Ach Mensch Marion Kopmann - Die Demografie-Mahnerin

Mittwoch, 11. Juni 2014
Marion Kopmann (Foto: privat)
Marion Kopmann (Foto: privat)

"Ach Mensch" heißt die Kolumne von HORIZONT.NET, in der die ehemalige HORIZONT-Kollegin Ingeborg Trampe bekannte und unbekannte Persönlichkeiten der Werbeszene jenseits von aktuellen Etat- und Personalmeldungen porträtiert. Diesmal: Marion Kopmann, Geschäftsführerin von Silberrücken, dem Betreiber des Portals MasterHora, einem Netzwerk von Fach- und Führungskräften a.D. und Unternehmen. Seit ein paar Tagen ist sie beschlossen, die Rente mit 63. Dass die Große Koalition mit dieser Entscheidung Rahmenbedingungen setzt, die völlig an der wirtschaftlichen Realität vorbeigehen, kann man fast jede Woche in den Medien lesen. Denn der Fachkräftemangel nimmt zu. Jüngst holten Unternehmen wie Daimler und Otto Pensionäre zurück in ihre Unternehmen, damit sie in Teilzeit Projekte wuppen, für die ihr Wissen und ihre Erfahrung dringend gebraucht werden. Laut Statistischem Bundesamt arbeiten über 800.000 Menschen in Deutschland jenseits der 65. Natürlich auch, weil ein Teil mit zusätzlichen Einnahmen die Rente aufbessern muss. Aber die Tendenz derjenigen, die aus Lust und Laune weiter einer Arbeit nachgehen wollen, steigt in jedem Jahr. Der "Spiegel" widmete jüngst jenen Senioren, die sich nicht aufs Altengleis abschieben lassen wollen, sogar die Titelstory.

Marion Kopmann, Geschäftsführerin von Silberrücken, dürfte sich über die Geschichte gefreut haben. Kämpft sie doch bereits seit Jahren dafür, dass die Gesellschaft endlich das "Potenzial älterer Arbeitnehmer anerkennt, anstatt Horrorszenarien darüber zu entwerfen, wie uns die Alten angeblich auf der Tasche liegen". Schon seit über sechs Jahren beschäftigt sich die Diplom-Kauffrau, die früher unter anderem das Marketing der DZ-Bank leitete und Practise-Leader Communications bei der Beratung Towers Perrin war, mit dem demographischen Wandel. Mit ihrem Geschäftspartner Andy Sacherer betreibt sie über Silberrücken seit letztem Jahr das Portal MasterHora. Die Plattform will Unternehmen mit erfahrenen Fach- und Führungskräften ab 55+ vernetzen, die auch im Seniorenalter in Teilzeit weiter arbeiten wollen. Darüber hinaus bietet MasterHora eine Community zum Austausch von Wissen, Möglichkeiten sich etwa über Webinare fortzubilden, über spannende Menschen ihrer Altersgruppe zu lesen und eigenen Content zu erstellen. Unternehmen können in einem geschlossenen digitalen Campus, die Kontakte zu ausgeschiedenen erfahrenen Mitarbeitern pflegen, sie auf dem neuesten Entwicklungsstand halten und sie gegebenenfalls für Projekte unkompliziert reaktivieren.

Auf ältere Arbeitnehmer nicht mehr verzichten

Während bislang die Kontakte zu Ruheständlern schlicht verloren gingen, beginnen Unternehmen langsam zu erkennen, wie wertvoll Senioren gerade im Zeitalter des Fachkräftemangels auch nach der Pensionierung für die Wirtschaft sein können. Mit RWE und dem Verband der Textilindustrie hat MasterHora bereits zwei namhafte Partner für die Campus-Idee gewonnen. Mehr werden folgen, da ist sich Kopmann sicher. Die Wirtschaft könne es sich schlicht nicht mehr erlauben, auf das Know-how der Älteren zu verzichten. "Wir brauchen ein neues Bild von Arbeit und Wertschöpfung. Und die Älteren sind ein wichtiger Teil davon. Es ist falsch, dass man bei der Talentförderung immer noch die 20- bis 30-jährigen im Auge hat und die Älteren vergisst", ereifert sich Kopmann. Meinungsumfragen und Statistiken geben ihr Recht. Laut einer Untersuchung möchte jeder zweite Arbeitnehmer in Deutschland länger arbeiten, also auch über die 65-Jahre-Schallgrenze hinaus. Doch die Vorruhestand-Regelungen laufen weiter wie bisher. Fortbildungen für Mitarbeiter ab 45 Jahren? Fehlanzeige. "In vier bis fünf Jahren wird das Thema noch akuter, denn viele Arbeitnehmer sind in den Fünfzigern. Aber wartet man wirklich so lange oder schafft man jetzt die Strukturen, den Wissens-Transfer zu gewährleisten", denkt Beraterin laut nach.

