Matthias Michael, FleishmanHillard

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Imagefilme Die 10 häufigsten Fehler bei Unternehmensvideos

Mittwoch, 30. September 2015
Imagefilme sind heutzutage auf beinahe jeder Firmen-Website zu finden. Doch tun sich die Unternehmen damit einen Gefallen? Sehr häufig ist das nicht der Fall. Matthias Michael, Reputations- und Krisenberater bei FleishmanHillard, zeigt anhand von 10 Beispielen, welche Fettnäpfchen bei Unternehmensvideos lauern.
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Imagefilm Unternehmensvideo Matthias Michael


Alle großen Unternehmen nutzen aktiv die Möglichkeiten der Kommunikation und des Imageaufbaus mit bewegten und bewegenden Bildern. Die meisten kleineren Firmen tun das (noch) nicht. Sie scheuen sich vor Filmen und Videos, weil sie glauben, die Produktion sei zu teuer, zu kompliziert und technisch. Ein Fehler. Denn erstens war das Filmen nie so preisgünstig wie heute. Zweitens sind Bilder glaubwürdiger als Texte. Und drittens können Unternehmen ihre Videos vielfältig einsetzen, damit Vertrauen aufbauen und neue Kunden gewinnen. Aber Vorsicht: Manche Firmen unterschätzen die Gefahren beim Umgang mit bewegten Bildern. Zu vermeiden sind die folgenden. 



1.

Imagefilm: teuer und unglaubwürdig

Der klassische Imagefilm ist tot. Früher ließen Unternehmen für enorme Summen Hochglanzfilme produzieren: mit Dollyfahrten, Steadycam-Einsatz und Kran. Großartige Einstellungen, höchste Qualität. Aber alles roch nach Storyboard, war inszeniert, aufgesagt, abgelesen. Aufgemotzt noch mit einem bekannten Synchronsprecher (etwa der deutschen Stimme von Robert Redford oder Robert de Niro oder Jodie Foster). Das sieht heute schwer nach Eighties und Nineties aus. Geht nicht mehr, weil unglaubwürdig und schöngefärbt. Zudem werden Ausschnitte aus solchen Filmen von investigativen TV-Magazinen sogar gegen die jeweiligen Unternehmen eingesetzt. 

2.

Selbstgemachte Social-Media-Clips: kein Charme des Unprofessionellen

Irgendwann gab es Online-Experimentierer, die Unternehmen rieten, Videos sollten möglichst selbstgestrickt aussehen, damit sie glaubwürdig rüberkommen. Also Wackelkamera, Zoom, matschige Hintergründe, dicke Nasen (wegen des Einsatzes von Weitwinkelobjektiven), Schlagschatten mit Horroreffekt. Dass solche miesen Produkte einen Imagetransfer auf die galaktischen Hightech-Designprodukte der jeweiligen Unternehmen zur Folge haben, sagten die Schmuddelvideo-Befürworter nicht. 

3.

Grafik- und VFX-Feuerwerk: Technik, die nicht jeden begeistert

Filmschüler lernen im ersten Semester: Grafik wird eingesetzt, wenn man sich gar nicht mehr anders zu helfen weiß. Nur dann! Aber 3-D-Animationen sind so verführerisch. Und die Produktionsfirma will auch ihr Geld verdienen. Da könnte man doch ein paar besondere Effekte einbauen… Wer so argumentiert, verwechselt Unternehmensvideos mit Science-Fiction-Movies und Firmenstrategien mit Abwehrschlachten gegen Ufos. 

4.

Ich-Perspektive der Organisation: kein Grund, Lebenszeit zu investieren

Warum soll mich als Onliner interessieren, wie eine Organisation sich selbst sieht, wie sie aufgebaut ist, wie sie sich triefend für toll hält und belobigt? Mich interessiert, was ich von dem Video habe, was ich lerne, wie ich unterhalten werde und ob ich das Video nutzen kann. Deshalb muss sich ein Unternehmen die Frage stellen: Für wen mache ich das Stück? Für die Geschäftsführung? Dann wird es nach dem ersten Jahr im Netz drei oder vier Aufrufe haben. 

5.

Gebauter Beitrag nach Schablone: Clips ohne Dramaturgie

Auf der Seite des Deutschen Wirtschaftsfilmpreises kann man nachschauen, was in Deutschland schon als toller Film aus der Wirtschaft gilt. Viele Videos sind monoton, haben keine Dramaturgie, keine Spannung, keinen Höhepunkt und rufen kaum Emotion hervor. Manch eines erzählt keine Geschichte. Aber augenscheinlich sind sie gut gepolstert finanziert worden. Ist die deutsche Wirtschaft tatsächlich so langweilig? 

