David Hein

David Hein

Weihnachtsspots Warum die Weihnachtskampagnen von Edeka und Otto unglaubwürdig sind

Freitag, 18. November 2016
Alle Jahre wieder sorgen große Unternehmen wie Edeka, Otto, Milka oder John Lewis mit rührseligen Weihnachtsspots für Aufsehen. In diesem Jahr plädieren unter anderem Edeka und Otto in einer sehr ähnlichen Tonalität dafür, sich mehr Zeit zu nehmen für die wichtigen Dinge im Leben. Dabei sorgen gerade Versand- und Lebensmittelhändler dafür, die traditionelle Trennung von Geschäfts- und Freizeit immer weiter aufzuweichen.

"Schenke das Wertvollste, das du hast - Zeit“ fordert Otto in seinem aktuellen Weihnachtsspot, in dem eine Familie so hektisch ihren Pflichten hinterherhetzt, dass sie nur noch mit Mühe zueinanderfinden. Ins gleiche Horn stößt die Weihnachtskampagne von Edeka, die unter dem Motto #Zeitschenken steht. In dem Kampagnenfilm kommen die Eltern angesichts ihrer vielfältigen Pflichten kaum noch dazu, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. "Das schönste Geschenk ist deine Zeit", heißt es am Ende des Films mahnend.
Die Botschaft der beiden schön inszenierten Werbefilme  wird sicherlich jeder unterschreiben – die jeweiligen Absender machen die Clips bei näherer Betrachtung aber ziemlich unglaubwürdig. Denn gerade Supermarktketten und Versandhändler tragen maßgeblich zu einer zeitlichen Entgrenzung des Konsums und damit der Erwartungshaltung bei, alles müsse immer und jederzeit verfügbar sein – und zwar möglichst schnell. Früher ging man am Samstag einkaufen, heute wird rund um die Uhr geshoppt und möglichst noch am gleichen Tag geliefert. Entschleunigung sieht anders aus.

Supermärkte müssen sich immerhin noch an die gesetzlichen Ladenöffnungszeiten halten – was für die Mitarbeiter allerdings bedeutet, auch an Heiligabend bis 14 Uhr arbeiten zu müssen. Noch ärmer dran sind die Heerscharen von Pickern, Packern und Zustellern, die in der Adventszeit für Versandhändler wie Otto, Amazon & Co. Millionen von Last-Minute-Geschenken einpacken und quer durch die Republik karren – in der Regel unter enormem Zeitdruck und nicht selten unter prekären Arbeitsbedingungen. Auch Supermarktketten drängen mittlerweile massiv in das Liefergeschäft ein.

Wenn Edeka und Otto es also wirklich ernst meinen mit ihren wohlklingenden Weihnachtsbotschaften, sollten sie vielleicht erst einmal vor ihrer eigenen Haustür fegen – und ihre Mitarbeiter an Heiligabend einfach mal um 12 Uhr nach Hause schicken. dh

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