Gastkommentar - von wegen Lebensmittelklarheit: Wieso die Website der Verbraucherzentrale das Problem nicht löst

Dienstag, 22. Januar 2013
Felix Stöckle sieht Bedarf an einer "Positivampel" für Lebensmittel
Felix Stöckle sieht Bedarf an einer "Positivampel" für Lebensmittel

"Was drin ist, muss drauf stehen. Was drauf steht, muss drin sein. Und was drauf steht, muss verständlich sein", deklamierte Gerd Billen, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) in der vergangenen Woche anlässlich einer Bilanz des Verbraucherportals Lebensmittelklarheit.de. Er fordert eine Reform der Lebensmittelkennzeichnung. Über den Erfolg neuer Produktbezeichnungen hegt Felix Stöckle, Managing Director der Markenberatung Landor Associates in Hamburg, jedoch so seine Zweifel, wie sein Gastkommentar für HORIZONT.NET zeigt. "Die Zahlen sind düster. In Deutschland leiden laut Robert-Koch-Institut 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen an Übergewicht. Fettsüchtig sind insgesamt 16 Prozent, mit steigender Tendenz. Die durch Fettleibigkeit verursachten Kosten belaufen sich allein in Deutschland auf 17 Milliarden Euro, und zwei Drittel aller Todesfälle sollen darauf zurückführbar sein.

Viele Verbraucher haben ein klares Bedürfnis nach eindeutiger Kennzeichnung von Lebensmitteln. So gingen beim vzbv-Portal Lebensmittelklarheit.de bisher 6600 Meldungen über missverständliche Aufmachungen und Angaben ein. Rund ein Drittel der Produkte wurde daraufhin verbessert. Und Coca-Cola, ein gemeinhin als "schuldig" geltendes Unternehmen, hat in den USA zum ersten Mal einen Werbespot für gesunde Ernährung geschaltet, während in New York der Verkauf in Bechern mit mehr als 0,5 Litern Inhalt ab März verboten wird.

Eine einheitliche Ampelregelung hat die Lobby der Lebensmittelindustrie bislang jedoch erfolgreich verhindert. Aber würde mehr Klarheit in dieser Form wirklich zu einem anderen Verhalten führen? Sollten wir uns als Verbraucher nicht einfach Mal fragen, ob wir tatsächlich alle nur unmündige Konsumenten sind, die von der Lebensmittelindustrie "über den Tisch gezogen" werden? Wissen wir nicht ganz genau, wann wir uns gesund ernähren und wann nicht – und kaufen dann trotzdem, was wir wollen? In den USA, wo Fettleibigkeit sicherlich noch ein viel größeres Problem ist als hierzulande, gibt es eine "Major League Eating", in der dem schieren "Fressen" mit Wettbewerben gehuldigt wird und deren Champions nationale Stars sind. Das ist doch blanker Irrsinn.

Eine pure Kennzeichnung wird am Ende genauso wenig Menschen davon abhalten, sich weiterhin ungesund zu ernähren, wie es die zunehmend aggressive Kennzeichnung bei Zigaretten vermocht hat, das Rauchen zu reduzieren. Es gibt also nur zwei Möglichkeiten, das Problem zu lösen: eine harte und eine weiche Tour. Entweder wir besteuern diese Lebensmittel ohne Schlupfloch für Unternehmen und Verbraucher – daran ist bereits Dänemark gescheitert. Gleichzeitig müssten dann auch die aktuellen Krankenkassenbeiträge überdacht werden, so dass übergewichtige Menschen die Folgen ihrer Fettleibigkeit selber finanzieren müssen.

Oder wir denken über positive Anreize zur Verhaltensänderung nach und werden kreativ. Warum kann gesunde Ernährung eigentlich keinen Spaß machen? Ich wundere mich schon lange, warum noch niemand über eine Positivampel für die Lebensmittelkennzeichnung und ansprechende Verpackungsdesigns nachgedacht hat. Wer ein beliebtes Produktdesign etabliert, macht es letztlich nur begehrenswerter. Man denke nur an den Test mit Kindern, denen Möhren in McDonald’s-Verpackung besser schmecken. Die Aufgabe des Marketings muss daher lauten, gesunde Produkte begehrenswerter zu machen. Warum werden also gesunde Lebensmittel nicht entsprechend gekennzeichnet, statt die schwarzen Schafe zu brandmarken? Denn am Ende hat der nur wenig geliebte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) wohl recht, wenn er sinnbildlich sagt: "Man kann die Menschen nicht umerziehen, sondern nur überzeugen."
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