Ach Mensch Dirk Kall - Der Professionalisierer

Freitag, 17. Oktober 2014
Dirk Kall
Dirk Kall
Foto: privat

"Ach Mensch" heißt die Kolumne von HORIZONT Online, in der die ehemalige HORIZONT-Kollegin Ingeborg Trampe bekannte und unbekannte Persönlichkeiten der Werbeszene jenseits von aktuellen Etat- und Personalmeldungen porträtiert. Diesmal: Dirk Kall, Vorstandsvorsitzender beim Fußballzweitligaklub Fortuna Düsseldorf und ehemaliger Marketing Manager bei der Deutschen Telekom.

Fußball ist ein Sport der ganz großen Emotionen. Und das nicht nur zur Weltmeisterschaft. Montag morgens geht es am Kaffeeautomaten mit den Kollegen erstmal nur darum, die Fußballergebnisse vom Wochenende zu verarbeiten. Manche Vereine schicken ihre Mitglieder dabei durch ein ständiges Wechselbad der Gefühle. Die Hamburger können davon nicht erst seit letzter Saison ein Lied singen. Aber auch die Fans von Zweitligist Fortuna Düsseldorf wissen wie nah Freude und Leid beieinander liegen. Der Traditionsverein, den es schon seit 1895 gibt, hat in seiner Geschichte schon alles erlebt: Aufstiege bis zur 1. Liga, einen unglaublichen 7:1 Sieg gegen Bayern München im Jahr 1978, aber auch brutale Niederlagen, eine Fast-Insolvenz und den Absturz vor zwei Jahren nach nur einer Bundesliga-Saison zurück in die 2. Liga. Permanentes Herzrasen liegt den Düsseldorfer Fortuna Fans also im Blut. Der Kabarettist Dieter Nuhr kommentierte das Auf und Ab des Vereins suffisant so: "Wer Fortuna kennt, braucht das Leben nicht zu fürchten."

Einen ziemlich furchtlosen Eindruck macht in diesen Tagen Dirk Kall, seit Anfang 2014 Vorstandsvorsitzender des Vereins und der erste, der diese Position hauptamtlich betreibt. Der gebürtige Aachener, der durch einen Freund im Studium zum Fortuna-Fan gemacht wurde, hat im Moment allen Grund recht gelassen zu sein. Nachdem der Saison-Auftakt eher holprig und mit dem schnellen Ende des DFB-Pokals begann, steht der Verein in dieser Woche auf dem guten Tabellenplatz 3 der 2. Bundesliga. "Die vier Stunden Heimfahrt nach dem Würzburg-Spiel waren schon schwierig. Aber damit muss man klar kommen, alles zwei Tage sacken lassen und dann seinen Weg weitergehen", erzählt Kall von seinem emotionalen Zustand nach dem viel kommentierten DFB-Pokal-Spiel. Für seinen ehemaligen Partner bei der Unternehmensberatung Batten & Company (damals noch BBDO Consulting) Udo Klein-Bölting ist Dirk Kall "das Beste, was Fortuna passieren konnte". Der Diplom-Kaufmann, der bis 2013 bei der Deutschen Telekom als Vive-President CRM Sales fungierte, gibt sich da deutlich bescheidener: "Ich glaube, dass ich der richtige Mann zur richtigen Zeit bin. Ich habe 20 Jahre Berufserfahrung auf Unternehmensseite und kenne den Verein seit langem. Es geht jetzt darum, die wirtschaftliche und sportliche Perspektive zu verknüpfen und die gesamte Vereinsarbeit zu professionalisieren. Aber alleine kann ich nichts bewirken. Wegen mir schießt niemand ein Tor." Kall wollte den Job zunächst gar nicht machen. Doch nachdem der Aufsichtsrat ihn eindringlich gebeten hatte, entschied er sich doch für seinen „Traumjob“. Und so wechselte der ehemalige Marketingmanager nach acht Jahren von der Position als Vorsitzender des Aufsichtsrates ans Steuerruder des Vereins.

Professionalisierung des Vereins

Kall, der wie alle Jungs als Kind davon träumte, Fußballer zu werden, aber nicht gut genug war, kennt den Verein sehr gut. Als 2003 der damalige Düsseldorfer Oberbürgermeister und Aufsichtsrats-Vorsitzende Erwin Agenturen in der Landeshauptstadt ansprach, ob sie den Verein kommunikativ unterstützen wollten, saß Dirk Kall für die BBDO-Gruppe dem OB als Gesprächspartner gegenüber. Obwohl Kall kein typischer Werbeschnacker is, konnte er den Ex-Ob als echter Fortuna-Fan überzeugen, dass BBDO das richtige Team für den Verein sei. Noch heute unterstützt Deutschlands größte Werbeagenturgruppe Fortuna Düsseldorf mit kommunikativen Ideen. Übrigens war Dirk Kall als BBDO-Consulting-Partner einer der Miterfinder des renommierten Markenwert-Rankings für Fußballer, bei dem in diesem Jahr Mario Götze als wertvollster Player identifiziert wurde. Verbrachte er früher vor allem die Wochenenden im Stadion und die Aufsichtsratssitzungen im Verein, hat er als Vorstandsvorsitzender nun einen quasi Rund-um-die-Uhr-Job. Gut, dass seine Familie auch fußballinfiziert ist. Die Töchter interessieren sich mittlerweile für einzelne Spieler und sein kleiner Sohn, etwas verwirrt von der WM, sprach während dieser Zeit nur von Fortuna Deutschland. Ein schönes Sinnbild für Dirk Kall.

