Kein Killer von Kreativität: 40 Jahre Deutscher Werberat

Dienstag, 06. November 2012
"Ausgeprägte Kompetenz": Hans-Henning Wiegmann
"Ausgeprägte Kompetenz": Hans-Henning Wiegmann

Eine deutsche Werbeinstitution wird 40 Jahre alt: der Deutsche Werberat. In der Berliner Hauptstadtrepräsentanz von Bertelsmann feiert die Institution heute das Jubiläum in einem Festakt. 40 Jahre Werberat bedeuten 17.756 Beschwerden aus der Bevölkerung über 7746 Werbeaktivitäten. Bei 2595 Kampagnen erwirkten die Proteste mit Hilfe des Werberats den Rückzug oder eine Änderung der Werbung. "Diese hohe Erfolgsquote bescheinigt den Bürgern ausgeprägte Kompetenz als Werbekritiker", sagt Hans-Henning Wiegmann, Vorsitzende des Deutschen Werberats. Und selbst wenn sich mancher in der Branche über die Arbeit des Werberats aufregt - die Erfolgsquote mit 96 Prozent in den vier Jahrzehnten ist beachtlich. Zumal es sich in der Regel um juristisch einwandfreie, aber eben inhaltlich unerwünschte Werbung handelt. Der Werberat versteht sich nach den Worten seines Vorsitzenden nicht als Kreativkiller oder Lebensstil-Lenker sondern als Normensetzer freiwilliger Werberegeln bei sensiblen Themen wie Kinder und Jugendliche oder Branchen wie Alkohol und Lebensmitteln. Eine zweite wichtige Funktion des Rats ist das Konfliktmanagement zwischen Gesellschaft und Wirtschaft. Dabei müsse die Institution die Bedürfnisse zwischen Werbekritiker und Unternehmen im Einzelfall ausbalancieren.

Und hier könnte es in den nächsten Jahren vermehrt Arbeit geben. Wiegmann erwartet, dass die demographische Entwicklung für neue Streitfälle in der Werbung sorgen wird. Die abnehmende Einwohnerzahl und das Älter werden der Bevölkerung wird den Wettbewerb der Anbieter verschärfen. "Wir haben als Werberat die Würde älterer Menschen im Blick und werden Grenzüberschreitungen die gelbe und rote Karte zeigen", kündigt Wiegmann an. Ein weiteres Feld: die neuen Medienkanäle. Diese produzierten neue Werbeformen, die unter Umständen neue Beurteilungskriterien benötigen. Und der Werberat nutzt die neuen Kanäle auch für seine Arbeit. Ab heute ist ein neuer Online-Auftritt live geschaltet, der alle Browser-Versionen nutzt. Zudem können die Verbraucher mit ihren Smartphones Werbemotive fotografieren und direkt an den Rat übermitteln. 

Eine echte Gefahr droht dem Gremium allerdings nach den Worten seines Vorsitzenden von ganz anderer Stelle. Die Europäische Union greife immer stärker in die Arbeit des Werberats ein. "Welchen Sinn macht unsere Arbeit, wenn die Selbstkontrolle durch Brüssler Aktionen der Fremdkontrolle überholt wird", fragt sich Wiegmann. So gebe es in Brüssel den Plan, eine Aufsichtsbehörde über Redaktionelles und Werbliches in Sachen Diskriminierung zu schaffen. "Eine Zensur ist da nicht mehr weit", warnt Wiegmann.  mir
Meist gelesen
stats