Brexit Umfrage Wie Branchenentscheider den Ausstieg Großbritanniens aus der EU bewerten

Freitag, 01. Juli 2016
Der Brexit sorgt weiter für Unruhe
Der Brexit sorgt weiter für Unruhe
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Gut eine Woche ist es nun her, dass sich die Briten für den Ausstieg aus der EU entschieden haben. Die Erschütterungen durch das politische Erdbeben sind immer noch zu spüren, auch weil nach wie vor unklar ist, welche Folgen der Brexit für Europa, Großbritannien und die Weltwirtschaft hat. Wir haben trotzdem Branchenentscheider um Ihre Meinung gebeten.

Noch ist unklar, wann die britische Regierung offiziell den Scheidungsantrag stellt. Oder, ob sie es überhaupt tun wird. Während die politisch Verantwortlichen auf der Insel derzeit lieber auf Zeit spielen und um günstige Konditionen feilschen, wollen die Europäer eine schnelle Abwicklung des Verfahrens und klare Kante zeigen. Derweil lotet Schottland aus, wie es trotz Brexit in der EU verbleiben kann. Offen denkt die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon über ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit von Großbritannien nach, was aber die britische Regierung ihrerseits ablehnt. Und das ist nur ein kleiner Teil des Theaters, das sich gerade auf der politischen Bühne abspielt.

Für die Unternehmen bedeutet das eine wachsende Unsicherheit. Die offizielle Statements lauten fast alle ähnlich wie das von BMW: "Bevor die neuen Rahmenbedingungen nicht im Detail definiert sind, können wir uns zu konkreten Auswirkungen auf unsere Aktivitäten in Großbritannien nicht äußern. Wir werden deshalb weder über den Ausgang der Verhandlungen noch über mögliche Auswirkungen auf unsere Produktionsstandorte in Großbritannien spekulieren." Im Hintergrund spielen die Firmen jedoch unterschiedliche Szenarien durch. Von Jobverlagerungen, die Schließung von Zentralen und ausbleibenden Investitionen ist die Rede. Für die Werbebranche in Großbritannien gibt es schon eine Prognose von Zenith. Demnach würde Großbritannien bis 2030 eine Milliarde Pfund an möglichem Werbewachstum verlieren. Ob es dazu am Ende auch kommt? In einer Umfrage von HORIZONT unter Branchenexperten wird der Brexit und seine Auswirkungen auf Europa und Großbritannien jedenfalls unterschiedlich bewertet.

Die Skalierung

HORIZONT hat Protagonisten aus Marketing, Agenturen und Medien um kurze Statements zum Brexit sowie den Folgen für GB und EU gebeten, verbunden mit der Bitte, auf einer Skala von 1 (alles gar nicht schlimm) bis 10 (größtmögliches Debakel) eine Einschätzung zu dem Ganzen abzugeben. Die Skalierung konnte getrennt für GB und EU erfolgen.

Christoph Engl, Geschäftsführer Brand Trust

Christoph Engl, Geschäftsleitungsmitglied der Managementberatung Brand Trust
Christoph Engl, Geschäftsleitungsmitglied der Managementberatung Brand Trust (Bild: Brand Trust)
Nach dem Brexit ist Europa eine Out-Brand (jeder kennt sie, keiner will sie). Die Marke Europa braucht eine neue, die Menschen faszinierende und vereinende Zukunftsidee – jenseits von Verordnungen und Beitragsdiskussionen. Europa könnte zuder Destinationsmarke der Welt werden, zu welcher man wegen ihrer Leistungskraft, das gesellschaftliche Leben nachhaltig zu gestalten, aufschaut. Das erzeugt Anziehungskraft, dieser Wertegemeinschaft will man angehören.

Bedrohungspotenzial für GB: 8, für EU: 6 

Simone Schwab, Geschäftsführerin Media Frankfurt

Simone Schwab, Geschäftsführerin Media Frankfurt
Simone Schwab, Geschäftsführerin Media Frankfurt (Bild: Media Frankfurt)
Das "Nein" der Briten zur EU ist ein Fehler, der weitreichende Konsequenzen vor allem für GB und in vielerlei Hinsicht natürlich auch für die EU haben wird. In welcher Form sich dies auf den Werbemarkt auswirkt ist derzeit kaum zu prognostizieren. Aber jede Krise bietet immer auch Chancen. Ich denke nicht, dass ein Exit der Briten so einfach in der Praxis funktionieren wird. Daher heißt es momentan erst einmal abwarten. Wichtig ist nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern Lehren zu ziehen und nun erst recht Recht am Modell der EU zu arbeiten. Es gibt in jedem Fall einen Bedarf die Kommunikation zu den Bürgern sowie die Identität mit der EU zu verbessern. Dazu gehört Themen stetig anschaulicher in der breiten Bevölkerung zu vermitteln. Ich glaube, dass Unternehmen der Werbebranche hierbei zukünftig ein wichtigerer Sparringspartner sein könnten.