In gewisser Weise ist die Fußballbegeisterung seiner Familie typisch für die Entwicklung der letzten Jahre. Gingen einst Vater und Sohnemann Fußballspiele gucken, ist ein Stadionbesuch heute auch bei Fortuna Düsseldorf schon häufig Familiensache. "Fußball ist längst ein Sport für alle, gerade zu Zeiten wie der EM oder der Weltmeisterschaft", bestätigt Kall. Bei Fortuna kommt hinzu, dass der Verein ähnlich wie etwa St. Pauli Kultstatus genießt. Das beindruckend große Stadion, die Toten Hosen, Alt-Düsseldorf und der Traditionsverein gehören einfach zusammen. Natürlich schmerzt es die Düsseldorfer gewaltig, dass sie nicht dauerhaft mit ihrem Team in der Bundesliga spielen, doch genau das will Kall mit seinen Vereinskollegen - 50 in der Geschäftsststelle, 40 im Sportbereich plus viele Ehrenamtliche - ändern. "Selbstverständlich ist es unser Ziel, wieder in die 1. Bundesliga aufzusteigen, aber zunächst müssen wir die Rahmenbedingungen schaffen, dass sich der Verein dann auch dauerhaft dort etablieren und die Mannschaft immer Top-Leistung bringen kann", erklärt der Fortuna-Chef. Er weiß, wovon er spricht, stieg doch Fortuna Düsseldorf vor zwei Jahren nach nur einer Saison in der Top-Liga wieder ab, was für den gesamten Verein natürlich enttäuschend war. Nach Ansicht des Fußball-Managers gab es dafür mehrere Gründe und es lag wohl auch daran, dass Verein und Mannschaft wohl nicht genügend auf die Bundesliga vorbereitet waren. Auch deswegen entschied sich der Verein, in diesem Jahr einen hauptamtlichen Vorstand einzusetzen. "Man braucht 100% für die Weiterentwicklung. Der Zeitaufwand für ein Ehrenamt war einfach zu groß", räumt Kall ein. Auch wenn er nicht alles anders machen will, wie er beteuert, sein Aufgabenzettel bleibt groß. Er muss eine Profistruktur im Verein etablieren, sich um das Thema Nachwuchs kümmern sowie um Sponsoren und natürlich auch um das Marketing und wofür der Verein in Zukunft stehen soll. Das nötige Rüstzeug dafür bringt er ohne Zweifel mit, auch wenn er klipp und klar sagt, dass man einen Verein nicht wie eine Unternehmensunit führen könne. "Fußball hat kurze Planungszyklen und eine hohe Emotionalität. Die Weiterentwicklung eines Vereins ist nicht wirklich rational planbar". Umso wichtiger ist ein Vorstandsvorsitzender, der bei aller Emotionalität, die Ruhe bewahrt und das mittelfristige Ziel nicht aus dem Auge verliert. Kall ist jemand, der Ruhe ausstrahlt und schon immer Menschen abholen und einnorden konnte, wenn sie vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sahen. "Nach jedem Spiel bekommt man 20 SMS. Jedes Wochenende hat emotionale Auswirkungen – entweder positive oder negative. Ganz wichtig ist es, bei Erfolgen nicht abzuheben, sich aber bei Niederlagen auch nicht erschüttern zu lassen".

Kall hat einen Dreijahresvertrag und die Zeit wird er wohl brauchen, um Fortuna Düsseldorf für die Bundesliga nachhaltig fit zu machen. Abgesehen davon, schließt er eine Rückkehr in Marketingfunktionen bei Unternehmen für sich aus. "Ich bin voll committed und möchte nichts anderes mehr machen". Und im Gegensatz zu einigen anderen Club-Managern weiß Kall um das schlimmste aller Fettnäpfchen im Profifußball: "Natürlich wird das Management auch am sportlichen Erfolg gemessen. Aber ein Vorstandsvorsitzender darf nicht den Fehler machen, in den Sport reinzuregieren", lautet seine klare Ansage. Um seine eigenen Emotionen und den Blutdruck in Schach zu halten, geht der Fußball-Profi oft laufen. Aus der Ruhe bringt man den 47-Jährigen nur ein bisschen, wenn man ihn auf das Thema Fan-Gewalt anspricht. Denn in den Medien werden Fortuna-Fans gerne mal pauschal als aggressiv beschrieben. "Gewalt ist ein gesellschaftliches Thema und Einzeltäter gibt es bei vielen Vereinen. Wir gehen Tätern nach und sprechen Stadionverbote aus. Den Verein lassen wir uns von Einzelpersonen nicht kaputt machen", kommentiert Kall für seine Verhältnisse ungewöhnlich scharf. Am nächsten Wochenende wird er natürlich wie bei jedem Spiel mitfiebern. Und egal, ob er danach 20 positive oder 20 negative SMS erhält, Dirk Kall wird danach mit dem Vereinsteam unbeirrt an seinem mittelfristigen Plan Richtung Bundesliga weiterarbeiten.

Die Autorin

Ingeborg Trampe ist noch immer Journalistin im Herzen, auch wenn sie nach Stationen bei HORIZONT, Y&R, Neue Sentimental Film und BBDO heute überwiegend als PR-Beraterin für mittelständische Unternehmen in Hamburg arbeitet. Zum Leidwesen mancher Mitmenschen mag sie französische Dialogfilme, singt Jazz und Chansons und schwimmt viel und intensiv, um den Kopf freizukriegen. Ihr Lieblingslogo ist das vom Kaffee Wacker in Frankfurt, wo es den besten Espresso in Deutschland gibt. www.trampe-communication.de

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