Chillout: Was diese Woche in Marketing, Agenturen und Medien passiert ist

Freitag, 12. Oktober 2012

VW enttäuscht, die Debatte über Award-Wahn geht weiter, Steven Althaus hört bei Publicis auf - und Youtube will an die TV-Budgets: Schlaglichter der Kalenderwoche 41.

Marketing

Rewe: Handelswerbung sieht in TV normalerweise so aus: Die Bilder zeigen entweder die Einkaufsstätte oder die Produkte aus dem Sortiment oder beides. Rewe geht mit neuer Agentur - Heimat statt Gramm - auch einen neuen Weg. Das Commercial verkauft nicht vordergründig Produkte, sondern soll eine Haltung demonstrieren: „Rewe. Besser leben."

VW: Was wurde an dieser Stellenicht alles Lobendes über die Prelaunch-Kampagne für den VW Golf VII geschrieben! Und in der Tat hätte Onething.de wirklich das Zeug gehabt, Zeichen zu setzen. Und zumindest eine Teilantwort auf die Frage zu liefern, ob Digital Massen und Marken gleichermaßen bewegen kann. Doch nun dieser Launch-Spot: Ein Golf wird von Wasser umspült, dazu schreckliche Musik. 10 Tage Produktionszeit und ein 60-köpfiges Drehteam waren dafür nötig, verkündet DDB Team Blue auch noch stolz. Lieber Martin Winterkorn, das reicht leider nur zum Flop der Woche. Von größerer strategischer Bedeutung als der missglückte Golf-Spot ist für den Autobauer ohnehin die Ankündigung, auch ins Billig-Segment, im Marketing-Deutsch Einsteigersegment genannt, vorzudringen. Laut „Auto Bild“ soll der Discount-VW 6000 Euro kosten.

Was sonst noch passiert ist: Jägermeister startet eine neue Kampagne (Agentur: Philipp und Keuntje)+++OC&C-Studie: Unternehmen haben nach wie vor viel Nachholbedarf im Internet+++Germanwings 2.0: Lufthansa richtet Billig-Airline neu aus

Agenturen

Recycling I: Was ist nur bei Ikea los? Anfang 2010 hat die wohl bekannte und famose Agentur Grabarz & Partner einen schönen Spot für das schwedische Möbelhaus kreiert. Teelicht, so der Titel des Commercials, ist ein gelungenes Werk, das den Zuschauer prima auf den Herbst einstimmt. Dachte sich offensichtlich Ikea und kramt den Werbefilm wieder aus dem hauseigenen Archiv hervor. Komisch nur: Die Leadagentur ist mittlerweile nicht mehr Grabarz & Partner, sondern die ebenfalls wohlbekannte Agentur Thjnk. Ikea kann so viel Werbung recyclen, wie es will, schließlich hat das Unternehmen die Rechte an ihren Spots. Dennoch kann man sich fragen: Müssen die Schweden bei den Agentur- und Kreativhonoraren sparen? Ist  Thjnk nichts Gescheites eingefallen, oder warum greift Ikea auf eine alte Grabarz-Arbeit zurück? Noch schlimmer: Das Commercial, hat HORIZONT.NET-Ressortleiter Marco Saal herausgefunden, läuft noch bis Weihnachten. Sehen wir jetzt etwa schon die Weihnachtskampagne?

Recycling II: Echt an Reputation verloren hat diese Woche auch Zum goldenen Hirschen. Endlich gibt es mal einen gescheiten Ferrero-Überraschungsei-Spot - die erste Bewegtbildarbeit des neuen Etathalters Hirschen übrigens - und dann stellt sich heraus, dass die Idee, wie soll man sagen, komplett von einem Uralt-Wissenschaftsexperiment abgekupfert wurde.  Interessant, was Hirschen-CEO Martin Blach sagt: "Werbung basiert selten auf einer komplett neuen Idee, sondern ist in den meisten Fällen ein Zitat. Die bahnbrechenden Ideen kommen von Schriftstellern, Künstlern und Filmemachern, aus der Mode et cetera; Agenturen haben die Fähigkeit, sie mit einem kommerziellen Zweck sinnvoll zu verbinden." Mit anderen Worten: Das, was für den ADC hoch und heilig ist - die Idee, die Idee - ist meist schon von jemand anderem geklaut. Das Überraschungsei, das die Agentur präsentiert, entpuppt sich als weiteren Beitrag zur aktuellen Award- und Kreativranking-Debatte. Bei den Zuschauern wird der Spot ankommen, jede Wette. Aber was bedeutet es für die Reputation einer Agentur, die nicht Awards einsammelt, sondern Ideen, die anschließdend neu verpackt werden?


