Krisen-PR-Experten zum Prism-Skandal: "Maximale Transparenz ist angesagt"

Dienstag, 11. Juni 2013
Bernhard Fischer-Appelt
Bernhard Fischer-Appelt

Der Skandal um das US-Spionageprogramm Prism hält die Welt weiter in Atem. Vor allem für die betroffenen Konzerne wie Facebook, Google und Apple könnte die mit dem Kampf gegen den Terror legitimierte Spitzel-Affäre ein bedrohliches Nachspiel haben. Denn der Vorwurf, persönliche Nutzerdaten an den US-Militärnachrichtendienst NSA weitergegeben zu haben, wiegt schwer und könnte das Vertrauen der Nutzer in die Technologiekonzerne nachhaltig erschüttern. HORIZONT.NET hat Krisen-PR-Experten dazu befragt, wie der Prism-Skandal das Image von Facebook, Google und Co bedroht - und wie die Konzerne gegensteuern können. Dass Facebook, Google und Co vom Auffliegen des US-Spionageprogramms Prism alles andere als begeistert sein dürften, darin sind sich die befragten Kommunikationsexperten einig. "Der NSA Skandal ist, sofern die Gerüchte um das direkte und vollständige Abgreifen von Nutzungsdaten stimmen, ein schlimmer Vorgang, der das Image von Internet-Unternehmen ganz generell bedroht", sagt Bernhard Fischer-Appelt, Vorstand bei der gleichnamigen Hamburger PR-Agentur, gegenüber HORIZONT.NET.

Claire Lecasse-Nelles, Group Account Director Media Consulta, glaubt zwar nicht, dass es die Verbraucher sonderlich überraschend finden, dass US-Stellen den Datenverkehr weitreichend bespitzeln. "Gleichwohl entsteht aber natürlich ein weiterer Vertrauensverlust", so Lecasse-Nelles, die die betroffenen Konzerne nun kommunikativ in der Pflicht sieht: "Maximale Transparenz ist angesagt. Die Firmen müssen deutlich machen, wie, wann und warum sie mit staatlichen Stellen zusammenarbeiten. So können die Verbraucher selbst entscheiden, ob sie weiter Kunden bleiben wollen", fordert Lecasse-Nelles. Auch Fischer-Appelt ist davon überzeugt, dass sich die Unternehmen jetzt verstärkt um Vertrauensbildung bemühen müssen - auch wenn der schwarze Peter ganz woanders liegt. "Was die NSA tut, kann unmöglich den Internetunternehmen angelastet werden, sofern sie nach Gesetzeslage und nicht freiwillig gehandelt haben", sagt Fischer-Appelt.

Auch wenn die Experten vor einem Vertrauensverlust warnen: Dass sich Facebook und Co nun auf eine Austrittswelle oder eine sinkende Nutzung einstellen müssen, glaubt niemand. So hat die Datenschutzdebatte laut Fischer-Appelt zwar zu intensiven öffentlichen Debatten geführt. Zu Rückgängen bei der Nutzung sei es allerdings bislang nicht gekommen. "Die Thematik ist beim Verbraucher nicht kauf- oder handlungsrelevant, wie man das immer auch bewerten will. Wir rechnen auch nicht mit einem Rückgang der Nutzung von sozialen Medien". Ähnlich sieht das Dirk Popp, CEO bei Ketchum Pleon Germany: "Den Großteil wird das Thema kaum weiter beschäftigen", sagt Popp voraus. Die Nutzung von sozialen Netzwerken werde sogar "weiter zunehmen." Das größte Imageproblem sieht Popp ohnehin nicht bei den Konzernen, sondern beim US-Präsidenten. Dieser sei als Liberaler gestartet und werde nun möglicherweise "als Hardliner wahrgenommen". Damit habe er ein echtes Reputationsproblem. mas

Die Interviews mit Dirk Popp und Claire Lecasse-Nelles stehen auf den folgenden Seiten

Dirk Popp, CEO Ketchum Pleon Germany

Dirk Popp
Dirk Popp
Der Skandal um das Spähprogramm Prism des US-Militärnachrichtendienstes NSA bringt die betroffenen US-Technologiekonzerne wie Microsoft, Apple, Google, Yahoo und Facebook in Erklärungsnot. Wie hoch schätzen Sie den Imageschaden ein, der den Firmen durch die Ausspähung von persönlichen Daten entstehen wird?
Die Diskussion um Privatsphäre und Datensicherheit an sich ist alles andere als neu. Reflexartig springen alle Hüter der Freiheit auf die Barrikaden und alle Sicherheitsfanatiker halten dagegen. Dennoch glaube ich, dass die aktuelle Diskussion hilft, weil wir uns im Moment in einem Entwicklungsstadium der Sozialen Medien befinden, in dem wir uns entscheiden müssen, wohin die Reise künftig geht. Unabhängig davon glaube ich, dass die Debatte langfristig weniger Facebook & Co. schadet als Präsident Obama, der als Liberaler gestartet ist und möglicherweise jetzt als Hardliner wahrgenommen wird.

