Uwe Munzinger, Sasserath Munzinger Plus

Uwe Munzinger, Sasserath Munzinger Plus

Uwe Munzinger Sharing wird das neue CSR

Donnerstag, 12. Juni 2014

Spotify, AirBnB, Pret-a-louer - das Angebot der Teil- und Tauschbörsen wächst stetig an. Dass inzwischen sogar große Unternehmen wie Ikea, H&M und Marks & Spencer ihre Kunden dabei unterstützen, gebrauchte Produkte möglichst umweltfreundlich unters Volk zu bringen, zeigt, dass die Sharing-Economy eine neue Stufe erreicht hat - und dass für die Sharing-Generation weniger Produkte und Marken als teilbare Erlebnisse zählen. Doch was bedeutet das für Marken? Uwe Munzinger, Chef von Sasserath Munzinger Plus in Berlin, nennt in seiner Kolumne für HORIZONT.NET drei Faktoren, die Unternehmen beachten sollten. Die Gäste sind geladen, die Kirche geschmückt und die Braut wunderschön. Doch plötzlich bekommt der Bräutigam kalte Füße und die Hochzeit platzt. Allein in den USA werden 250.000 Hochzeiten pro Jahr kurzfristig abgesagt. Aus diesem romantischen Desaster machen unter cancelweddings.com und abgesagtehochzeiten.de nun clevere Unternehmer ein neues Geschäftsmodell. Hochzeitsdeko, DJ, Kleid und andere Hochszeitsutensilien können von anderen Menschen ersteigert werden. So bekommt Sharing eine ganz neue Dimension. Über den Trend zum Teilen und Tauschen ist schon viel geschrieben worden. Carsharing und Couchsurfing erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Das Angebot wird jeden Tag größer, ob Handwerk-Tools, Sportgeräte, Musik oder Fahrkarten, kaum eine Branche, die nicht vom Tausch- und Teilen-Fieber erfasst wird. Mittlerweile hat die Sharing-Economy, die das US-Magazin Forbes vor einiger Zeit zu einem der relevantesten Wirtschaftstrends erklärt hat, auch die Luxus-Industrie erreicht. Mit pret-a-louer ging beispielsweise ein Portal online, auf dem Frauen Designer-und Luxusmode gegen Tagesgebühren ausleihen können, vor einiger Zeit undenkbar für das Premiumsegment.

Die Sharing-Economy weitet sich nicht nur weiter aus, sondern sie erreicht eine neue Stufe. Angetrieben von einem grundsätzlichen Wertewandel seit der Wirtschaftskrise wirft besonders die junge Generation in den Städten einen andern Blick auf das, was im Leben wichtig ist. Gerade veröffentlichte Ernst & Young eine Studie über die Generation Y, die klarmacht, dass Familie und soziales Umfeld oberste Priorität genießen, während Karriere und gehobener Lebensstandard ziemlich weit unten auf der Wunschliste der jungen Deutschen stehen. Auch was das Thema Besitz angeht, schlägt die neue Generation einen neuen Weg ein. Das Interesse daran sinkt, Besitz wird sogar mitunter als Bürde empfunden. Ein Übersättigungsgefühl geht Hand in Hand mit ausgeprägtem Umweltbewusstsein. Der Zugang zu Produkten und Dienstleitungen ist heute wichtiger als Dinge zu besitzen. Vor diesem Hintergrund erklärt sich etwa der Erfolg von Sharing-Angeboten wie der Musik-Plattform Spotify, Kleiderkreisel oder AirBnB, wo selbst Luxusunterkünftige in Paris und NY für eine begrenzte Zeit für jeden erreichbar sind. Die neue Sharing-Generation hat es nicht mehr nötig, sich über bestimmte Produkte und Marken zu definieren, sie differenziert sich über Erlebnisse, die sie anschließend gerne mit ihrer Community teilt.

