Hilferuf per Anzeige: Freenet appelliert an die Aktionäre

Mittwoch, 06. August 2008
Freenet-Mitarbeiter stellen sich hinter ihren Chef Eckhard Spoerr
Freenet-Mitarbeiter stellen sich hinter ihren Chef Eckhard Spoerr

Am Freitag dieser Woche kommt es zum Showdown. Dann fällt bei der Freenet-Hauptversammlung die Entscheidung, wer bei dem Hamburger Telekommunikationskonzern künftig die Richtung vorgibt - die aktuelle Unternehmensführung um Vorstandschef Eckhard Spoerr oder Ralph Dommermuth und Paschalis Choulidis. Die Chefs der Großaktionäre United Internet und Drillisch würden die Chefposten bei Freenet gern neu besetzen.   Dagegen laufen die Mitarbeiter des Unternehmens nun offenbar Sturm. Auf einer ganzseitigen  Anzeige, die heute in der Tagespresse geschaltet wurde, bekennen sich mehrere hundert Angestellte namentlich zur aktuellen Führung und warnen vor den Plänen der Großaktionäre. Der Vorwurf: United Internet und Drillisch wollten die Kontrolle über die Firma erlangen und die Freenet-Geschäftsfelder untereinander aufteilen, ohne den Aktionären ein faires Übernahmeangebot zu unterbreiten. Das bringe Nachteile nicht nur für die Mitarbeiter, sondern auch für die Aktionäre mit sich, so die Argumentation.  

Hintergrund ist ein seit Monaten andauernder Kampf um die Freenet-Bestandteile. Das einstige Tochterunternehmen von Mobilcom, das  Anfang 2007 mit seiner ehemaligen Muttergesellschaft fusionierte, hatte sogar lange über einen Verkauf seiner Geschäftssparten verhandelt. Der Portal- und DSL-Anbieter United Internet (1&1, GMX, Web.de) wollte die Internet-Zugangskunden und der Mobilfunkprovider Drillisch (Simply, Victorvox) die Handykunden übernehmen. Doch die Gespräche mit den potenziellen Käufern, die über die gemeinsame MSP Holding derzeit knapp 26 Prozent der Anteile an Freenet halten, führten bis zuletzt zu keiner Einigung. 

Einen weiteren herben Rückschlag im Kampf um das Freenet-Geschäft mussten United Internet und Drillisch Ende April  hinnehmen, als Vorstandschef Spoerr plötzlich die Flucht nach vorn antrat und die Übernahme des Mobilfunk-Providers Debitel-Group ankündigte. Der 1,6 Milliarden Euro schwere Zukauf, der kürzlich abgeschlossen wurde, ist Dommermuth und Choulidis ein Dorn im Auge, da er den ursprünglichen Plan, Freenet gemeinsam zu übernehmen und zu filletieren, mehr als erschwert. Vor allem eine Abspaltung des Mobilfunkkgeschäfts scheint nun undenkbar. 

Auch deshalb dürfte es auf der Hauptversammlung am Freitag alles andere als friedlich zugehen. Denn United Internet und Drillisch wollen nicht nur den Freenet-Aufsichtsrat abwählen und dem Vorstand das Vertrauen entziehen, sondern zudem prüfen lassen, ob der Vorstand beim Kauf der Debitel-Gruppe seine Pflichten verletzt hat.

Etwas anders liegen die Dinge beim DSL-Geschäft von Freenet, das nach wie vor abgestoßen werden soll. Erst Mitte Juni hatte Freenet Interessenbekundungen von potenziellen Erwerbern eingeholt. Doch rechnet man bei United Internet offenbar nach den Querelen zwischen Spoerr und Dommermuth nicht mehr damit, den Zuschlag zu erhalten.

Der Debitel-Betriebsrat hat sich unterdessen von der Anzeige distanziert. Der offene Brief suggeriere, dass sämtliche 7000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Vorgehensweise von Freenet tragen, so der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats Carsten Hügin. Die 3700 Mitarbeiter der übernommenen Debitel seien aber nicht einmal offiziell informiert worden. Mit der Anzeige werde ein großer Teil der Mitarbeiter - ohne davon Kenntnis zu haben - instrumentalisiert,  kritisiert Hügin, der ohnehin anzweifelt, dass eine Anzeige, die einen "Gegenwert von 36.000 Euro" habe, tatsächlich von den Mitarbeitern finanziert worden sei.  "Der Wirtschaftsausschuss behält sich daher vor, dies zu prüfen."
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