Oliver von Wersch, Vonwerschpartner Digital Strategies

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E-Privacy-Verordnung Das Versagen der Lobbyisten

Donnerstag, 02. November 2017
Für die Marketing- und Medienbranche war es ein schwarzer Tag: Das EU-Parlament hat sich am Donnerstag vergangener Woche für die massive Verschärfung des Datenschutzes ausgesprochen und die umstrittene E-Privacy-Verordnung in fast strengster Variante über eine weitere Hürde gehoben. Zuvor hatte der Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres den Weg frei gemacht, gegen den scharfen Protest der Verbände der Werbe- und Medienindustrie. Der Berater Oliver von Wersch, Gründer von Vonwerschpartner Digital Strategies in Hamburg, sieht in seinem Gastkommentar für HORIZONT Online Versäumnisse der Branche und sagt, was nun geschehen müsse.
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Da sitzen wir nun. Mit der Entscheidung des Europäischen Parlaments pro neuer E-Privacy-Verordnung ist eine der vermutlich weitreichendsten Veränderungen für die digitale Wirtschaft in Europa auf die nächste Stufe des Entscheidungsprozesses gelangt. Sicher: Noch kann ein Kompromiss erreicht werden, der die Interessen der digitalen Wirtschaft und der Verbraucherschützer in Einklang bringt. Aber glauben wir noch ernsthaft daran, nachdem sich zwei Drittel der relevanten europäischen Institutionen für die drastische Verschärfung des Umgangs mit personenbezogenen Daten ausgesprochen haben?

Was wurde nicht alles an Untergangsszenarien gen Brüssel geschickt. Die Sachkenntnis der EU-Entscheider ist sicher durch die Lobby- und Gutachterschlacht der letzten Monate getrübt worden. Wer kann schon klar entscheiden, wenn es wechselseitig um nicht mehr und nicht weniger als um den Untergang des freien Internet oder das semi-kriminelle Ausspähen des Einzelnen geht.
Datenschutz: nach wie vor ein sensibles Thema (Bild: Wilm Ihlenfeld - Fotolia.com)
Bild: Wilm Ihlenfeld / Fotolia

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Drastische Übertreibungen von beiden Seiten haben dazu geführt, dass wir nun unter Umständen eine Regelung bekommen werden, die nicht nur der Wirtschaft, sondern langfristig auch den Konsumenten schaden wird. Inhalte werden hinter Log-in-Schranken und auf die Plattformen abwandern, weil sich die für die Werbevermarktung notwendigen Daten nicht anders generieren lassen werden, als die Nutzer zu zwingen, diese im Rahmen geschlossener Systeme abzugeben. Kleinere Websites oder Blogger, die teils in hohem Maße von programmatischen Werbeerlösen abhängig sind, werden ihr Geschäft nicht mehr profitabel betreiben können – wenn sie es denn überhaupt noch betreiben können.

Die Aussteuerung von Werbung funktioniert nicht mehr, angefangen bei banalem Frequency Capping. Folge wird ein noch höherer Werbedruck sein, und damit noch höhere Frustration der Nutzer und noch mehr Adblocking. Wer es sich leisten kann, bezieht Content hinter Paywalls. Das wird nicht jeder können – mit Folgen für die Informationsprozesse in der digitalen Gesellschaft.

Auch wenn die Linie im EU-Parlament zwischen Mitte-Links und Mitte-Rechts verlaufen ist: Das, was da vergangene Woche entschieden worden ist, ist in der Konsequenz keine Frage von links oder rechts, sondern von Hardlining versus Kompromiss, von Übertreibung versus Realismus. Und häufig getränkt von einer beidseitig dramatisierten Beschreibung dessen, was im Internet passiert.
„Wir als Branche haben es versäumt, der Politik zu erklären, wie die Auswirkungen der neuen Verordnung wirklich sein werden.“
Oliver von Wersch
Denn natürlich haben wir es übertrieben. So sind zum Beispiel Auslieferungs- und Targeting-Logiken digitaler Werbung und von digitalem Commerce teilweise nicht mehr zu durchschauen. Laut cookiepedia.co.uk setzt die Startseite von Spiegel Online derzeit 774 Cookies, T-Online bringt es auf noch stolzere 1323 Cookies. Mein Favorit ist der britische Guardian mit 14.340 Cookies! Niemand, auch keine Maschine, kann so viel auswerten und tracken, wie dort auf die Festplatten der User geschrieben wird. Zumal viele Tracking-Vorgänge schlicht Datenmüll produzieren und viele Cookies vollkommen veraltet sind.

Wir als Branche haben es versäumt, der Politik zu erklären, wie die Auswirkungen der neuen Verordnung wirklich sein werden. Wir haben versäumt, plastisch zu beschreiben, was sich in der Folge verändern wird und realistisch zu berechnen, wie hoch der wirtschaftliche Schaden wirklich sein wird. Denn er wird groß werden: Vielen Journalisten, Web-Developern und Vertrieblern wird das den Job kosten, was da jetzt in Brüssel auf dem Papier steht. Auch die "andere" Seite hat mit gnadenlosen Übertreibungen gearbeitet, was Cookies alles zerstören könnten und was angeblich alles ausgespäht würde.
Thomas Duhr
Bild: BVDW

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Wir werden dies nun sehr schnell korrigieren müssen, um auf der Zielgeraden doch noch eine stärkere Ausbalancierung der E-Privacy-Verordnung zu erreichen. Machen wir das mit größerer Transparenz, mit weniger Übertreibung, mit realistischen Beschreibungen der Realität und vor allem mit dem Willen, den Umgang mit personenbezogenen Daten bewusster zu gestalten und die Regulierung als Chance zum Aufräumen der Cookie-Gebirge zu begreifen, dann haben wir eine gute Chance.

Wenn nicht, stehen die hochprofitablen, turbokapitalistischen amerikanischen Plattformen langfristig als neue Heimat von journalistischen Inhalten bereit. Datenschutz findet dann in Trump’s own country statt. Regeln zur Inhalteverteilung aber auch.

Ergreifen wir gemeinsam die Chance. Noch ist es nicht zu spät.

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