Streit um "dreisteste Werbelüge": Markenhersteller attackieren Foodwatch

Dienstag, 17. Mai 2011
Gegenwind für Foodwatch: Der Goldene Windbeutel sorgt für mächtig Wirbel
Gegenwind für Foodwatch: Der Goldene Windbeutel sorgt für mächtig Wirbel

Gestern hat Foodwatch wie berichtet die Kandidaten für den Goldenen Windbeutel 2011 vorgestellt. Noch bis Mitte Juni lässt die Berliner Organisation die Verbraucher auf der Kampagnenseite Abgespeist.de über die "dreisteste Werbelüge" in der Lebensmittelbranche abstimmen. Jetzt gerät Foodwatch selbst heftig unter Beschuss. Nach Danone geht nun auch Storck zum Gegenangriff über und stellt die Unabhängigkeit der Nichtregierungsorganisation in Frage.
Der Berliner Süßwarenkonzern Storck, dessen Fruchbonbon Nimm2 zu den Kandidaten für die "dreisteste Werbelüge 2011" gehört, weist alle Vorwürfe weit von sich und wirft Foodwatch mehr oder weniger unverblümt vor, vom Wettbewerb finanziert zu sein und daher nicht unabhängig zu agieren. In einer Stellungnahme, die HORIZONT.NET vorliegt, begründet Storck den Vorwurf unter anderem damit, dass Foodwatch mit einer Spende des Süßwarenherstellers Alfred Ritter in Höhe von 250.000 Euro gegründet worden sei. "Die Auseinandersetzung mit unserem Produkt stammt also von einer Organisation, die sehr maßgeblich von einem Hauptwettbewerber unseres Hauses finanziert worden ist", sagt Storck-Kommunikationschef Bernd Rößler - und wirft Foodwatch schlicht Parteilichkeit vor.

So stehe derzeit etwa die Milch-Schnitte von Ferrero wegen des Sportbezugs in der Werbung am Pranger, die von Alfred Ritter vertriebene Schokoladenmarke Ritter Sport tauche dagegen in den Foodwatch-Kampagnen nicht auf, obwohl die Marke ihren Erfolg gerade dem kritisierten Sportbezug verdanke. "Die vielfach in der Ansprache von Foodwatch verwendete Bezeichnung Verbraucherorganisation halten wir angesichts dieser Zusammenhänge für fragwürdig", heißt es in der Stellungnahme weiter. Foodwatch betreibe vielmehr eine "an den Regeln der Empörungskommunikation und Kampagnenbildung ausgerichtete und damit polemische Kritik" und sei nichts anderes als "eine Marketingmaschine für die Allimentationsinteressen" des Gründers Thilo Bode.

Danone-Kommunikationschef Andreas Knaut
Danone-Kommunikationschef Andreas Knaut
Zuvor hatte sich bereits Danone kritisch zu Foodwatch geäußert. Der Konzern, dessen Produkt Actimel 2009 den Goldenen Windbeutel erhielt und der nun erneut mit Activia am Pranger steht, meldet ebenfalls erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Foodwatch an. "Wir weisen den Vorwurf einer Werbelüge von Foodwatch entschieden zurück", sagt Andreas Knaut, Director Corporate Communications, Health and Sustainability bei Danone. Nach Ansicht von Knaut entbehren die erhobenen Anschuldigungen jeglicher Grundlage. Vielmehr versuche Foodwatch sogar, "den Verbraucher in die Irre zu führen - denn die Wirkung von Activia ist eindeutig wissenschaftlich belegt und klar messbar", so Knaut weiter, der auf nicht weniger als 17 publizierte wissenschaftliche Studien dazu verweist. Foodwatch müsse sich fragen lassen, auf welcher Grundlage die Aussagen beruhen.

Foodwatch reagiert auf den Frontalangriff vonseiten der Industrie gelassen. "Die Reaktionen insbesondere von Storck legen nahe, dass dem Unternehmen keine sachlichen Argumente mehr einfallen", so ein Sprecher gegenüber HORIZONT.NET. Dass Foodwatch eine Anschubfinanzierung von Alfred Ritter erhalten habe, sei ein uralter Hut. "Daraus haben wir auch nie ein Geheimnis gemacht", so der Sprecher. Allerdings habe sich die Positionierung der Organisation seit ihrer Gründung völlig verändert. Stand 2002 in Folge der BSE-Krise noch die Land- und Futtermittelwirtschaft im Fokus, hat sich der Schwerpunkt inzwischen auf die Lebensmittelindustrie verlagert. Als Folge habe Foodwatch auch seine Spendenpraxis komplett verändert: "Spenden der Lebensmittelindustrie werden grundsätzlich abgelehnt. Auch eine Spende von Alfred Ritter würde heute zurückgewiesen", so der Sprecher, der den Vorwurf der Parteilichkeit daher vehement abstreitet.

Auch die Anschuldigung, der Konzern des damaligen Spenders Alfred Ritter werde mit Kritik verschont, will Foodwatch so nicht stehen lassen. So sei Foodwatch etwa in einer der größten und längsten Kampagnen für die Ampelkennzeichnung eingetreten, die von Ritter Sport strikt abgelehnt werde. Zudem habe sich Foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode in seinem 2010 erschienenen Buch „Die Essensfälscher“ kritisch mit Ritter Sport auseinandergesetzt. mas
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