Bedrohungspotenzial: 7 

Alfred Weinzierl, stellvertretender Chefredakteur „Der Spiegel“

Alfred Weinzierl, stellvertretender Chefredakteur "Der Spiegel"
Alfred Weinzierl, stellvertretender Chefredakteur "Der Spiegel" (Bild: Der Spiegel)
Der Spiegel hat sich durch seinen Brexit-Titel vor drei Wochen eindeutig positioniert. Die "Bitte geht nicht"-Titelzeile entsprang unserer festen Überzeugung, dass ein Ausstieg Großbritanniens einen enormen Schaden für alle Beteiligten oder Betroffenen bedeutet. Das sehen wir nach dem Votum nicht anders. Und dieser Schaden wird nicht kleiner, wenn die Brexit-Betreiber jetzt plötzlich auf die Bremse treten und alles nicht so gemeint haben wollen. Im Gegenteil: Eine Hängepartie könnte die negativen Effekte verstärken.

Stephan Theiß, Geschäftsführer der Gelbe Seiten Marketing Gesellschaft

Stephan Theiß, Geschäftsführer Gelbe Seiten Marketing Gesellschaft
Stephan Theiß, Geschäftsführer Gelbe Seiten Marketing Gesellschaft (Bild: Gelbe Seiten)
Die Europäische Union ist seit Jahrzehnten Garant für Stabilität, Wohlstand und Verständigung in Europa. Diese Errungenschaften sind ein hohes Gut, das niemand leichtfertig aufgeben sollte. Die demokratische Entscheidung in Großbritannien ist sehr bedauerlich und kontraproduktiv für die Stabilität in Europa. Hier werden nun deutlich komplexere Lösungen für den Handel und die Zusammenarbeit gefunden werden müssen. Die EU wird sich von dem Schock erholen. Das könnte für Großbritannien weitaus schwerer werden. Ich hoffe zutiefst, dass die zu erwartenden Folgen überschaubar bleiben und sowohl antieuropäische Gedanken als auch populistische Protagonisten keine weiteren Anhänger finden.“

Bedrohungspotenzial für GB: 7, für EU: 3 

Christian Bahlmann, Leiter Unternehmenskommunikation Bahlsen

Christian Bahlmann, Leiter Unternehmenskommunikation Bahlsen
Christian Bahlmann, Leiter Unternehmenskommunikation Bahlsen (Bild: Bahlsen)
Natürlich bedauern wir die Entscheidung sehr. Aber: Wir werden uns jetzt nicht beirren lassen und unser erfolgreiches Geschäft in UK weiter voranbringen. UK ist für Bahlsen ein wichtiger Markt und wir gehen im Augenblick davon aus, dass zwischen der EU und UK Vereinbarungen getroffen werden, die sicher stellen, dass die engen Handelsbeziehungen ohne Einschränkungen fortgeführt werden. Trotzige Reaktionen, die die Briten für ihre Entscheidung bestrafen wollen, sind im niemandes Interesse. Wenn sich der Rauch der Empörung und der Enttäuschung wieder verzogen hat, ist auch wieder die Sicht frei für vernünftige Lösungen.

Bedrohungspotenzial: 6 

Matthias Dang, Geschäftsführer IP Deutschland

Matthias Dang, IP Deutschland
Matthias Dang, IP Deutschland (Bild: IP Deutschland)
Eins vorweg: Der Brexit dauert mindestens zwei Jahre und kommt vielleicht – hoffentlich! –  gar nicht. In einem globalen Markt ergibt Abschottung einfach keinen Sinn. Auf einer Skala von 1 bis 10 rangiert das Bedrohungspotenzial auf einer mageren 2. Wir werden auf absehbare Zeit keine Auswirkungen spüren, weder in der Mediabranche insgesamt noch was die Werbebudgets in Deutschland angeht. 

