Briten beerdigen Tabakwerbung mit lautstarkem Auftritt

Mittwoch, 19. Februar 2003
Hersteller in Großbritannien sagen der Tabakwerbung humorvoll "Goodbye"
Hersteller in Großbritannien sagen der Tabakwerbung humorvoll "Goodbye"

In der Nacht zum 14. Februar waren ganze Truppen von Arbeitern in Großbritannien unterwegs, um Plakate mit Tabakwerbung abzureißen. Um Mitternacht trat dort das Werbeverbot für Tabakprodukte auf Plakaten, in Zeitungen und Zeitschriften in Kraft. Der Tobacco and Advertising Act 2002, der im vergangenen November als Gesetz verabschiedet wurde, untersagt ab dem 14. Mai auch die Promotion in den Packungen sowie Direktmarketing. Ein Verbot nationalen Sponsorings folgt im Juli. Globale Events wie die Formel 1 erhalten eine Galgenfrist bis 2006.

Mit diesem Totalverbot der Tabakwerbung geht eine Ära zu Ende, die mit innovativen Kampagnen ein Kapitel britischer Werbegeschichte geschrieben hat. Die Zigarettenhersteller haben denn auch den Rückzug nicht lautlos angetreten. Benson & Hedges verabschiedete sich in Anzeigen mit dem Satz "Shame our ads have to stop" und Gallaher ließ den Abgesang auf die Silk-Cut-Werbung von der "fat Lady" singen. M & C Saatchi hatte für die letzte Runde eine neue Variation auf das optische Wortspiel Silk Cut gebracht, in der die "vollschlanke Dame" ein Kleid aus violetter Seide mit gerissener Naht trägt. Die Seide und der Schnitt sind zum Markenzeichen der Silk-Cut-Werbung geworden, ohne dass jemals ein Motiv der Zigarettenpackung oder der Name des Herstellers gezeigt wurden. Diese Kampagne, 1984 von dem Saatchi & Saatchi-Kreativ-Chef Paul Arden geboren, war ein Meilenstein in der Tabakwerbung. Herausgefordert wurde sie durch die scharfen Restriktionen der Zigarettenwerbung, die in England schon in den 60er Jahren mit dem TV-Werbeverbot begannen und in den 80er Jahren noch strengere Auflagen brachten.

Nun muss die britische Tabakindustrie neue Kanäle für ihre Werbeausgaben von jährlich 37 Millionen Euro (ohne Sport-Sponsoring) suchen, von denen etwa 17 Millionen Euro in die Printwerbung, 19 Millionen Euro in Outdoor- und knapp eine Million Euro in Radiowerbung und Direktmarketing flossen. Für die Werbebranche bedeutet das Verbot derzeit nahezu einen Totalausfall, denn erlaubt ist bald nur noch die Werbung am Point of Sale. Dafür gibt es aber derzeit ebenso wenig eine Regelung wie für Lizenz-Vereinbarungen. Nachdem das Gesetz den Herstellern wenig Spielraum lässt, wird nach neuen Promotion-Formen gesucht. Dazu könnten Online-Führer für das Nachtleben zählen, in denen Bars und Clubs hervorgehoben werden, die die Produkte der Tabakfirmen besonders prominent präsentieren. ewo
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