Ach Mensch Dagmar Hübner - Die Hinguckerin

Donnerstag, 20. November 2014
Dagmar Hübner vor Bild von Elger Esser
Dagmar Hübner vor Bild von Elger Esser
Foto: privat

"Ach Mensch" heißt die Kolumne von HORIZONT Online, in der die ehemalige HORIZONT-Kollegin Ingeborg Trampe bekannte und unbekannte Persönlichkeiten der Werbeszene jenseits von aktuellen Etat- und Personalmeldungen porträtiert. Diesmal: Dagmar Hübner, die mit The People Business zu den angesehensten Personalberatern im Bereich Marketing und Agenturen gehört.
Wenn man ins Büro von Dagmar Hübner kommt, freut man sich richtig über ein paar Minuten Wartezeit. Denn bei der Frankfurterin, die seit 1998 mit The People Business zu den angesehensten Personalberatern im Bereich Marketing und Agenturen gehört, gibt es viel zu gucken. In ihrem Office im Holzhausenviertel der Bankenmetropole hängt wundervolle Fotokunst, darunter Elger Esser, Jörg Sasse und Candida Höfer, die alle aus der renommierten Düsseldorfer Becher-Schule kommen. Das Verweilen und Hinschauen ist ausdrücklich erwünscht. Und so lasse ich mich einfach in die soghaft wirkenden Räume von Candida Höfer hineinziehen, die trotz der Abwesenheit von Menschen gerade dadurch so viel über sie erzählen.
„Ich habe mir schon immer einen Transfer zwischen Kreativindustrie und Kunst gewünscht. “
Dagmar Hübner
Das Bild hinter dem Bild ist es, was Hübner grundsätzlich interessiert. Das gilt sowohl für ihre Kunstleidenschaft als auch für ihren Job, den sie als Berufung empfindet. „Ich habe mir schon immer einen Transfer zwischen Kreativindustrie und Kunst gewünscht. Leider findet er zu wenig statt. In meinem Büro sind die Bilder ein guter Ausgangspunkt für Diskussionen mit Kandidaten. Man lernt so, differenzierende Seiten dieser Person kennen“, erläutert Hübner die Brücke zwischen Kunst und ihrem Arbeitsalltag Die Personalberaterin ist bekannt dafür, tiefer in Kandidatengespräche einzusteigen als das so einige ihrer Konkurrenten tun. Denn sie glaubt an die 50/50-Regel: „50% ist Talent und 50% macht bei einem Menschen das aus, was er erlebt, wie er mit Erfolgen und Misserfolgen umgeht und welche Wege und Umwege er gegangen ist.“ Das Gespräch über Kunst mit potentiellen Kandidaten ist also nicht einfach nur ein Smalltalk, um warm zu werden. Es ermöglicht der ehemaligen Human Resources Chefin von Leo Burnett vielmehr einen anderen Blickwinkel auf die Person, die vor ihr sitzt. Und auch Erkenntnisse darüber, wie ein kreatives Talent an Konzepte und Marken herangeht. „Je mehr man rausgeht, desto ideenorientierter kann man arbeiten“, ist sich die Beraterin sicher. „Wenn man sich selbst mit der zeitgenössischen Kunst konfrontiert, lernt man sehen und verstehen und das beeinflusst das Denken.“

Ihr eigenes Denken wird seit ihrer Kindheit von Kunst geprägt. Hübner wuchs in einem links-liberalen Kölner Elternhaus auf. Ihre Eltern interessierten sich für Kunst und nahmen sie von Kindesbeinen an mit zu Ausstellungen. Ihr Ur-Ur-Ur-Großvater Carl Hübner war sogar Mitbegründer des Düsseldorfer Malkasten Vereins. Die Kunst steckt also quasi in den Genen der Headhunterin. Während ihres Studiums in Frankfurt stieg die Rheinländerin dann tiefer in die Auseinandersetzung mit der Kunstwelt ein. Es war die Zeit von Kulturstadtrat Hilmar Hoffmann, der in seiner Amtszeit auch das Frankfurter Museumsufer begründete und der Kunstszene dort viele Impulse gab. Sie besuchte zahlreiche Ausstellungen und spürte nachhaltig, dass „Kunst inspiriert, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten“. Nach ihrem BWL-Studium arbeitete sie für zwei Jahre als Verlagsleiterin beim Wolkenkratzer Art Journal, das damals für den Kunstbereich richtungsweisend war und Hübner die Chance bot, auch auf „konzeptioneller Ebene in die Kunst einzusteigen“. Sie erlebte in dieser Zeit auch, wie emotional berührend Kunst sein kann. Ihr Schlüsselerlebnis war der Besuch der Art Frankfurt, wo sie zum ersten Mal unter dem Sternenhimmel des Fotografen Thomas Ruff stand und nur dachte „Wow. „Kunstbetrachtung ist etwas sehr Subjektives und diese Erfahrung kann man schwer teilen“, erzählt sie angesichts der letztjährigen Stockholmer Ausstellung der Künstlerin Hilma af Klint, die sie sehr bewegt und „über Monate getragen hat“.

