BVH-Chef Wenk-Fischer: Im Verband herrschen keine Amazon-Bedingungen

Freitag, 22. Februar 2013
Christoph Wenk-Fischer (Bild: bvh)
Christoph Wenk-Fischer (Bild: bvh)

Die hiesige Versandhandelsbranche steht derzeit unter verschärfter Beobachtung: Denn der "Amazon-Skandal" färbt ab, längst sehen sich viele andere Unternehmen mit Fragen über Leiharbeitskräfte und externe Dienstleister konfrontiert. Christoph Wenk-Fischer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes des Deutschen Versandhandels (BVH), stellt gegenüber HORIZONT.NET klar: Das, was Amazon vorgeworfen wird, ist nicht üblich in der Branche. "Günstig, per Express noch am selben Tag zu haben, mit nur einem Klick": So beginnt die Dokumenation "Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon" der ARD. Für seine außerordentliche Kundenorientierung nimmt das Unternehmen demzufolge in Kauf, dass seine Mitarbeiter schlecht bezahlt und teilweise genauso behandelt werden. Wer sich unter Verbrauchern in den vergangenen Tagen umhörte, bekam oft die gleiche Reaktion: Ist doch kein Wunder, niedrige Preise und schnelle Logistik müssen eben an anderer Stelle erkauft werden.

Eine kundenfreundliche Preispolitik und Schnelligkeit beim Versand hat sich aber nicht nur Amazon auf die Fahnen geschrieben. Dennoch sind Bedingungen wie bei dem Webhändler nicht die Regel, versichert Christoph Wenk-Fischer: "Anders als Amazon sind unsere Mitglieder oft inhabergeführte oder Familienunternehmen und insbesondere mittelständisch geprägte Händler", sagt der BVH-Chef. Und: "Sie sitzen nicht am Niedrigsteuerstandort Luxemburg und führen die so erzielten Gewinne unter Einsatz zwischengeschalteter Steuersparmodelle an eine börsennotierte US-Muttergesellschaft ab." Vielmehr unterlägen sie deutschem Recht sowie deutscher Besteuerung und unterstützen den Verband bei der Erfüllung seiner Aufgaben. "Diese Leitlinien schließen ein Vorgehen, wie es Amazon vorgeworfen wird, schon per se aus."

Doch was kann ein Verband wie der BVH tun, um bei seinen Mitgliedern für angemessene Arbeitsverhältnisse zu sorgen? Was die Situation der Mitarbeiter angeht, sei es innerhalb des Verbands Usus, die saisonbedingten Hochs und Tiefs in der Beschäftigungssituation von Versandhändlern durch angepasste Arbeitsmodelle auszugleichen, wie Wenk-Fischer versichert. "So werden als Alternative Zeitkontenverträge bei vielen Versendern schon erfolgreich eingesetzt und ermöglichen den Mitarbeitern in frequenzschwachen Monaten weniger oder gar nicht und in den frequenzstarken Zeiten dann mehr zu arbeiten - bei kontinuierlich gleichbleibendem Gehalt über das gesamte Jahr", erklärt Wenk-Fischer.

Mittlerweile hat sich auch Amazons Deutschlandchef Ralf Kleber erstmals öffentlich zu den Vorwürfen geäußert. Die in dem ARD-Beitrag gezeigten Bilder machten ihn betroffen, so Kleber zu "Spiegel Online". "Wir haben aber den Anspruch, die Saisonkräfte genauso zu behandeln und zu bezahlen wie unsere Stammbelegschaft." Zeitarbeiter würden nach dem Tarifvertrag Zeitarbeit bezahlt, Arbeitskräfte von auswärts erhielten zusätzlich Kost und Logis. Zudem spricht sich Kleber für die Gründung von Betriebsräten an den Amazon-Logistikzentren aus. ire
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