Uwe Vorkötter

Uwe Vorkötter

500 Jahre Reinheitsgebot Die Monstranz der Bierkonzerne

Freitag, 22. April 2016
Heute feiern die Deutschen, die Bundeskanzlerin voran, eine durch und durch deutsche Errungenschaft: das Reinheitsgebot für Bier. Verkündet wurde es vor genau 500 Jahren, am 23. April 1516 in Ingolstadt. 
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Reinheitsgebot Tuborg Inbev-Gruppe Bitburger


Das Deutsche Reinheitsgebot: Bier wird aus Hopfen, Malz und Wasser hergestellt. Punkt. Eine Garantie. Ein Qualitätsversprechen. Ein Markenzeichen. Traditionelle Handwerkskunst, das älteste Lebensmittelgesetz der Welt.

Wer je, zum Beispiel, in New York ein viel zu kaltes, schlecht beziehungsweise überhaupt nicht gezapftes Budweiser Light vorgesetzt bekam, wer versehentlich an eine Dose Tuborg Lemon geriet, wer irgendwo auf der Welt ein Bier bestellt und etwas ganz Fremdes bekam, der kennt diese Sehnsucht: jetzt ein frisches Pils, acht Grad kühl, elf Prozent Stammwürze, stabile Schaumkrone, gebraut nach dem Deutschen Reinheitsgebot. Ein Grundrecht. Weltkulturerbe, mindestens.

Soweit der feierliche Teil. Allerdings wird in Deutschland immer weniger Bier getrunken. Es waren einst fast 150 Liter pro Kopf und Jahr, jetzt es sind gerade noch hundert Liter. Tendenz: sinkend. Bier ist ein alterndes Produkt, die junge Generation bevorzugt Smoothies mit Grünkohl oder den Fliegenden Hirsch (Jägermeister mit Red Bull, scheußlich!). Also haben die stolzen Brauer, die 500 Jahre nach Ingolstadt in Konzernen wie Radeberger und InBev ihrem Gewerbe nachgehen, ein demografisches Problem. Sie gehen dagegen mit Felsquellwasser und Siegelhopfen an, mit TV-Spots aus dem Herzen der Natur. Die Spots allerdings sind längst so un-unterscheidbar wie der Geschmack von Krombacher und Bitburger. Das Problem lösen sie nicht.  
Lidl Maltos 2015
Bild: Lidl

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Die Lösung des Problem könnte an der Basis zu finden sein, wo unterdessen, ganz ohne Zutun der Marketingstrategen, etwas Neues entstanden ist: Craft Beer. Kleine, handwerkliche Brauer, Anti-Konzerne, probieren neben Pils und Weizen alte Rezepturen für Pale Ale aus und experimentieren mit neuen Lagerbieren. In Amerika entwickelte sich diese Bewegung bereits seit den Siebziger Jahren, seit ein paar Jahren schwappt die Welle zu uns herüber. Craft Beer erschließt neue Käuferschichten, erreicht auch die Hipster, verleiht dem alten Produkt ein juveniles Image. Natürlich haben die Etablierten den Trend inzwischen aufgegriffen: Jeder Konzern, der etwas auf sich hält, hat ein Anti-Konzernbier im Angebot. Der Craft- Beer-Trend ist ein Geschenk des Himmels an die Branche zum 500. Jubiläum. Sollte man meinen.

Dumm nur, dass den originären Craft-Beer-Brauern das Reinheitsgebot herzlich egal ist, vorsichtig ausgedrückt. Natürlich kann man Craft Beer nach dem Reinheitsgebot brauen, aber warum sollte man? Interessant wird die Sache schließlich erst, wenn mehr als Hopfen, Malz und Wasser in den Braukessel kommt. Gewürze zum Beispiel, Kräuter, Wacholder, Ingwer. Oder Früchte. Die belgischen Trappisten verwenden seit jeher Kirschen und Erdbeeren, um Kriek oder Geuze zu brauen. 
Duckstein 2
Bild: Agentur

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Die verbandsoffizielle Bierindustrie lässt all das nicht zu, sie trägt das Reinheitsgebot wie eine Monstranz vor sich her - erst recht heute, aus Anlass der großen Lobpreisung. Tatsächlich funktionierte das Glaubensbekenntnis lange Zeit als perfekte Marketingbotschaft: hier das gute deutsche Bio-Bier, natürlich und rein, dort das Bier der Chemiebrauer, von dem keiner weiß was drin ist. Wenn allerdings das Jubiläums-Hochamt gesungen ist, wird es an der Zeit sein, neu zu denken. Denn ein Marketinggebot, das ganz und gar aus der Tradition lebt, mag uns davor bewahren, auch zu Hause mit eiskaltem Budweiser oder aromatisiertem Tuborg behelligt zu werden. Aber es verhindert zugleich, das eine neue Generation von Brauern für eine neue Generation von Konsumenten neue Marken kreiert und etabliert.

500 Jahre Reinheitsgebot. Okay, stoßen wir an – wie wär’s mit einem kräftigen Chili Stout? uv

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