Markus Roder, S1mplify

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Kalkulierter #Aufschrei? Wenn Werbeagenturen die Feminismus-Keule auspacken

Dienstag, 09. Februar 2016
Die Kampagne #WomenNotObjects schlug in den letzten zwei Wochen hohe Wellen in der US-Werbeindustrie, regte Diskussionen in den sozialen Netzwerken an und brachte der Agentur Badger & Winter gute PR ein. Doch die Reaktion der kritisierten Marken überrascht und erstaunt insbesondere Markenstratege Markus Roder, wie er in einem Gastbeitrag ausführt.

Kreiert von Madonna Badger und der Agentur Badger & Winters schoss sich das Video auf "Frauen objektifizierende Inhalte" von Marken wie Bud Light, Fiat, SKYY Vodka und sogar Post-It ein und kritisierte/parodierte die dargestellten Sujets auf zum Teil recht witzige Weise. Eine Welle der Zustimmung durch Prominente wie Ashton Kutcher oder George Takei in Social Media sorgte für mittlerweile 1,5 Millionen Views auf Youtube und zahllose Diskussionen auf Social-Media-Kanälen. Das mag man als wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte rund um Gleichberechtigung und Rollenklischees werten, aber es ist auf jeden Fall eine äußerst effektive PR-Aktion für die dahinterstehende Agentur.

Ausnahmslos alle Marken, die in dem Video kritisiert wurden, ließen sich in der Folge zu halbherzigen, unehrlichen und an den Haaren herbeigezogenen "Entschuldigungen" hinreißen. Eine Reaktion die, wenn ich mir den Spruch erlauben darf, von einem echten Mangel an Eiern zeugt. Gerade wenn man bedenkt, dass zurzeit fast alle Kommentare unter dem Original-Video sich über die enorme Heuchelei und Irrelevanz des Videos aufregen… inklusive die Kommentare von Frauen. Ob in diesem Klima des offensichtlichen Misstrauens gegenüber feministischen Herausforderungen solche schamgetriebenen Statements wie Fiat-Chrysler's "The Ram Truck brand ran the print ad you're asking about one time only in the 2015 Sports Illustrated Swimsuit issue. It was only intended to run that one time in that specific issue. The brand no longer advertises in that issue" in irgendeiner Form den Nerv der Zielgruppe treffen, ist fraglich. Den Zorn der Aktivisten besänftigen sie überdies wahrscheinlich auch nicht.

Um es milde auszudrücken: Ich bin geschockt über den Mangel an strategischer Denke in den Marketing- und PR-Abteilungen selbst großer Marken. Fällt denn wirklich niemandem auf, dass Anklage-Feste wie #WomenNotObjects eigentlich eine echte Vorlage sind, bei der ureigenen Zielgruppe mit Ehrlichkeit zu punkten? Ist man einfach nur "risikoscheu"? Denn, dass man mit der Strategie "Sich nicht schämen und einfach mal die Wahrheit sagen" sich quasi über Nacht zum Verbündeten beziehungsweise zur Love Brand einer (immer weniger) schweigenden Mehrheit von Feminismus-Kritikern machen kann, scheint recht unzweifelhaft.

Wäre ich Marketingleiter bei Budweiser, würde ich den weiteren Verlauf meiner Karriere durch ein solches Statement auf eine Karte setzen (und davon ausgehen, dass es wie eine Rakete nach oben geht):

"Wir haben uns entschlossen, nicht auf die #WomenNotObjects-Kampagne zu reagieren, ohne zuerst mit Euch, unsere Kunden zu sprechen. Wir selbst sehen das wie folgt - haben wir Recht? 

1. Wir haben Frauen noch nie als (bloße) Objekte behandelt. Was richtig ist: Wir zeigen ab und zu gezielt erotische Situationen, und in denen werden Menschen - Frauen UND Männer übrigens - sicher auch manchmal als "Objekte" wahrgenommen. Und das finden wir okay. Denn auch wenn man am Strand attraktive Menschen sieht, kommt einem ja nicht als erstes in den Kopf, was die wohl beruflich machen. Wir glauben, dass Sex Spaß macht, zum täglichen Leben gehört, und vor allem nicht so verdammt ernst genommen werden muss. Wir lieben Sex.

2. Jetzt könnte man fragen: Warum zeigen wir sexy Männer und Frauen in unserer Werbung? Ganz einfach, weil unsere Tests zeigen, dass die meisten Budweiser-Kunden das so mögen. Überraschung! Wir erzählen hier sicher niemandem etwas bahnbrechend Neues, wenn wir sagen: Wir sind Profis. Wir testen unsere Werbung auf deren Effekt, und wie man sich vorstellen kann, wollen wir Euch Bier verkaufen, und Euch nicht etwa anekeln oder zornig stimmen...

So, und jetzt sagt uns: Lügen unsere Tests? Sind wir verrückt geworden oder unsere Kritiker von #WomenNotObjects?

Kommentiert dieses Posting… oder auf jedem anderen Social-Media-Kanal mit dem Hashtag ‪#‎RepliesToBud. Wollt Ihr mehr oder weniger sexy Motive in unserer Werbung? Wir versprechen, wir hören auf Euch und halten entweder den momentanen Kurs oder ändern uns. Ihr habt es in der Hand!"


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