Unter Generalverdacht: Muslime laufen gegen Kampagne von Innenminister Friedrich Sturm

Freitag, 31. August 2012
Sorgen für mächtig Wirbel: Die Motive der "Vermisst"-Kampagne (Foto: BMI)
Sorgen für mächtig Wirbel: Die Motive der "Vermisst"-Kampagne (Foto: BMI)

Eigentlich wollte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) mit seiner „Initiative Sicherheitspartnerschaft“ der zunehmenden Radikalisierung junger Muslime Einhalt gebieten. Doch der Schuss könnte jetzt nach hinten losgehen. Grund ist die sogenannte "Vermisst-Kampagne", mit der das Bundesinnenministerium seine "Beratungsstelle Radikalisierung" bekannt machen will. Bei Deutschlands Muslimen haben die Motive schon vor der Plakatierung große Empörung ausgelöst. Auch die Oppotition kritisiert die Kampagne.
(Foto: BMI)
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Die umstrittene Kampagne, die ab September in Form von Anzeigen, Online-Bannern, Plakaten und Gratispostkarten starten soll, erinnert an eine klassische Vermisstenanzeige. Auf den Motiven, die jeweils das Foto einer angeblich verschollenen Person zeigen, wird der schmerzhafte Verlust eines Sohnes, Bruders oder einer Freundin beklagt. Diese hätten sich durch Einflüsse von radikalen Salafisten von ihrem Umfeld so entfernt, dass sie nicht wiederzuerkennen seien, erläutert das Ministerium auf den Anzeigen. "Wir haben Angst ihn ganz zu verlieren - an religiöse Fanatiker und Terrorgruppen", heißt es auf dem Motiv weiter. Ganz unten bringt das Innenminsterium dann die Beratungsstelle Radikalisierung ins Spiel - mit Telefonnummer und E-Mailadresse. Welche Agentur die Kampagne entwickelt hat, wollte eine Ministeriumssprecherin gegenüber HORIZONT.NET nicht preisgeben.

(Foto: BMI)
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Die Muslime laufen gegen die Kampagne Sturm: “So gewinnt man keine Muslime, so kriminalisiert man sie”, sagte die Generalsekretärin des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), Nurhan Soykan, der Nachrichtenagentur dapd. Nicht nur vom ZMD kommt Kritik: Plakate, Postkarten und Anzeigen mit muslimisch anmutenden Jugendlichen schürten Vorurteile und beschwörten eine gesellschaftliche Paranoia herauf, teilten vier Verbände in einer gemeinsamen Erklärung mit.

Auch im politischen Berlin sorgt die Kampagne für Wirbel: Grünen-Chefin Claudia Roth nannte die "Vermisst-Kampagne" ausgrenzend, diskriminierend und beschämend und forderte Friedrich dazu auf, die Aktion sofort zu stoppen. Sogar beim Koalitionspartner FDP stößt Friedrich auf Unverständnis. Der Integrationsbeauftragte der Liberalen im Bundestag, Serkan Tören, forderte den Innenminister ebenfalls auf, die Kampagne zu stoppen: "Wenn das Bundesinnenministerium jetzt weiter an der Kampagne festhält, dann werden die Gräben, die sich zwischen den muslimischen Verbänden aufgetan haben, nur noch tiefer", zitiert dapd den FDP-Politiker.

Friedrich zeigte sich in einer ersten Reaktion wenig einsichtig und will an den Plakaten festhalten. "Wir sind gerne zu weiteren Gesprächen bereit, aber die 'Vermisst-Kampagne' wird nicht abgewandelt", zitiert dapd einen Ministeriumssprecher. Vorstellbar sei lediglich eine Erweiterung der Kampagne mit anderen Motiven. mas
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