Fabian Müller

Fabian Müller

Satire Wieso Philipp Walulis' Werbekritik an Check24 nach hinten losgeht

Freitag, 21. April 2017
Philipp Walulis ist ein aufgeweckter Geist. Mit seinem TV-Satire-Format "Walulis sieht fern" hat er in der Nische bei Tele 5 und später bei Eins Plus für witzige Momente gesorgt. Nun arbeitet sich der Moderator, inzwischen im Dienst des jungen öffentlich-rechtlichen Angebots Funk, an der Werbung des Vergleichsportals Check24 ab. Seine Kritik zeugt aber nicht nur von mangelndem Verständnis der Werbeindustrie, sondern wird dank der Selbstironie des Check24-CMO sogar fast schon zu Earned Media für die Marke.
Themenseiten zu diesem Artikel:

Philipp Walulis Check24 Helmut Huber Satire Funk


Rund sechseinhalb Minuten beschäftigt sich Philipp Walulis in seinem Online-Format mit dem Geschäftsmodell und dem Marketing von Check24, aufgehängt an der aktuellen Sitcom-Kampagne "2 Unvergleichliche Familien". Darin findet er sogar den einen oder anderen Fehler, etwa wenn die Stöckelschuhe von Figur Mary zu hören sind, obwohl sie gerade barfuß läuft. Die weiteren Kritikpunkte sind hingegen schon weniger nachvollziehbar: Walulis amüsiert sich über die schlechte Synchronisation, bezeichnet die Charaktere als "überzeichnete Kackbratzen" und wertet den Bruch zwischen US-Sitcom-Style und deutschen Handlungsmotiven als "kulturellen Fuck-up". Sein vernichtendes Fazit: "Diese Spots sind auf so vielen Ebenen verstörend." Dabei ignoriert der Moderator aber zwei Faktoren. Zunächst die Werbestrategie von Check24: Die ist auf Awareness ausgelegt, darauf, um jeden Preis aufzufallen und, wie CMO Helmut Huber sagt, "Talk of Town" zu werden. Mit riesigem Werbedruck und einprägsamen Mechaniken penetriert das Vergleichsportal seit Jahren die TV-Zuschauer - und nimmt dabei bewusst in Kauf, als nervig empfunden zu werden. Genau deswegen sind die Spots aber so erfolgreich. Weil sie die immer noch junge Marke bekanntmachen, sie als Gattungsbegriff für Vergleichsportale etablieren und gegenüber der Konkurrenz klar positionieren. Check24 polarisiert und hat damit vielen Werbeauftritten etwas voraus: Man hat als Verbraucher auf jeden Fall eine Meinung dazu.
Im Stile von John Oliver und Jan Böhmermann zieht Philipp Walulis über vermeintliche Missstände her
Im Stile von John Oliver und Jan Böhmermann zieht Philipp Walulis über vermeintliche Missstände her (Bild: Screenshot Walulis)
Auch zur Sitcom-Kampagne - und das ist der zweite Punkt, den Walulis mit Ignoranz straft. Alles, was der Moderator an den "Sitcommercials" kritisiert, macht Check24 mit voller Absicht: Die Darsteller wurden extra in den USA gecastet und spielen so überzeichnet, weil sie an Sitcom-Stars der 90er-Jahre erinnern und so die Check24-Zielgruppe der ab 35-Jährigen involvieren sollen. Die Synchronisation ist ebenfalls bewusst an den Billo-Stil von "Eine schrecklich nette Familie" und Co angelehnt. Und der "cultural clash" von US-Vornamen und -Baustil mit Mallorca-Urlaub und deutschen Kfz-Kennzeichen ist natürlich auch beabsichtigt. Aber die Resonanz gibt dem Unternehmen recht: Allein der Werbe (!)-Film "Lass das Licht an" sammelte bei Youtube bereits über 10 Millionen Klicks.
Walulis zieht in seinem Beitrag auch einen HORIZONT-Artikel als Quelle heran
Walulis zieht in seinem Beitrag auch einen HORIZONT-Artikel als Quelle heran (Bild: Screenshot Walulis)
Kreiert hat Check24 die Kampagne inhouse - das weiß vermutlich auch Walulis und macht sich deswegen über CMO Huber lustig. Den stellt er sich anhand der Spots vor als "Buchhalter, der in die Werbebranche gerutscht ist und sich jetzt Chief Marketing Officer eines mittelständigen Unternehmens" nennt - quasi ein "Mad Man der Generation Eigenheimzulage". Dazu präsentiert er ein unvorteilhaftes Stockfoto, das Huber (übrigens Jurist, nicht Buchhalter) zeigen soll. Doch Walulis hat die Rechnung ohne die Selbstironie des ehemaligen Havas-Kreativen gemacht: Der änderte auf seinem privaten Facebook-Profil kurzerhand sein Bild in das Stockfoto, kommentiert seitdem unter dem Video - und kassiert dafür den Respekt des Walulis-Teams und die Likes der User.
Das Format "Walulis" beschreibt sich selbst als "Medikamentenausgabe im Irrenhaus Internet" und "Gegengift zum Youtube-Schrott". USP: "Wir kennen uns mit Medien aus. Und wie man sie verarscht. Oder wie sie uns verarschen. Sad." Das hat auch unter dem Funk-Dach schon wirklich gut geklappt, etwa bei der Betrachtung des Geschäftsmodells von Youtuber und Bibi-Freund Julienco. Nach Betrachten des Check24-Werbechecks muss man festhalten: Ganz so toll wie mit Medien kennt sich Walulis mit der Werbewelt nicht aus. Sad, aber wahr. fam
Meist gelesen
stats