Mit großer Leidenschaft rüttelt die 49-Jährige am Bild, das man so gerne von älteren Menschen entwirft. Ihrer Erfahrung nach wollen Senioren gebraucht werden, denn "Arbeit ist ein Teil unserer Kultur und unseres Selbstwertgefühls". MasterHora versteht sie gar als Gesundheitsprogramm: "Das Gehirn ist ein Muskel, der erschlafft, wenn er nicht mehr gebraucht wird. Wer menschliche Ressourcen verkümmern lässt, wirtschaftet alles andere als nachhaltig". Mit Partnern wie dem Frauenhofer Institut, der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit sowie der European Business School an der Seite ist MasterHora zu einer ernstzunehmenden Stimme in der Diskussion um Arbeit und Alter geworden. Doch der Umdenkungsprozess geht der Frankfurterin viel zu langsam. "Bei kleineren Unternehmen findet man schon ein anderes Mind-Set, aber große Unternehmen tun sich immer noch schwer, etwas zu ändern". Und das obwohl seit Jahren eine Diskussion darüber geführt wird, wie aussagekräftig das biologische Alter eigentlich noch ist. Geistig und körperlich fühlen sich die meisten Älteren locker zehn Jahre jünger als ihr Geburtsdatum. Trendforscher Matthias Horx prägte dafür den Begriff "Downaging". Der langfristige Trend müsste also auch deshalb zur Teilzeitrente und zu flexiblen Rentenmodellen gehen, wie sie etwa in skandinavischen Ländern praktiziert werden. In Deutschland sind immer weniger ältere Arbeitnehmer bereit, eine starre Rentenregelung zu akzeptieren und die damit verbundene soziale Stigmatisierung. Genauso wenig, wie sie Jobs nachgehen wollen, die eher als unbezahltes Hobby durchgehen, um die vielen Freizeitstunden zu füllen. Gerade Menschen, die in Führungspositionen gearbeitet haben, wollen und können ihren Kopf und ihr Know-how nicht einfach mit dem Rentenbescheid abschalten. "Wir brauchen modulare Lebensläufe. Flexible Modelle tun not. Leute wollen nicht mehr 40 Jahre am Stück arbeiten und hartes Performance-Management mit 50-Stunden-Wochen absolvieren", fordert Marion Kopmann ein generelles Umdenken der Arbeitswelt.

Sie selbst hat ihre lupenreine lineare Karriere in Unternehmensstrukturen ad acta gelegt, als ihre Tochter zur Welt kam. Seit 2005 arbeitet sie selbstständig, denn "ein Beraterleben bringt dich um und ist nicht mit Kind vereinbar". Sie schätzt ihre heutige Flexibilität, auch mal nachmittags mit ihrer Tochter Zeit verbringen zu können, um dann am Abend den Rest ihrer Arbeit zu erledigen. Ihr eigener Arbeitshorizont ist zeitlich unbegrenzt. Es gibt noch viel zu tun, damit ältere Menschen nicht automatisch aus dem sozialen Arbeitsnetz fallen. Auch wenn sie inzwischen eine gefragte Expertin für Demographie-Management ist, macht sie sich nichts vor. Eine Lösung, die für die Gesellschaft und die älteren Experten gut ist, gibt es noch lange nicht. "Die Vorurteile und Etiketten kleben ziemlich fest", seufzt sie. Doch rein rechnerisch ist die Mehrheit der Deutschen bald über 50. Und das Selbstbewusstsein der Älteren wächst. Age-Diversity in Unternehmen dürfte also nur eine Frage der Zeit sein. Und die wird schneller kommen, als manche Politiker denken.

Die Autorin

Ingeborg Trampe ist noch immer Journalistin im Herzen, auch wenn sie nach Stationen bei HORIZONT, Y&R, Neue Sentimental Film und BBDO heute überwiegend als PR-Beraterin für mittelständische Unternehmen in Hamburg arbeitet. Zum Leidwesen mancher Mitmenschen mag sie französische Dialogfilme, singt Jazz und Chansons und schwimmt viel und intensiv, um den Kopf freizukriegen. Ihr Lieblingslogo ist das vom Kaffee Wacker in Frankfurt, wo es den besten Espresso in Deutschland gibt.
www.trampe-communication.de

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