Award-Debatte: Bei Deutschlands Kreativen hält sich hartnäckig das Gerücht, die Fachpresse, also hauptsächlich HORIZONT und die Kollegen aus München, hätten die Kreativrankings über die vergangenen Jahre künstlich aufgebläht, um sich mit Anzeigen und anderen Geschäften eine goldene Nase zu verdienen. Es sei an dieser Stelle nochmals versichert: Das ist - leider - mitnichten so (die Historie der Kreativrankings und Rolle der Fachpresse wurde vor zwei Wochen an dieser Stelle beleuchtet). Und es ist so einfach wie blödsinnig, der Fachpresse die Schuld am Goldideen- und Award-Wahn der eigenen Branche zu geben. „Bockmist" sei das, schreibt auch Ex-TBWA-Kreativer Stefan Schmidt in einem HORIZONT.NET-Kommentar. Nicht nur deshalb ist sein Text ein wirklich lesenswerter Beitrag in einer leicht verfahrenen Debatte. Wo bleibt das Schwert für diesen Gordischen Knoten?

Personalie der Woche: So schnell kann's gehen. Gestern plaudert Steven Althaus, CEO und Chairman der deutschen Publicis-Gruppe, in "W&V" über geleistete Arbeit und Pläne für die Zukunft, heute vermeldet HORIZONT.NET als erstes Medium den Abgang des Agenturchefs. Headhunter suchen schon einen Nachfolger, der den gesamten deutschsprachigen Raum führen soll.

Was sonst noch passiert ist: Razorfish wird digitale Leadagentur von DHL+++Grey kauf die Online-Agentur K102 und will mit ihrer Hilfe Kreation und Media enger zusammenführen+++Unilever lässt mit Riesem-Bohai um den weltweiten Mediaetat pitchen, aber es bleibt alles wie gehabt. IM, Mindshare und PHD teilen sich die Märkte auf+++Zigarrenraucher HP Albrecht unterliegt bei der Vorstandswahl der ADC-Sektion München dem Neuling Peter Hirrlinger+++Syzygy-CTO Frank Wolfram hört nach 14 Jahren auf

Medien

„Wetten dass...?": Was für ein Medienrummel im Vorfeld. Was für Erwartungen der Zuschauer. Was für Schweißausbrüche bei den ZDF-Programm-Machern. Und dann war es endlich so weit. Die Quote bei der Lanz-Premiere war sensationell, die Performance des Moderators wie der Wettkandidaten eher okay. „FAZ Online"-Medienressortleiter Michael Hanfeld bringt es auf den Punkt: "Hier geht es um eine in die Jahre gekommene Unterhaltungsshow und nicht um das Himmelreich. Es geht um einen Moderator, der bei der quälenden Suche dritte Wahl war (nach Hape Kerkeling und Jörg Pilawa), der nett daherkommt, aber alles andere als schlagfertig und witzig ist, dafür ein guter Geschäftsmann. Er moderiert „Wetten, dass ..?" nämlich nicht nur, er produziert die Show auch. Das lohnt sich. „Sind wir spät geworden?" wollte Lanz zum Abschluss wissen. Ja, spät war's, so gegen halb zwölf. Es steht zu befürchten, dass das im Zweiten jetzt häufiger passiert."

Transporter: „The Wire", „Boardwalk Empire", „Games of Throne", "Sopranos", "Sex and the City" - es gibt weltweit kaum einen besseren Serien-Produzenten als HBO. Wenn der 20/59-Sender RTL sich also mit einem solchen TV-Kaliber zusammentut, hätte man eigentlich von der Serie „Transporter" (die Kino-Vorlagen sind ja sooo schlecht nicht) einiges erwarten können. Herausgekommen ist eine Luxuskarosse mit Kleinwagenmotor, hat David Hein beobachtet. Auch die Quote blieb unter den Erwartungen. Fazit: Eine Edel-Variante von "Alam für Cobra 11" braucht Fernseh-Deutschland eigentlich nicht. Der TV-Tipp für Krimi-Fans: Auf AXN läuft die letzte Staffel von  „Breaking Bad" und die 2. Staffel „Romanzo Criminale". Und auf Kabel eins läuft „Southland".

Youtube vs. TV: Da mag sich die Pressesprecherin von Google über die Wortwahl auf HORIZONT.NET noch so beschweren: Natürlich ist die Channel-Offensive von Youtube auch ein Angriff auf die TV-Sender. 60 eigene Kanäle sollen in Europa gelauncht werden, in den USA will der Internet-Konzern sogar mit 100 Channels an die Budgets der Networks. Entsteht hier das nächste Big Thing? Und droht der nächste große Schlagabtausch auf dem Werbemarkt? Während der Online-Werbemarkt seit Jahren vor allen Dingen zu Lasten der Print-Budgets explodiert, müssen sich künftig möglicherweise auch die TV-Sender warm anziehen, wenn die Google-Strategie aufgeht.

Was sonst noch passiert ist: Die linke Tageszeitung „Junge Welt" braucht Abos+++Burda plant Einstieg ins Bewegtbildgeschäft+++"BamS" bringt heraustrennbaren Sportteil+++Pro Sieben Sat 1 startet 2013 zwei neue Free-TV-Sender+++HD+Replay: Astra verhandelt mit Sendern. vs



















Meist gelesen
stats