Die Unternehmen haben den Vorwurf, den US-Geheimdiensten direkten Zugriff auf ihre Server zu gestatten, zunächst bestritten. Jetzt stellt sich heraus, dass die Datenübertragung direkt in den Unternehmen stattfand, was die Sache auch nicht besser macht. War diese spitzfindige Argumentation klug, oder könnte sie PR-technisch zum Bumerang werden? Handwerklich ist die Reaktion der Konzerne nicht besonders clever. Spitzfindige PR-Verschleierungstaktiken werden - wie ja gerade passiert - fast immer sehr schnell entlarvt. Gerade die Unternehmen, die durch Social Media groß geworden sind oder dies als Teil ihrer DNA verstehen, sollten dies doch wissen.

Welche Kommunikationsstrategie würden Sie den betroffenen Konzernen nahelegen: Wie können Facebook, Google und Co das Vertrauen ihrer Kunden wieder zurückgewinnen? Wie in allen Fällen gilt hier: Klarheit, Wahrheit und Timing. Das hat nichts damit zu tun, dass man gleich alles offen legen muss. Sondern vielmehr damit, dass man den Vertrauensbonus, den die meisten den sozialen Medien entgegenbringen, nicht verspielen sollte. Denn das ist deren Geschäftsgrundlage. Gleichwohl sind interessierte Nutzer sicher sehr offen gegenüber jeder Debatte zur Abwägung zwischen Privatsphäre und Sicherheit. Dennoch: den Großteil wird das Thema kaum weiter beschäftigen.

Rechnen Sie angesichts der Debatte um die Netzüberwachung damit, dass die Verbraucher ihre Aktivitäten auf sozialen Netzwerken einschränken werden? Ganz klar: Nein. Die Nutzung wird weiter zunehmen.

Der hessische Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) hat Nutzern einen Abschied von den genannten Firmen empfohlen: Müssen sich Facebook, Google+ und Co mit einem Mitgliederschwund rechnen, oder gibt es einfach keine ernstzunehmenden Alternativen? Das sind typische Politikerparolen, um den Medienhype für die eigene Profilierung zu nutzen. Boykotts haben schon in der analogen Zeit nur eine geringe Halbwertszeit gehabt. Oder anders ausgedrückt: Wo sind die Alternativen?

US-Präsident Obama hatte die von Amtsvorgänger George W. Bush geschaffene gesetzliche Basis für die Ausspähung, den Patriot Act , im Wahlkampf massiv kritisiert. Wird die Enthüllung auch für Obama zum Imageproblem? Für ihn sehe ich in der Tat am ehesten ein Reputationsproblem. Allerdings darf man die spezifische amerikanische Sichtweise nicht vergessen. Nämlich: Der Präsident handelt für das Land und hat dessen Sicherheit im Blick. Ob seine Argumentation trägt, daran kann man sicher zweifeln.

Claire Lecasse-Nelles, Group Account Director Media Consulta

Claire Lecasse-Nelles
Claire Lecasse-Nelles
Der Skandal um das Spähprogramm Prism des US-Militärnachrichtendienstes NSA bringt die betroffenen US-Technologiekonzerne wie Microsoft, Apple, Google, Yahoo und Facebook in Erklärungsnot. Wie hoch schätzen Sie den Imageschaden ein, der den Firmen durch die Ausspähung von persönlichen Daten entstehen wird? Grundsätzlich ist es für viele Verbraucher wahrscheinlich keine große Überraschung, dass US-Stellen den Datenverkehr weitreichend bespitzeln. Gleichwohl entsteht aber natürlich ein weiterer Vertrauensverlust.

Die Unternehmen haben den Vorwurf, den US-Geheimdiensten direkten Zugriff auf ihre Server zu gestatten, zunächst bestritten. Jetzt stellt sich heraus, dass die Datenübertragung direkt in den Unternehmen stattfand, was die Sache auch nicht besser macht. War diese spitzfindige Argumentation klug, oder könnte sie PR-technisch zum Bumerang werden? Die meisten Verbraucher werden sich für die genauen Details kaum interessieren. Trotzdem wird es für die Firmen wichtig sein, sich Gedanken zu machen, wie sie ihre Nutzer besser schützen können.

Welche Kommunikationsstrategie würden Sie den betroffenen Konzernen nahelegen: Wie können Facebook, Google und Co das Vertrauen ihrer Kunden wieder zurückgewinnen? Maximale Transparenz ist angesagt. Die Firmen müssen deutlich machen, wie, wann und warum sie mit staatlichen Stellen zusammenarbeiten. So können die Verbraucher selbst entscheiden, ob sie weiter Kunden bleiben wollen.

Rechnen Sie angesichts der Debatte um die Netzüberwachung damit, dass die Verbraucher ihre Aktivitäten auf sozialen Netzwerken einschränken werden? Natürlich wächst die Sensibilität. Vielleicht werden sich mehr und mehr Menschen Gedanken machen, was sie mit wem über solche Dienste austauschen.

US-Präsident Obama hatte die von Amtsvorgänger George W. Bush geschaffene gesetzliche Basis für die Ausspähung, den Patriot Act , im Wahlkampf massiv kritisiert. Wird die Enthüllung auch für Obama zum Imageproblem? Generell wird Datenschutz in den USA anders diskutiert als in Deutschland. Er spielt dort nicht die gleiche Rolle wie hier in Europa. Viele Amerikaner unterstützen den Kampf gegen Terrorismus.
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