Kinderwerbung: Verbraucherschützer und ZAW zoffen sich

Mittwoch, 20. Oktober 2010
Verbraucherschützer Gerd Billen will Kinder vor Werbung schützen
Verbraucherschützer Gerd Billen will Kinder vor Werbung schützen

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (Vzbv) in Berlin verschärft den Ton in der Debatte um die werbliche Ansprache von Minderjährigen. "Die Bundesregierung muss für einen Verzicht von Werbung sorgen, die sich an Kinder richtet", erklärt heute Vorstand Gerd Billen. Bereits auf dem 6. Innovationstag der Agenturgruppe Serviceplan in München warf Foodwatch-Chef Thilo Bode den Lebensmittelherstellern vor, mit ihrer Werbung "Körperverletzung durch Irreführung" zu begehen. Die Industrie leiste damit einen großen Beitrag zur Verfettung von Jugendlichen. Laut einer Veröffentlichung des Bundesverbraucherministeriums aus dem Jahr 2007 sind in Deutschland rund 37 Millionen Erwachsene und zwei Millionen Kinder und Jugendliche übergewichtig oder fettleibig. Der Vzbv hält daher die Verhaltensregeln des Deutschen Werberates für Lebensmittelwerbung, die speziell an Kinder und Eltern gerichtet sind, für nicht ausreichend. Diese seien zu unkonkret formuliert und zudem auf "Anzeigen, Spotrs, Plakate oder Online beschränkt". Die Hersteller würden aber Kinder mittlerweile auf vielen anderen Kanälen erreichen. Deswegen müsse die Regierung die Verhaltensregeln auf die Aufmachung und das Marketing ausgeweitet werden. Zudem gäbe es zu wenig Sanktionen bei Verstößen. "Wir führen jährlich viele Verfahren gegen Hersteller, die die Grenze des Erlaubten immer wieder neu austesten", erklärt Billen. 

Dass solche Vorwürfe und Aussagen beim Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft auf erbitternden Widerstand stoßen, verwundert kaum. "Es ist ein unverantwortlicher Versuche, eine ganze Branche und deren Werbung wahrheitswidrig in die Nähe krimineller und gesellschaftlich schädlicher Akteure zu rücken", erwidert ZAW-Hauptgeschäfstführer Manfred Parteina. So sei die Behauptung des Vzbv irreführend, die Verhaltensregeln des Werberates bezögen sich nur auf Anzeigen oder TV-Spots. Die Selbstverpflichtung gelte für die gesamte kommerzielle Kommunikation, stellt der ZAW klar. Ziel sei es, alles zu unterlassen, "was als Aufforderung zu einer übermäßigen oder einseitigen Ernähurng verstanden werden könnte". Das gelte besonders in der Kommunikation für Kinder. Auch der Rückschluss, Werbung sei schuld am Übergewicht von Teenagern, hält die Dachorganisation für falsch. So habe die Bundesregierung in ihrem Ernährungsbericht festgestellt, dass ein negativer Effekt der TV-Lebensmittelwerbung auf das Ernährungsverhalten wissenschaftlich nicht belegt ist, wie Verbraucherschützer immer wieder anführen. Die für den ZAW logische Konsequenz: "Zusätzliche Beschränkungen der Lebensmittelwerbung sind ungeeignet, das komplexe Problem des Übergewichts bei Kindern zu bekämpfen." Die wahren Ursachen liegen laut Verband etwa im Bildungstand der Eltern, mangelnder Bewegung, falscher Ernährung und genetischer Veranlagung. mir
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