Marco Seiler, Syzygy

Marco Seiler, Syzygy

Alibaba und die Folgen Das neue Silicon Valley heißt Hangzhou

Dienstag, 14. Oktober 2014
Alibaba ist erst der Anfang: China wird uns noch mit vielen bahnbrechenden Internetfirmen überraschen, meint Syzygy-Chef Marco Seiler in seinem Gastbeitrag für HORIZONT Online. Und warnt gleichzeitig vor dem gefährlichen Fehler, die chinesische Stärke nur dem großen Heimatmarkt zuzuschreiben. Wer einen Blick in die Zukunft werfen möchte, sollte nach Osten schauen.
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Dieses Ereignis stellt eine echte Zäsur für die Entwicklung der Internet- und Digitalbranche dar: Da legt ein Internetunternehmen einen gigantischen Börsengang hin, und es kommt nicht aus dem Silicon Valley, nicht einmal der sonstigen westlichen Welt. Alibaba, der unbestrittene König des E-Commerce, hat seinen Sitz in Hangzhou, einer Küstenstadt rund 180 Kilometer südlich von Shanghai. Alibaba erzielt einen höheren Online-Umsatz als Amazon und Ebay zusammen und ist mit einer Marktkapitalisierung von über 200 Milliarden US-Dollar jetzt das weltweit fünftgrößte Tech-Unternehmen.

Der neue Star am E-Commerce-Himmel gehört zur selben Riege erfolgreicher Firmen wie der Internet-Allrounder Tencent, der Suchmaschinenbetreiber Baidu und der Onlinehändler JD.com. Damit stammen mittlerweile 30 Prozent der global führenden Unternehmen der Online-Branche aus China - eine Entwicklung, die im Westen weitgehend unbemerkt geblieben ist.  Hier glauben sich viele Unternehmen noch in der "guten alten Zeit" und haben nicht auf dem Schirm, dass chinesische Unternehmen nicht nur die Hardware für das Internet liefern, sondern inzwischen selbst im Netz erfolgreich sind. Der Börsengang von Alibaba, dessen Marktwert höher ist als der von Ebay, Netflix, LinkedIn, Twitter und Yahoo zusammen, sollte uns ein Weckruf sein.

Gern tat man den Aufstieg chinesischer Unternehmen bislang ab, indem man auf den riesigen Onlinemarkt im Reich der Mitte verwies - frei nach dem Motto: Kunststück, wenn ich so viele potenzielle Kunden im Heimatmarkt habe. Sollen die doch erst mal beweisen, dass sie es auch international packen. Tatsächlich ist China der größte E-Commerce-Markt weltweit und zeichnet sich durch hohe Wachstumsraten aus: Im kommenden Jahr werden 600 Millionen chinesische Online-Kunden jeweils mehr als 100 Web-Einkäufe tätigen und dabei insgesamt schätzungsweise 541 Milliarden US-Dollar ausgeben. Und nicht nur das: "In anderen Ländern ist E-Commerce einfach eine Einkaufsmöglichkeit, in China hingegen gehört er zu einem bestimmten Lifestyle", erklärte kürzlich Jack Ma, der unkonventionelle Gründer von Alibaba und nunmehr reichste Mann Chinas. Der chinesische E-Commerce-Markt hat zudem kaum mit technologischen Altlasten zu kämpfen und ist daher nicht nur groß, sondern auch hochmodern: Smartphones und Tablets haben in China die weltweit höchste Marktdurchdringung. E-Commerce ist dort schon heute gleichbedeutend mit Mobile Commerce.

In diesem riesigen, wachstumsstarken und fortschrittlichen Markt ist Alibaba besonders gut aufgestellt. Das Unternehmen ist weitgehend vor internationalen Mitbewerbern geschützt und hat am E-Commerce-Markt einen sagenhaften Anteil von 80 Prozent. Vier von fünf Online-Käufen in China werden über eine von Alibabas B-to-B-, B-to-C- oder C-to-C-Plattformen abgewickelt, und die Hälfte aller Onlinezahlungen erfolgt über "Alipay", eine von Alibaba entwickelte elektronische Geldbörse.

Aber Alibaba und die anderen neuen Internetriesen in Asien sind nicht nur so stark, weil sie Größenvorteile durch ihre Heimatmärkte haben. Sie sind auf modernen Märkten aktiv, die Asien zur neuen Wiege für digitale Experimente gemacht haben. Das nächste "ganz große Ding" dürfte daher aus dieser Region und von einem asiatischen Unternehmen stammen. Ein Beispiel sind Mikrozahlungen und Mikrokredite. Das Thema ist nicht neu, viele Firmen sind hier aktiv, aber speziell bei Online-Mikroinvestitionen ist Alibaba der unbestrittene Vorreiter. Mit Alibabas innovativem Feature Yuebao (was so viel wie "Sparschatz" bedeutet) können Verbraucher ihr "Wechselgeld" bei Online-Einkäufen mit nur einem Klick in einen hochrentierlichen Geldmarktfonds investieren. Mittlerweile zählt Yuebao mehr Anleger als die chinesischen Aktienmärkte und ist zum größten Publikumsfonds in China geworden.

Ein weiteres Vorurteil verstellt die klare Sicht auf die asiatischen Unternehmen: Man sieht sie bislang meist nicht als Innovatoren, sondern als bloße Imitatoren - das bekannte Muster, das für viele Branchen auch tatsächlich zutrifft. Doch die neuen Internetriesen aus dem Fernen Osten lassen allmählich ihre frisch finanzierten Innovationsmuskeln spielen. Nach dem Börsengang hat Alibaba nicht nur die für das Experimentieren notwendige Größe und Sicherheit, sondern verfügt auch über die erforderlichen Finanzmittel. Das Unternehmen hat sich ohne Respekt vor speziellen Industriezweigen überall dort positioniert, wo Geld fließt, und experimentiert bereits mit E-Commerce-Innovationen wie zum Beispiel nachfrageorientierten Gruppenkäufen, virtuellen Einkaufszentren sowie "Shoppable Videos", in denen die vorgeführten Produkte direkt per Klick bestellt werden können.

Wer also einen Blick in die Zukunft werfen möchte, sollte nach Osten schauen. Dort findet man die digitalen Ideen von morgen, Innovationen und Inspirationen. Der Ferne Osten wird auch die Region sein, aus der die nächste Generation von Internetriesen kommt. Das "Sesam öffne dich" von Alibaba zeigt uns, dass die Zeiten der westlichen Digital-Vorherrschaft endgültig vorbei sind.

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