Fußball im Web: Was die Entscheidung des Kartellamts für die Bundesliga und das Internet bedeutet

Dienstag, 21. Juni 2011
Fußball auf dem iPad ist schon heute Realität, künftig könnte es zur Massenveranstaltung werden
Fußball auf dem iPad ist schon heute Realität, künftig könnte es zur Massenveranstaltung werden

In nicht mehr als 20 Zeilen - so lang war die Pressemitteilung - feierte die Deutsche Fußball Liga (DFL) ihren ersten Triumph im Zuge der Neu-Ausschreibung der Bundesliga-Medienrechte. Das Bundeskartellamt genehmigt die Pläne der DFL, ein Alternativszenario auszuschreiben, das eine erste Highlight-Berichterstattung im Web statt im Free-TV vorsieht. Das klingt erstmal etwas abstrakt, könnte allerdings die Welt vieler Fußballfans auf den Kopf stellen und den Wettbewerb der Medien auf eine neue Stufe heben. HORIZONT.NET erklärt, was zwischen den Zeilen steht. Das Internet ist sexy: Wer ab der Saison 2013/14 frei empfangbare Bundesliga-Bilder sehen will, schaltet nicht mehr um 18.30 Uhr die ARD-„Sportschau" ein, sondern fährt ab 19 Uhr den Rechner oder das iPad hoch - so könnte es zumindest aussehen, wenn das entsprechende Vermarktungsmodell vom Markt angenommen wird. Dass das Bundeskartellamt auch in einer Art Web-„Sportschau" heute eine angemessene Bevorteilung des Verbrauchers sieht - die sie einst zur Bedingung einer zulässigen Zentralvermarktung erklärt hat - sagt viel über die veränderte Medienlandschaft aus. Nicht nur in der technischen Reichweite ist das Internet dem TV nahezu ebenbürtig, es ist im Jahr 2011 auch sexy genug, um einer 50 Jahre alten „Sportschau" Paroli zu bieten. Bewegtbildangebote im Netz wachsen und gerade die jungen Zuschauer könnten schnell Gefallen an einer Web-Zusammenfassung finden, bei der sie den Torjubel gleich ohne Medienbruch via Facebook teilen können.

Einst hat Fußball dem Pay-TV den Weg geebnet, mit dieser Entscheidung könnte es dem Bewegtbild-Business im Internet ganz neue Perspektiven eröffnen - im Nutzerverhalten, aber auch in der Werbefinanzierung. Zweifelsohne wird Premium-Content wie die Fußball-Bundesliga im Netz nicht weniger Werbuntreibende auf den Plan rufen als ein ARD-Fenster.

Alles eine Frage des Inhalts: Es wirkt schon fast rückschrittlich, wenn der für die „Sportschau" zuständige WDR-Chef Steffen Simon den Medien folgendes zu Protokoll gibt: „Die User haben gelernt, im Internet kleine Video-Schnipsel zu gucken, wann immer sie wollen. Bislang haben sie es aber nicht gelernt, sich zu einer bestimmten Zeit für einen Live-Stream vor den Rechner zu setzen." Auch die ARD bietet in ihrer Mediathek längst mehr als kleine Video-Schnipsel an und rühmt sich gerne ihrer Zugriffszahlen ganzer Sendungen. Ob man nun zu einem definierten Zeitpunkt vor dem Bildschirm sitzt, oder sich das Format aus dem Speicher holt, ist eine Frage des Inhalts. Seine Lieblingsserie schaut man sich problemlos einen Tag später an, das Tor seines Lieblingsclubs duldet keinen Aufschub - da wird der Fußball-affine Nutzer schnell lernen, sich zur rechten Zeit vor dem rechten Gerät einzufinden. Und wer das echte Live-Erlebnis sucht, gönnt sich ohnehin ein Pay-TV-Abo.

Wettbewerb in neuer Dimension: Simons schnippische Reaktion ist auch eine Antwort auf die Medien-Berichterstattung und als solche nachvollziehbar. In den Headlines steht die „Sportschau" wahlweise „auf der Kippe" oder „im Abseits". Ob es jedoch so weit kommt, ist fraglich. Nüchterner kommentiert ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky die Lage, wenn er sagt, es gebe viele Argumente dafür, dass die Bundesliga mit der „Sportschau" verbunden bleibe. Der Hauptgrund ist fast 100 Millionen Euro schwer. Das in etwa zahlt die ARD der Liga jährlich und ist damit zweitwichtigster Geldgeber nach Pay-TV-Partner Sky (rund 240 Millionen). Der soll künftig tiefer in die Tasche greifen, weil er im Gegenzug ja mehr Exklusivität bekäme. Ob aber ein Plus auf Pay-Seite und ein Alternativangebot aus dem Web in Summe einer ARD-Offerte Konkurrenz machen kann, ist zumindest fraglich. Egal ob Youtube, Yahoo, Bild.de oder womöglich die Telekom, wer so viel Geld in die Hand nimmt, muss sich seiner mittelfristigen Erlösperspektive sicher sein. Denn mit den Liga-Rechten direkt ist kein Geld zu machen - das hat das Privatfernsehen immer wieder gezeigt.

Wird das ganze Zahlenspiel zur Milchmädchenrechnung, könnte am Ende auch alles beim Alten bleiben. Die Hauptsache ist, dass das nun gegebene Signal Zahlenspiele überhaupt erst möglich macht. Damit hat das Kartellamt zwar auch der DFL einen Dienst erwiesen, vor allem aber dem Wettbewerb. Lange hießt das Duell Öffentlich-Rechtlich versus Privatfernsehen. Heute heißt es, jeder gegen jeden. mh
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