Manfred Parteina. ZAW-Hauptgeschäftsführer

Manfred Parteina, ZAW-Hauptgeschäftsführer
Manfred Parteina, ZAW-Hauptgeschäftsführer (Bild: ZAW)
Ein Zurückfahren der Werbeetats wird es in Deutschland nach dem Brexit zunächst nicht geben. Längerfristig könnten sich jedoch neue Handelshemmnisse beim grenzüberschreitenden Geschäftsverkehr mit Großbritannien, etwa beim E-Commerce und generell im Bereich der digitalen Werbung, oder Verunsicherungen in den Märkten negativ auf die Werbewirtschaft auswirken. Ob und wenn ja, mit welcher Intensität der in weiten Teilen national strukturierte deutsche Werbemarkt den Brexit letztlich in ein paar Jahren spüren wird, kann derzeit niemand genau vorhersehen. Werbepolitisch wird es in der EU jedoch sicher Veränderungen geben: Bei der Meinungsbildung in Brüssel wird die immer liberale Stimme der Briten fehlen, auch der deutschen Werbewirtschaft.

 

Thomas Wagner, Vorsitzender der Geschäftsführung Seven-One Media

Thomas Wagner, Vorsitzender der Geschäftsführung Seven-One Media
Thomas Wagner, Vorsitzender der Geschäftsführung Seven-One Media (Bild: Seven One Media)
Das Nein der Mehrheit der Briten zur EU hat mich persönlich sehr betroffen gemacht. Durch den Brexit wird der europäische Wirtschaftsraum kleiner, das ist sicher ein Nachteil für alle europäischen Unternehmen. Die konkrete Entwicklung gilt es nun abzuwarten.

Ulrich Kater, Chefvolkswirt Deka-Bank

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank
Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank (Bild: Deka-Bank)
Wirtschaftlich ist der „Brexit" verkraftbar. Politisch wirft er aber große Probleme im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Europäischen Union auf. Das „Nein" der Briten zur EU dürfte die Investitionsbereitschaft der Unternehmen zunächst hemmen und somit unmittelbar einen spürbaren negativen Effekt auf die Konjunkturentwicklung haben – vor allem im Vereinigten Königreich, aber auch in der EU.

Bedrohungspotenzial: 5

Frank-Michael Schmidt, CEO von Scholz & Friends

Frank-Michael Schmidt, CEO von Scholz & Friends
Frank-Michael Schmidt, CEO von Scholz & Friends (Bild: Scholz & Friends)
1. Lieber David Cameron, was haben Sie getan? Zauberlehrling. Verkleinerer des Königreichs. Selbstaustrickser. Bitte noch ein letzter Trick: Das Ganze rückwärts! Finden Sie den versteckten „Undo“-Button!

Liebe Queen, wie lange wollen Sie noch schweigen? Ihr Vater, King George VI., ist im September 1939 vor die Mikrofone getreten. König Juan Carlos hat im Februar 1981 mit seiner Rede vor dem spanischen Parlament die Demokratie gerettet. Ihre Rede im Juli 2016 muss in dieser Reihe stehen. Darauf warten wir. Die Einheit des Königreichs und die Einheit Europas stehen auf dem Spiel. Der Brexit ist keine Tagespolitik, sondern eine nationale und europäische Schicksalsfrage. Sie sind intelligent und haben einen Kopf, der viel mehr kann als schöne Hüte tragen. Ergreifen Sie das Wort und prägen Sie Geschichte!

2. Ob Nigel Farage, Donald Trump, Marine Le Pen, oder AfD: Alle bedienen auf populistische Weise den fatalen Irrglauben, dass die Verlierer der Globalisierung zu Gewinnern würden, wenn das Rad der Geschichte zurückgedreht wird. Die tragische Wahrheit: Sie werden jetzt noch höher verlieren.

3. Auch wenn die jahrzehntelang dominante angloamerikanische Perspektive, die in UK den Schlüssel zu Europa gesehen hat, niemals richtig war, fühlt es sich absurd an, dass das Königreich künftig nicht mal mehr ein Teil davon ist. Die Haltung, UK als Schlüssel zu Europa zu betrachten, dokumentiert sich im Konzern-Kontext unverändert durch die Vielzahl europäischer Headquarters in London. Der Brexit kann Anlass sein, über eine These nachzudenken, die schon zuvor nicht gestimmt hat.

4. Der Brexit ist kein Nullsummenspiel. Diejenigen, die gegen ihn gestimmt haben, sind die Verlierer. Diejenigen, die für ihn gestimmt haben, werden als noch höhere Verlierer unter ihm leiden. Camerons Zaubertrick hat eine lupenreine Lose-Lose-Konstellation geschaffen.