6.

Chronistenpflicht: Jede Abteilung will vorkommen

Als Journalist lernt man, einen Bericht über die Jahreshauptversammlung des Kleintierzüchtervereins Hintertrotzingen nicht damit anzufangen, dass  der Vorsitzende die Gäste begrüßte und dann die Tagesordnung vorlas. Vielmehr sollte der Text mit einem Erdbeben beginnen und sich langsam steigern. Oder er sollte eine Story erzählen. Oder zu Beginn etwas Unerwartetes präsentieren. Jedenfalls dürfen Texte und Videos, die sich an die breite Öffentlichkeit wenden, nicht langweilen. Genau das tun aber Unternehmen, die meinen, irgendjemand interessiere sich für jede Einzelheit. Also: Reduktion von Komplexität. Konzentration auf das Neue, Brisante, Überraschende, Menschliche. 

7.

Musik wie im Kaufhaus, damit die Längen nicht auffallen

Der Film ist fertig. Jetzt muss da noch irgendwie Musik drauf. Damit’s nicht so langweilig wirkt. Kosten darf sie auch nichts, also gemafreie Musiklisten durchsuchen. Ganz falsch! Musik – so sie tatsächlich wirkungsverstärkend benötigt wird – sollte geplant und kalkuliert werden. Dann gilt es, Rechte zu klären oder gleich einen Komponisten zu beauftragen. Musik nur um der Musik Willen ist entbehrlich. Kaufhaus- und Fahrstuhl-Gedudel sowieso. 

8.

Statt Witz, Leichtigkeit und Ironie: schwere Filme über ernste Unternehmungen

In deutschen Wirtschaftsfilmen wird nicht gelacht. Ausnahmen sind die Ausnahme. Albernheiten und Kuriositäten kommen nicht vor. So etwas wirkt uns Deutschen wohl zu unseriös. Zu unvollkommen. Wir sind mit Ernst bei der Sache. Ironie versteht sowieso niemand. Wenn wir Witz und Fehler und Übertreibungen einbauen, wird das Video am Ende noch viral verbreitet. Um Himmels Willen! So verlieren wir die Kontrolle darüber! Irgendjemand wird dafür den Kopf hinhalten müssen… 

9.

Film über „effiziente Prozesse“ der „Supply Chain“ im „Warenwirtschaftssystem“…

Wirtschaftsmenschen lieben Abstrakta, solche Begriffe sind schön unkonkret. Man kann sich dahinter verstecken. Das Gegenteil ist Storytelling. Das ist das, was die Deutschen weniger gut können. Deshalb hat unser hiesiges Fernsehen international einen schlechten Ruf. Die deutschen Filme gelten als zu verkopft. Immer muss die Metaebene vorkommen. Vielmehr sollte uns beschäftigen: Wo ist die emotionale Menschengeschichte? Wer muss welche Prüfung bestehen? Können wir an exotischen Orten etwas miterleben, an Erfahrungen teilnehmen, besondere Typen kennenlernen? Welche Geschichte erzählen uns diese Menschen? Was lernen wir daraus für unser Leben? Eine gute Story kann solche Fragen beantworten. Man muss sie nur entdecken.  

10.

Sehen Sie die Videos Ihrer Firma an: Würden Sie sich danach bei Ihnen bewerben?

Jedes Video ist anders, jedes hat seine Schwächen, ob formal oder inhaltlich, filmsprachlich oder dramaturgisch – zu teuer, zu lang, zu steif, zu monoton, zu banal. Abschreckende Beispiele sind auf den meisten deutschen Unternehmensseiten zu finden. Wenn die Firmenvideos auch dazu dienen sollen, sich für mögliche Bewerber interessant zu machen, sollte vorher überlegt werden, was die Interessenten erwarten und was man ihnen wie darstellen kann. Das Versprochene sollte dann nach der Einstellung des Hoffnungsträgers aber tatsächlich erfüllt werden, z.B. eine angenehme und wertschätzende Atmosphäre mit Feedback und Lob,  interessante und wichtige Arbeitsinhalte, Internationalität, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Aufstiegs- und Weiterbildungs-Chancen und andere Incentives. 

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