Medienprofessor: "Werbe-Industrie betreibt soziale Diskriminierung"

Dienstag, 17. Januar 2012
Medienprofessor Joseph Turow
Medienprofessor Joseph Turow

Der Warnruf an die Vertreter der Medien- und Werbeindustrie hätte zum Auftakt des Frankfurter Medienkongresses nicht deutlicher sein können: "Die Werbe-Industrie betreibt soziale Diskriminierung, indem sie die Konsumenten in Reputationssilos isoliert", kritisierte der Medienprofessor Joseph Turow, der an der Annenberg School of Communication der Universität von Pennsylvania lehrt und forscht. Turow stellte zum Auftakt des Kongresses einige Kernthesen aus seinem neuen Buch "The Daily You" vor, das sich mit den Konsequenzen von Targeting-Technologien für die Entwicklung der Medien und Gesellschaft der beschäftigt. Dabei machte er deutlich, dass die Sorge um die eigene Privatsphäre in der Öffentlichkeit zwar weit verbreitet, aber das Wissen um die entsprechenden Rechtsgrundlagen minimal sei: "62 Prozent aller Amerikaner wissen nicht, was Regeln zum Datenschutz eigentlich beinhalten." Die größte Gefahr sei allerdings, dass ein ständig verfeinertes Targeting über eine wachsende Zahl von digitalen Informationsquellen dazu führen könne, dass Menschen bestimmte Medieninhalte nicht mehr zu sehen bekommen - nur weil die Targeting-Algorithmen bei anderen Medieninhalten eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit für die begleitenden Werbebotschaften ergeben haben. Die Betroffenen seien dann in ihren Reputationssilos gefangen: "In dieser Welt müssen wir als Konsumenten mit einer digitalen Reputation leben, die wir nicht kennen und die wir auch wahrscheinlich nicht gutheißen würden."

Diese Entwicklung vespreche den Werbestrategen zwar ein planerisches Umfeld von bisher nicht vorstellbarer Qualität, sei aber gleichzeitig ein grundsätzliches Risiko für die Effektivität des Marketing, glaubt Turow: "Die große Frage ist hier, ob wir kurzfristige Gewinne bei Werbeerlösen und Targetingqualität mit langfristigen Verlusten der Werbe-Industrie als Ganzes erkaufen." Ein warnendes Beispiel ist für ihn die Finanzbranche: "Über viele Jahrzehnte hat niemand die Regeln hinterfragt, nach denen Wallstreet arbeitet. Jetzt haben wir ,Occupy Wallstreet'. Mit der gleichen Mentalität könnte auch die Werbung konfrontiert werden." cam
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