5. Meine Prognose: In den nächsten Monaten wird die Politik diesseits und jenseits des Kanals beginnen, die Grauzonen zwischen Leave und Remain auszuloten. Das Ergebnis könnte ein „Brexit light“ sein. Oder gar die Rolle rückwärts. Dennoch ist der unmittelbare Schaden des Brexit-Schocks immens. Er hätte nur dann ein gutes Element, wenn er als Weckruf für die EU wirken würde. Wenn er dazu führt, dass die EU wieder zu einer Gemeinschaft der Werte und wirtschaftlichen Vernunft wird, statt der Egoismen und Eurokraten.

6. Die werbetreibende Industrie ist eine abhängige Variable der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Wenn die Angstspirale in der Wirtschaft anzieht, wenn Gewinnwarnungen sich die Hand geben, dann werden Budget Cuts in der zweiten Jahreshälfte die Folge sein.

Bedrohungspotenzial für GB: 9, EU: 7-8 

Ulrich Klenke, Chief Executive Officer Ogilvy & Mather Germany

Ulrich Klenke, Chief Executive Officer Ogilvy & Mather Germany
Ulrich Klenke, Chief Executive Officer Ogilvy & Mather Germany (Bild: Ogilvy)
Auswirkungen auf die internationale Account-Steuerung sehe ich nicht. Aber: Die Kunden werden den europäischen Markt in der Kampagnen- und Mediaplanung künftig anders betrachten. Außerdem gehe ich davon aus, dass die Unternehmen ihre Investitionen erst mal zurückstellen – natürlich mit Auswirkungen auf die Marketing- und Werbebudgets. Gravierende Konsequenzen erwarte ich im Talentmarkt. London wird für internationale Kreative künftig weniger attraktiv.

Dickjan Poppema, CEO Grey Germany

Dickjan Poppema, CEO Grey Germany
Dickjan Poppema, CEO Grey Germany (Bild: Grey)
Die gesamte Diskussion stützt sich derzeit auf Spekulationen. Dennoch gehen wir davon aus, dass durchaus der eine oder andere Kunde die möglicherweise zähen politischen Prozesse nicht abwarten wird sondern sich entscheidet, Risiken abzusichern. Kurzfristig mag der Verfall des Pfundkurses einen Einkauf in Großbritannien attraktiv erscheinen lassen. Doch sollte der Brexit stattfinden und GB bzw. England künftig als Einzelstaat ohne die Vorteile zumindest einer Wirtschaftsunion agieren, so wäre es wohl deutlich schwieriger bzw. teurer, Services mit Ursprung in England in den Ländern der Gemeinschaft zu nutzen. Andererseits ist es aber auch schon heute so, dass eine Reihe an Kunden nicht zwingend London als Hub für die paneuropäische Kampagnensteuerung nutzt. 

Bedrohnungspotenzial für GB: 6, EU: 2 

Peter F. Schmid, CEO Wer liefert was?

Peter Schmid, CEO Wer liefert was?
Peter Schmid, CEO Wer liefert was? (Bild: Wer liefert was?)
Man muss den Brexit differenziert sehen. Insgesamt bewerte ich den Austritt Großbritanniens mit einer 6 auf der HORIZONT-Skala. Vor allem für die europäische Idee ist der Brexit ein Super-GAU. Das vereinte Europa ist eine Vision, die aus gutem Grund, nie wieder Krieg in Europa zu führen, nach dem zweiten Weltkrieg entstand und über die Jahrzehnte durch eine immer engere Partnerschaft der Länder in der EU entwickelt wurde. Nun scheidet ein wichtiges Land aus, das mit seiner liberalen Denkweise eine wichtige Säule dieser Union war und bis heute ist. Wirtschaftlich hingegen bewerte ich den Brexit mit einer 3. Denn er trifft vor allem England selbst. Die EU wird wirtschaftlich dadurch nicht nachhaltig geschädigt. Die Börsen werden sich schnell erholen und Handelsabkommen mit Asien und vor allem den USA haben weit größere Tragweite als mit England. Und es gibt auch Profiteure, wie zum Beispiel den Finanzplatz Frankfurt, der bisher immer im Schatten Londons stand. Auch bezüglich des Reformwillens wird der Brexit meiner Ansicht nach keine großen Auswirkungen haben. Deshalb bewerte ich den Brexit in diesem Zusammenhang mit einer 2. Allen sollte nun klar sein, dass es kein „weiter so“ geben kann, wenn man nicht riskieren möchte, dass weitere Staaten ausscheiden. Deshalb wird sich die Politik zwingen, endlich längst überfällige Reformen des EU-Systems umzusetzen. Damit ist der Brexit auch eine große Chance für uns alle.

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