iPad-Event: Der Tag, an dem Apple seinen Wow-Faktor verlor

Donnerstag, 08. März 2012
Sind Steve Jobs Fußstapfen für den neuen Apple-Chef Tim Cook zu groß?
Sind Steve Jobs Fußstapfen für den neuen Apple-Chef Tim Cook zu groß?

War da was? Ja da war was. Apple hat das Geheimnis rund um sein neues iPad 3 gelüftet, doch das Fanfieber dürfte sich in Grenzen halten. Natürlich setzt die neue Multimedia-Tafel in der von Apple geschaffenen Kategorie neue Maßstäbe bei den technischen Features. Aber technische Leistungsdaten waren noch nie der USP der Kultmarke aus Cupertino. CEO Tim Cook wirkt zunehmend wie der Zauberlehrling, der zwar das Formelbuch des alten Meisters vor sich hat, aber die Magie von Apple nicht einzusetzen weiß. Um das Problem völlig zu erfassen, muss man sich die Geschichte der Marke verdeutlichen: Ein überlegenes digitales Nutzererlebnis lieferte Apple schon von Anfang an. Solange Apple sich darauf beschränkte, ein besonders schönes Produkt in einer weitgehend vergleichbaren Kategorie zu anzubieten, waren allerdings nur Designbüros und Werbeagenturen bereit, den dafür fälligen Aufpreis zu bezahlen. Zum kulturellen Phänomen wurde die Marke erst, als Gründerlegende Steve Jobs begann, Konventionen zu brechen, und altbekannte Produkte in völlig neuem Licht erscheinen ließ. Indem er beispielsweise nicht nur einen weiteren MP3-Player entwickelte, sondern mit dem iPod eine völlig neue Art des Musikerlebnisses erfand, war Jobs in der Lage, sich dem bisherigen an Preisen und technischen Leistungsdaten orientierten Wettbewerb in der IT-Branche zu entziehen.

Diese am menschlichen Nutzungsbedürfnis orientierte Philosophie findet sich allerdings in dem Kalkül zum neuen iPad nirgendwo wieder. Apple positioniert sich mit dem Gerät als technischer Marktführer und positioniert den iPad 3-Vorgänger als Einsteigermodell für Tablet-Interessierte, die etwas weniger zahlen wollen. Kurzfristig wird diese Taktik funktionieren, aber langfristig macht sich Apple mit solchen Manövern zu einem vergleichbaren Geräteanbieter.

Denn Samsung, Sony, Nokia & Co lernen bei der User Experience - der einstigen Apple-Domäne - kontinuierlich dazu. Bei den Smartphones hat Apple seine Marktdominanz schon verloren und auch bei den Tablets werden die iPads wahrscheinlich schon in wenigen Jahren nur noch eine Option unter vielen sein. Und vielleicht schlimmer noch: Die Neuerfindung des Fernseherlebnisses, von der Steve Jobs zuletzt träumte, wird im Moment eher bei Microsoft und Samsung als in Cupertino betrieben.

Selbst das sprachgesteuerte Interface Siri, das einen echten Innovationssprung in der Mobile-Kategorie darstellt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Apple sein Wachstum mittlerweile den immer hektischeren Innovationszyklen bei etablierten Produkten statt dem Aufbau neuer Geschäftsfelder verdankt. Das konkreteste Frühwarnsignal für die schleichende Auszehrung der Kultmarke liefert vielleicht ihre Marketingkommunikation: Wie lange ist es eigentlich her, dass Apple einen Spot lieferte, der auch Nichtfans fasziniert hat? cam
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