Andreas Heim, Brandoffice

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Jamaika-Aus Die Marken-Lektion von FDP-Chef Christian Lindner

Dienstag, 21. November 2017
Der Abruch der Jamaika-Sondierungsgespräche bewegt die Republik. Als vermeintlich Schuldige waren schnell die FDP und deren Parteichef Christian Lindner ausgemacht. Trotzdem waren die vergangenen Wochen für die FDP und mit Abstrichen auch für die Grünen ein gelungenes Schauspiel, analysiert Markenexperte Andreas Heim, Geschäftsführer von Brandoffice in einem Gastbeitrag für HORIZONT Online. Vor allem Christian Lindner habe sich für höhere Aufgaben qualifiziert. 
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So schnell kann es gehen – die Sondierungen der möglichen Jamaika-Koalition sind nach dem Ausstieg der FDP mit einem Paukenschlag gescheitert. Während Union, Grüne und Verbände ihre Bestürzung zum Ausdruck bringen, hält sich nicht nur bei vielen Wählern die Verwunderung in Grenzen – selbst der Dax reagiert ganz frech mit einem satten Kursplus. 

Aus Markensicht und aus Sicht vieler Bürger folgt das Scheitern ohnehin einer einfachen Logik: Vier Parteien, die ihre alleinige Daseinsberechtigung auf jeweils unterschiedlichen Wertehaltungen und Programmen gründen, können nur erfolgreich sein, wenn Sie Kompromisse auf Kosten Ihres Profils machen. Wenn die Kompromisse zu groß sind, lässt sich die Zukunft des Landes nicht gemeinsam vier Jahre lang mit Glaubwürdigkeit und Leidenschaft gestalten.

Anstatt sich lange mit den Gründen für das Jamaika-Aus aufzuhalten, sollten die Parteien demnach erst einmal in den Spiegel schauen und sich dabei fragen, was eigentlich der Hauptgrund für die Politikverdrossenheit in unserem Land ist. Sind es nicht gerade die glattgeschliffenen, austauschbaren Markenprofile der Großkoalitionäre CDU/ CSU und SPD, die Machterhalt und Regierungswille in den vergangenen Jahren im Ernstfall (also bei Koalitionsvereinbarungen) stets über ihre ureigene Wertehaltung und konsequente Programmatik gestellt haben? 

Die Wahl 2017 markiert eine historische Zäsur: Nach der SPD stellt nun auch die FDP eigene Prinzipien über identitätsverleugnende Kompromisslösungen. Das kommt nicht ganz überraschend – sowohl SPD und FDP haben gelernt aus ihren großen Niederlagen bei vorherigen Wahlen. Sie wissen, wie es sich anfühlt, wenn der eigene Stammwähler der Partei das Vertrauen entzieht, weil das Markenprofil bis zur Unkenntlichkeit verwässert wurde. Durch die Verweigerung von Koalitionsgesprächen direkt nach dem Wahlabend hat die SPD die Chance verpasst, sich durch klare inhaltliche Überzeugungen in Koalitionsauseinandersetzungen zu profilieren.

Hat FDP-Chef Christian Lindner alle genarrt?
Hat FDP-Chef Christian Lindner alle genarrt? (© Serviceplan)
Die FDP um Frontmann Lindner wird dagegen gestärkt aus den scheinbar unzumutbaren und am Ende gescheiterten Koalitionsverhandlungen hervorgehen: Das Markenprofil bei den FDP-Wählern ist geschärft, am rechten Rand der Union sowie bei gemäßigten AFD-Wählern dürften neue Sympathien hinzugewonnen werden. Damit dürfte die Marke FDP als der große Gewinner aus dem jüngsten Politik-Geschacher hervorgehen. Die größten Verlierer werden dagegen alle anderen Parteien sein, allen voran die CSU: Die Bayern stehen seit jeher für nur scheinbare Konsequenz, die sich am Ende doch stets kleinlaut der Position der großen Schwester unterzuordnen hat, bayrisches Ego hin oder her. Die auch im Innenverhältnis zerrissene Partei benötigt schon fast ein kleines Wunder, um bei den bevorstehenden Landtagswahlen keinen Erdrutsch zu erleiden. 

Die Unionsparteien werden die vergangenen Wochen als Kommunikationsdesaster verbuchen müssen. Zwar wird man der Union als Wahlgewinner zugute halten, dass sie das Mandat zur Regierungsbildung hatte und unter Zugzwang stand, scheinbar unvereinbare Positionen zu einem plausiblen großen Ganzen zusammenzufügen. Dennoch muss sich die Union mit dem Vorwurf auseinandersetzen, keine klare Vision für die Zukunft Deutschlands entwickelt zu haben. Und: Die Union hat sich am Ende kommunikativ vorführen lassen.

Für die FDP und vielleicht, mit Abstrichen, sogar auch für die Grünen waren die vergangenen Wochen dagegen eher ein gelungenes Schauspiel. Während man selbst unter den Augen der Öffentlichkeit demonstrativ Linientreue zur Schau stellen durfte, konnte man dem vermeintlich führenden politischen Gegner die eigene Machtlosigkeit vor Augen führen und ihn permanent an die Grenze eigener Positionen etwa in Bereichen wie Energiewende, Zuwanderung oder Steuern bringen. Wer möchte den Marken CDU, CSU und Merkel unter diesen Umständen noch einmal guten Gewissens schwierige Führungsaufgaben anvertrauen? Eine Alternative ist zwar (noch) nicht in Sicht, Herr Lindner aber bringt sich mit großem Weitblick schon in Position. Für höhere Aufgaben ist er – aus Markensicht – allemal qualifiziert.

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