Für Unternehmen bietet diese Haltung dennoch Möglichkeiten, sich geschäftlich anzudocken. Entscheidend ist der geeignete Weg und die Einbettung in soziale Netzwerke. So hat etwa Asos, eines der am schnellsten wachsenden Fashion-Portale, eine Secondhand- und Vintage-Rubrik eingeführt und ermutigt die User ihre angebotenen Kleidungsstücke im Streetstyle-Look hochzuladen. So wird der Verkauf von Mode, die man loswerden will, gleichzeitig zur Möglichkeit, sich lässig selbst zu inszenieren und dies mit Freunden zu teilen. Für Asos ist der Vorteil, mehr und neue Kunden auf die Plattform zu ziehen, die sich dann sicher nicht nur das Secondhand-Segment anschauen. Obi verleiht über Mietprofi.de inzwischen Handwerksgeräte und profitiert dann davon, dass Kunden weiteres Zubehör zum Heimwerken in einer der Filialen kaufen. Die schwedische Modekette H&M nimmt seit einiger Zeit alte Kleidungsstücke, egal welcher Herkunft, in Filialen an und führt sie in den Produktionskreislauf zurück. Auch hier setzt die Firma darauf, dass Kunden bei der Rückgabe schnell nochmal das eine oder andere Teil gleich mitnehmen.

H&M bedient aber noch einen anderen Faktor, der für die Sharing-Economy immer wichtiger wird. Kunden erwarten nicht nur einfach nützliche und zu ihrer Lebenswelt passende Angebote, sie sollen auch noch gesellschaftlich relevant sein. So startete im letzten Jahr foodsharing.de, eine Plattform, auf der Menschen ihre Lebensmittel anbieten und verschenken, um sie nicht wegschmeißen zu müssen. Die englische Textilkette Marks & Spencer regt Kunden an, ihre alte Kleidung zum Recycling zur Hilfsorganisation Oxfam zu tragen. Denn der Berg an weggeworfener Kleidung wächst und wächst. Als Dankeschön bekommen sie einen 5-Pfund-Einkaufs-Gutschein. In Norwegen hat Möbelanbieter Ikea Menschen dabei geholfen, ihre alten Möbel zu verkaufen. Diese wurden abgeholt und sogar in Ikea-Anzeigen beworben.

Ansätze gibt es also genug für Unternehmen, vom Trend zum kollaborativem Konsum zu profitieren. Wer hätte vor einem Jahr daran gedacht, dass sich Menschen einen Garten teilen, für andere Menschen via taskrabbit.com Aufgaben übernehmen oder ihre Lebensmittel zur Verfügung stellen. Drei wesentliche Aspekte sollten Unternehmen in der Sharing-Economy jedoch beachten:

1. Unternehmen müssen Kapazitäten und Potentiale erkennen. Das bedeutet eben auch, um die Ecke zu denken und flexibel zu sein. Der Trend zum Foodsharing kann etwa für Catering-Firmen und Bäckereien hoch interessant sein.

2. Natürlich muss das Angebot relevant sein. Und zwar funktional, emotional und gesellschaftlich. Für Menschen muss außerdem der Nutzen für die Gemeinschaft klar erkennbar sein. Darüber hinaus führt es zum Erfolg, die Marke und den Nutzenfaktor in der Interaktion erlebbar zu machen. Die besten Angebote sind die, über die Kunden Geschichten erzählen können.

3. Vertrauen und Reputation aufzubauen ist elementar. Dabei geht es aber nicht nur darum, dies nur für die eigene Marke zu tun, sondern auch innerhalb der jeweiligen Community. Daher sollte man sich über die Treiber für Vertrauen bewusst werden. So trägt etwa AirBnB dafür Sorge, dass Spielregeln und gewisse Standards eingehalten werden, um das Vertrauen bei Mietern und Vermietern nicht zu enttäuschen. Mit Geschichten über Menschen aus ihrer Gemeinschaft haben sie damit schon eine gute Basis zur Vertrauensherstellung etabliert, die jetzt weiterentwickelt werden muss.

Der Autor Uwe Munzinger ist Chef von Sasserath Munzinger Plus in Berlin
Meist gelesen
stats