WERBUNG ZUM WOCHENENDE: Orhan Pamuk - das verblüffende Marketinggenie des Nobelpreisträgers

Freitag, 31. Mai 2013
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Inspiration für ein kreatives Marketing lässt sich praktisch überall finden. Aber es überrascht dann doch, dass ausgerechnetet ein Literatur-Nobelpreisträger demonstriert, wie radikal sich sogar ein Traditionsprodukt wie ein Buch neu definieren lässt, wenn man es ausschließlich über das Konsumerlebnis seiner Nutzer definiert. Bei dem Nobelpreisträger handelt es sich um Orhan Pamuk und sein Geniestreich ist das Museum der Unschuld, das seit mehr als einem Jahr in Istanbul zu besichtigen ist. Pamuks Idee ist so einfach wie genial: In seinem 2010 in Deutschland erschienenen Buch "Museum der Unschuld" schildert er die tragische Liebe zwischen dem wohlhabenden Bürgersohn Kemal und seiner armen verwandten Füsun. Kemal verliert zwar im Verlauf der Handlung die Liebe seines Lebens, hält aber das Gefühl am Leben, indem er alles sammelt, was mit Füsun zu tun hat. Diese Geschichte ist nicht nur furios auf insgesamt 83 Kapiteln im Buch erzählt, sondern lässt sich auch anschließend noch einmal real im Museum der Unschuld über genau 83 Ausstellungsstücke erneut erleben. Und natürlich endet die Kette nicht da: Wer das Museum besucht hat, kann anschließend ein Buch mit Fotos und weiteren Erläuterungen zu der Austellung einer fiktiven Liebe erwerben.

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Pamuk gelingt es also aus einer schlichten Geschichte, die man auch als Film hätte weiterverwertetn können, ein von Anfang an umfassendes transmediales Erlebnis zu machen, bei dem jeder Berührungspunkt zwischen Konsument und Werk das Gesamterlebnis neu inszeniert und damit noch faszinierender macht. Wieviele Marken können von sich behaupten, dass ihnen Ähnliches gelungen wäre?

Der Vergleich mit Apple liegt hier natürlich nahe. Schließlich existiert hier das Einkaufserlebnis im Apple-Store synergetisch mit dem haptischen Design des Prdodukts, der bewährten Einfachheit des User-Interfaces und dem vielfältigen Content auf iTunes. Apple ist ähnlich wie "Museum der Unschuld" kein Einzelprodukt. Apple ist ein Gesamterlebnis, wo die Schwächen einzelner Aspekte von der überwältigenden Wirkung des orchestrierten Gesamteindrucks überstimmt werden.

Interessant an dem Museum der Unschuld ist allerdings, dass Pamuk - anders als Steve Jobs - das transmediale Produktdesign ganz ohne digitale Elemente gelingt. Derzeit gibt es einen massiven Trend in der Produktinnovation, nach dem zukunftsorientierte Produkte per Definition in wesentlichen Bestandteilen auch digital zu sein haben. Pamuks Kreation beweist, dass das mitnichten zutrifft. Entscheidend ist nicht, auch noch das letzte Stück Kernseife mit einem QR-Code zu versehen. Wesentlich ist vielmehr, die traditionelle Formatierung von Produkten zugunsten neuer Erlebnisdesigns infrage zu stellen.

So selbstverständlich, ja geradezu banal diese Erkenntnis klingt, so selten ist ihre reale Umsetzung in der kommerziellen Praxis. Das liegt nicht daran, dass der Ansatz nicht profitabel wäre. So definierte das Kochhaus den Lebensmittelhandel nicht mehr als den Vertrieb von isolierten Produkten, sondern als erste Stufe auf dem Weg zu einer selbst zubereiteten Mahlzeit. Das Ergebnis war ein Supermarktkonzept, in dem Lebensmittel gebündelt nach Rezepten verkauft werden, und ein Unternehmen, das aktuell massiv expandiert.

Es gibt also keinen Aspekt der Konsumlandschaft - und sei er auch noch so alltäglich und selbstverständlich, der in sich nicht das Potenzial zur radikalen Innovation tragen würde. Aber es gibt sehr wohl die Angst der großen Konzerne, durch allzu radikale Innovationen das etalierte Stammgeschäft zu etablieren. So experimentieren mittlerweile alle großen Automobilhersteller mit Sharingkonzepten, bei denen man nur noch für die Nutzung und nicht mehr für den Besitz des Autos bezahlt. Doch kein Hersteller tut dies mit einer Preisstruktur, die ein derartiges Angebot auch für ein breiteres Publikum attraktiv machen würde. Im Endeffekt versagt man durch diese Unentschlossenheit der neuen Idee die reale Erfolgschance, hilft aber gleichzeitig auch dem angeschlagenen Stammgeschäft nicht wirklich weiter.

Ein Erfolgsautor wie Panuk ist bei solchen Fragen, anders als etwa der Vorstand von Daimler-Benz, niemandem außer sich selbst Rechenschaft schuldig. Doch sein Museum der Unschuld könnte schwankenden Managern als Inspiration dienen, dass Produktrevolution statt -Innovation nicht nur lebendigere Geschichten in der Literatur schafft, sondern auch Erfolgsgeschichten im Marketing erschaffen kann. cam
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