Handelsexperte Thomas Roeb: "Praktiker hat massive Probleme"

Freitag, 08. Juni 2012
Max Bahr soll als nationale Marke aufgebaut werden
Max Bahr soll als nationale Marke aufgebaut werden


Der Praktiker-Konzern hat beschlossen, seine Vertriebsmarke Max Bahr national aufzustellen. Bisher konzentriert sich die Hamburger Baumarktmarke mit seinen gut 80 Filialen vor allem auf den norddeutschen Raum. Durch das Umflaggen von rund 125 Praktiker-Märkten soll Max Bahr in den kommenden Monaten ihre Präsenz im Süden der republik massiv ausweiten. Es ist ein Kraftakt für das Unternehmen, das seit 2007 zu Praktiker gehört. HORIZONT.NET sprach mit dem Handelsexperte Thomas Roeb, Professor an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg über das Experiment ohne Erfolgsgarantie.
Handelsexperte Thomas Roeb
Handelsexperte Thomas Roeb
Ist in der Baumarktbranche überhaupt neben Hornbach, Obi und Bauhaus noch Platz für einen weiteren nationalen Anbieter? Mit einem klar unterschiedlichen Konzept vermutlich schon. Im Lebensmitteleinzelhandel gibt es neben Aldi und Lidl ja auch noch Platz für Norma. Genau dieses Konzept fehlt aber aktuell. Praktiker benötigt ein Konzept, das die Nischen nutzt, die die anderen drei Wettbewerber lassen. Diese Nischen müssen allerdings genau beschrieben und dann sehr präzise gefüllt werden.

Wie muss Praktiker Max Bahr positionieren?
Max Bahr ist bereits gut positioniert ... dort, wo es eine Positionierung gibt, das heißt im norddeutschen Raum, denn eine Positionierung spielt sich immer im Kopf des Konsumenten ab, was voraussetzt, dass dieser die zu positionierende Marke kennt. In den jetzt neu definierten Expansionsgebieten muss die Positionierung erst noch aufgebaut werden. Es scheint mir allerdings wenig sinnvoll, hier von der etablierten Positionierung abzuweichen, die sich ja bereits bewährt hat.

Was kostet es Max Bahr als nationale Marke aufzustellen?
Das lässt sich nicht genau beziffern. Max Bahr muss ja als Marke bekannt gemacht werden gegen Marken, die bereits seit Jahrzehnten etabliert sind. Wir reden hier allerdings bei einer nationalen Markeneinführung über Beträge, die eher im oberen als im unteren zweistelligen Millionenbereich liegen.

Schlecker vor dem Ende, Praktiker löst sich als Marke selbst auf. Wieso kommen preisorientierte Marken derzeit so in Schlingern?
Weil sie keine reinorientierten Marken sind! Beide Retail Brands haben den Anspruch auf niedrige Preise erhoben, aber nie die dafür nötigen Kostenvorteile gehabt. Dementsprechend war der Anspruch nie mehr als das, nämlich ein Anspruch. Nachdem die Kunden dies durchschaut hatten, bekamen beide Marken ein Problem.

Wird Praktiker wirklich langfristig überleben?
Praktiker als Marke ist ja selbst in der neuen Strategie nicht grundsätzlich infrage gestellt. Praktiker als Unternehmen hat allerdings derartig grundlegende und massive Probleme, dass sich die Frage nach dem langfristigen Überleben durchaus stellt. Dies gilt umso mehr, als es zumindest aktuell keine strategischen Partner gibt, die mit Geld und/oder Know-How dem Unternehmen ein stabileres Fundament geben könnten. mir
Meist gelesen
stats