutabor: 4 Sterne

Heinrich Paravicini
Heinrich Paravicini (Bild: Mutabor)
Das neue DFB Auswärtstrikot ist vor allem eins: ein Fashion Artikel. Und als solcher ist er sehr gelungen: aktuelle Designs wie Stripes plus Camouflage-Optik werden sportlich umgesetzt ohne unlogisch zu wirken - die Streifen kamen beim letzten WM Auswärtstrikot bereits zum Einsatz - und das klassische DFB Grün - welches schon öfters das Auswärtstrikot der Nationalmannschaft zierte - wurde modisch neu interpretiert. Die deutschen Kicker zeigen beim schwarz-weißen Heimtrikot klassische deutsche Tugenden und beweisen auswärts Mode-Instinkt - das ist doch eine gute Botschaft für die Fußballwelt.

Jan Portz, Associate Creative Director, MRM//McCann: 4 Sterne

Jan Portz
Jan Portz (Bild: McCann)
Grüne Auswärts-Trikots sind für mich unweigerlich mit dem Sommer ´90, insbesondere dem Halbfinale gegen England und der EM 1996 verknüpft. Statistisch gesehen sind daher grüne Trikots für "Die Mannschaft" Erfolgsgeschichten.

Visuell ist mit dem neuen Auswärtstrikot eine Evolution der grünen Shirts gelungen, die wohl polarisieren wird: Das neue ungesättigte Grün ist nicht mehr die zentrale Kennfarbe, sondern erweitert harmonisch die Grautöne. Wenn auch ein wenig viel Ruhrpott-Charme um das Wende-Leibchen Konzept "Kicken – Bolzen – Pöhlen" der Trikots gestrickt wird, finde ich den Approach und die Hommage an den Amateur- und Straßenfußball bzw. die Wurzeln der Nationalmannschaft gelungen.

Als Ergänzung des weißen Heimtrikots sind die Auswärtstrikots visuell ansprechend, wenn auch ungewohnt. Wenn Jogis Jungs am 10. Juni 2016 den Pokal in die Höhe recken sollten, ist es unterm Strich egal in welcher Farbe – da überwiegt das Fan- dem Designerherzen und wäre nächstes Jahr WM, hätte das Trikot einen 5. Stern verdient. 

Achim Schaffrinna, Diplom-Designer Designtagebuch.de: 5 Sterne

Achim Schaffrinna
Achim Schaffrinna (Bild: Designtagebuch.de)
Ebenso wie Fußball für viele Menschen mehr ist als Sport, geht es bei den Präsentationen der Nationalmannschaftstrikots mittlerweile um mehr als nur um die Leibchen der DFB-Kicker. Es geht um die Marke insgesamt. Ungeachtet der Tatsache, dass "Die Mannschaft" als Dachmarkenkonstrukt zwar nicht so recht funktioniert, weil auch weiterhin durchweg vom DFB-Team oder der Nationalmannschaft die Rede ist, dienen derlei Produktinszenierungen dazu, die Marke positiv aufzuladen. Begleitet von allerlei Brimborium und Pathos werden selbst schlichte Trikotdesigns in schwarzweiß zu einem Medienevent. Den Verstrickungen grauer Fußball-Eminenzen in die WM-Vergabe 2006 zum Trotz ist festzuhalten, dass man beim DFB in den vergangenen Jahren zumindest in Sachen Marketing sauber gearbeitet hat.

Erfreulich unpeinlich ist die Gestaltung der Trikots zur EM 2016. Flatternde Trikots mit wildem Rautenmuster, wie sie Völler und Klinsmann anno 1994 trugen, sind schon länger passé. Auf die Vorstellung des schlichten Heimtrikots in schwarzweiß mit dezentem, vertikal verlaufenden "Erfolgscode" auf der Brust folgt wenige Tage später, passend zum 60-jährigen Bestehen der Bundeswehr, ein Wendetrikot im Tarnfarben-Look. Özil in Olivgrün. Nach Außen gekehrt wirkt das Trikot, dann in neongrün und streifenlos, wie ein Trainingsleibchen. "Bolzen – Kicken - Pöhlen" ist darauf zu lesen, was Nähe zur Fanbasis erzeugt und Dazugehörigkeit signalisiert. Auch dies ein geschickter Zug seitens der Markenmacher. Die Gestaltung der Trikots überzeugt. Gleichwohl ragen sie nicht optisch heraus, wie etwa die Heimtrikots zur WM 2014 mit rotem V. Als amtierender Weltmeister übt man sich in modischer Zurückhaltung. Wenn in Frankreich im kommenden Jahr dann noch sportliche Höchstleistung hinzukommt, hat man (wieder) alles richtig gemacht.

Olaf Schroeter, Head of Creation bei MetaDesign: 4 Sterne

Olaf Schroeter von Metadesign
Olaf Schroeter von Metadesign (Bild: Agentur)
Adidas hat sich bei dem Design der Auswärtstrikots für unsere Elf – die jetzt "Die Mannschaft" heißt – für ein ungewöhnliches und mutiges Design entschieden. Und für eine große Geschichte: das neue Jersey sei inspiriert vom grauen Beton der Hinterhöfe und Bolzplätze der Straßenfußballer, den grünen Rasenplätzen der Amateure und den beigen Aschefeldern auf denen Kreisligalegenden geboren werden. Also keine Goldbordüre. Eher eine Hommage an den bolzenden Breitensport.

Für Manager Bierhoff ist es sogar noch mehr als das: der neue Look repräsentiere die Identifikation der Nationalelf mit der Basis sei somit auch ein "Danke" an alle Fans. Ein bisschen zu viel vordergründiger Pathos, ein bisschen zu viel Marketing. Und ein recht teures Dankeschön.

Was das Design angeht: ich habe lange darüber nachgedacht wie ich den neuen Look finde und kann mich nicht so recht entscheiden. Es ist ein schönes Trikot. Ich mag die Farben, die Kontraste, die große Spielernummer auf der Hose und ganz besonders die vier Sterne auf den Stutzen. Es sieht cool aus und es ist funktional. Und es ist okay für den alltäglichen Kick. Aber ist das der Anspruch an das Trikot eines amtierenden Weltmeisters? Hier hätte ich mir statt einer praktischen Wendefunktion dann doch mehr Eleganz und Extraklasse gewünscht.
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