"Adieu Amazon": Die Abrechnung eines Verlegers mit dem Versandhändler

Freitag, 15. Februar 2013
Das Amazon-Logistikzentrum in Leipzig (Bild: Amazon)
Das Amazon-Logistikzentrum in Leipzig (Bild: Amazon)


Der Verlag "Ch. Schroer. Die Neue Sachlichkeit" aus Lindlar in Nordrhein-Westfalen ist kein großer Verlag - und deswegen eigentlich auf die Listung bei Amazon angewiesen. Nach dem jüngsten ARD-Bericht über die Arbeitsbedingungen bei dem Versandhändler hatte Verlagsinhaber Christopher Schroer jedoch genug: Er kündigt seine Kunden- und Zulieferer-Konten bei Amazon - und rechnet in einem offenen Brief an CEO Jeff Bezos gnadenlos mit dem Unternehmen ab.
„Christopher Schroer: Wir fühlen uns nicht als Partner behandelt, sondern als Bittsteller, der bitte, bitte, bitte seine Bücher über Ihre Plattform vertreiben darf und zwar zu Konditionen und Verträgen, die Sie diktieren. “
So klingt es, wenn ein wütender Mann Abschied nimmt: "Wirtschaftlich trägt sich Ihr Geschäftsmodell für uns nicht. Hat es im übrigens noch nie. Zu überzogen sind Ihre Forderungen, wir fühlen uns nicht als Partner behandelt, sondern als Bittsteller, der bitte, bitte, bitte seine Bücher über Ihre Plattform vertreiben darf und zwar zu Konditionen und Verträgen, die Sie diktieren", schreibt Schroer in seinem Brandbrief.

Christopher Schroer
Christopher Schroer
Der Verleger führt etwa "überzogene Rabattforderungen" von 55 Prozent für kleine Verleger ins Feld, die sich aus 50 Prozent Rabatt plus 5 Prozent Lagerungskosten zusammensetzten. "Dass aber Waren, die nachweislich Durchlaufposten sind, auch ohne Lagerung diese 5% zusätzlichen Kosten verursachen, war uns schon immer unverständlich", so Schroer weiter. Des weiteren wirft Schroer Amazon "luftige Buchungstricks bei der Umsatzsteuer" vor, "dass Sie von kleinen Zulieferern verlangen, Rechnungen zu stellen, die dann ins EU-Ausland versandt werden müssen; dass Sie sich vertraglich einen unglaublichen Skontorahmen einräumen lassen. Dass neue, frisch angelieferte Titel in Ihrem eigenen "Marketplace"-Anbieterkonto als Mängelexemplare auftauchen. Und dass Sie Kommissionswaren remittieren, die Sie nicht pfleglich behandelt haben und diese somit vom weiteren Verkauf ausgeschlossen sind." Das alles sei kaum hinnehmbar.

Die jüngste Dokumentation der ARD über die Arbeitsbedingungen bei Amazon habe nun das "Fass zum Überlaufen gebracht", so Schroer. Der Verleger hat das Vertrauen in Amazon endgültig verloren, und kündigt deswegen seine Zulieferer- und Kundenkonten bei dem Unternehmen: "Sie sind, waren es nie und werden es auch wohl zukünftig nicht werden: ein Unternehmen, das Menschen wie Menschen, das Verlage wie Partner, das Kunden wie Könige und Kaiser behandelt. Ein Unternehmen, welches sich u.a. dem Kulturgut 'Buch' verschreibt und soziale und ethische Grundsätze beachtet."

Nicht leugnen will Schroer, dass er mit der Aktion auch die Aufmerksamkeit für sein Geschäft steigern wollte. Der Verlag "Ch. Schroer. Die Neue Sachlichkeit" verdient sein Geld hauptsächlich mit Kunstbüchern, Monografien und Ausstellungskatalogen. "Es wäre verlogen zu sagen, es war nicht so", gibt Schroer gegenüber HORIZONT.NET zu. Im Kern sei es ihm jedoch darum gegangen, dass die "Kunden endlich wach werden."

Wirtschaftliche Auswirkungen erwartet Schroer von seinem Amazon-Ausstieg nicht. Als Alternative zu Amazon hat der gelernte Mediengestalter, der lange in der Werbung aktiv war, ein neues Vertriebsmodell entwickelt, das Online-Kunden in den stationären Buchhandel bringen soll, um diesen so zu stärken. Und überhaupt sei das Leben ohne Amazon gar nicht so schlecht: "Eigentlich sind wir froh darüber, einen so schwierigen Geschäftspartner los zu sein", endet Schroer seinen Brief.

Amazon war bislang nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Das Unternehmen hatte zuletzt angekündigt, die Vorwürfe aus der ARD-Doku prüfen zu wollen. ire

Christopher Schroers Offener Brief im Wortlaut (PDF)

OB_amazon.pdf
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