Dagmar Hübner vor Zoobilder-Sammlung von Candida Höfer
Dagmar Hübner vor Zoobilder-Sammlung von Candida Höfer (Bild: privat)
Das erste Bild, das ihre kleine, feine Sammlung von 16 Exponaten begründete, kaufte sie 1999. Damals hatte sie auf der Art Frankfurt eine Galeristin kennengelernt, die ihr „das Sehen beibrachte“. Also das Bild und den Menschen hinter einem Werk zu durchdringen. Diese Galeristin war es auch, die Dagmar Hübner ermutigte, eine Arbeit von Candida Höfer zu kaufen, das heute für die Kunstliebhaberin unerschwinglich wäre. Kunst ist für sie Bereicherung, Ausgleich und Sinnstiftung zugleich, aber nie ein Anlageobjekt. „Ich habe Kunst nie gekauft, um zu spekulieren, sondern um damit zu leben.“ Insofern sieht sie die Dynamik am Kunstmarkt der letzten Jahre kritisch. Der Markt ist überhitzt durch viele Superreiche, die den Markt leerkaufen und die Preise in die Höhe treiben. „Mit diesem Weiter und Höher komme ich nicht klar“, räumt Hübner offen ein. Daher konzentriert sie sich nun ganz bewusst darauf, junge Talente zu fördern und zu kaufen. Was erneut eine perfekte Verbindung zu ihrem Beruf ist. So wie sie sich ausführlich vor jedem Kauf mit dem Werk und der Biographie von Künstlern beschäftigt, tut sie dies auch bei ihren Kandidaten. Dabei liegt ihre Stärke darin, so sagen Branchenexperten unisono, intuitiv die richtigen Fragen zu stellen und das Verborgene in einem Kandidaten hervorzulocken. Erst danach weiß sie, ob die Person für die jeweilige Position die richtige ist.

Dagmar Hübner vor Frank-Gehry-Museum in Paris
Dagmar Hübner vor Frank-Gehry-Museum in Paris (Bild: privat)
Von Intuition lässt sie sich auch in der Kunst leiten. "Vor 15 Jahren hatte ich eher ein diffuses Gefühl. Heute habe ich eine größere Sicherheit und damit auch mehr Tiefgang und Freude. Je mehr man weiß, desto besser kann man verknüpfen und desto sinnstiftender ist die Kunst."  Auch in ihren privaten Räumen hängt Kunst, allerdings hat sie sich dort bewusst für Malerei und konzeptionelle Werke entschieden. Inspiration holt sie sich auf Ausstellungen. Dagmar Hübner reist viel, verbindet Kunstgenuss oft mit Arbeitsterminen in verschiedenen Städten, gerade kommt sie aus Paris zurück, wo sie im neuen Museum von Frank Gehry eine Kraftwerk Performance gesehen hat. Zur Kölner und Baseler Kunstmesse geht sie regelmäßig. Für sie gehören Köln und Düsseldorf sowie ihre neue Heimat Frankfurt zu den spannenden und oft unterschätzten Kunstszenen hierzulande, wo so gerne viel über Berlin geredet wird. Mit Spannung hat sie die Eröffnung des 3. Ausstellungsraums vom Museum für Moderne Kunst verfolgt. In einem für Deutschland einmaligen Konzept zeigt das Museum ab sofort in einem Hochhaus der Mainmetropole Teile seiner umfangreichen Sammlung. Hübner gefällt der Gedanke, dass sich Menschen in ihrer Mittagspause von Kunst berühren lassen. "Was macht das Leben aus? Menschen und Orte, die inspirieren", heißt denn auch ihre Quintessenz. In ihrem privaten Umfeld versucht sie immer wieder, Menschen zu ermutigen, sich Kunst gegenüber zu öffnen. Die Angst davor nicht mitreden zu können, hält sie für Quatsch. "Natürlich fängt man bei null an, aber es gibt so viele engagierte Galeristen, die sich ebenso wie die Künstler über echtes Interesse freuen." Ihre beiden Söhne hat sie jedenfalls schon mit dem Kunstgen infiziert. Der eine fotografiert, der andere macht Musik.

Dagmar Hübner vor Frank-Gehry-Museum in Paris
Dagmar Hübner vor Frank-Gehry-Museum in Paris (Bild: privat)
In einem nächsten Leben würde Dagmar Hübner übrigens gerne als Galeristin junge Talente fördern. Für die deutsche Werbeszene wäre es freilich gut, wenn sich die erfahrene Beraterin noch eine Weile um die Talente dieser Branche kümmern würde. Nicht nur, um ihnen die passende Position zu vermitteln, sondern um sie außerdem zu ermutigen, in die Welt zu gehen und Dinge zu entdecken. Hübner: "Man kann Menschen und Marken nur etwas mitgeben, wenn man sich selbst öffnet." Diese Einsicht freilich wünscht man sich auch auf so manchen Marketing-Etagen in deutschen Unternehmen.

www.thepeoplebusiness.net

Die Autorin

Ingeborg Trampe ist noch immer Journalistin im Herzen, auch wenn sie nach Stationen bei HORIZONT, Y&R, Neue Sentimental Film und BBDO heute überwiegend als PR-Beraterin für mittelständische Unternehmen in Hamburg arbeitet. Zum Leidwesen mancher Mitmenschen mag sie französische Dialogfilme, singt Jazz und Chansons und schwimmt viel und intensiv, um den Kopf freizukriegen. Ihr Lieblingslogo ist das vom Kaffee Wacker in Frankfurt, wo es den besten Espresso in Deutschland gibt. www.trampe-communication.de
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