HORIZONT.NET
16.04.2008

Interview: Wir sind Nischenplayer auf höchstem Niveau


Verleger und Chefredakteur: Roger Köppel 

Verleger und Chefredakteur: Roger Köppel

Roger Köppel ist von der Berliner "Welt" wieder zur Schweizer "Weltwoche" zurückgekehrt. Der Titel profitiert einige Jahre nach seiner Umstellung auf das Magazinformat vom Aus des Konkurrenten "Facts".  Auch dem deutschen Markt, so Köppel, würden die publizistischen Ansätze der "Weltwoche" gut tun.

Als neuer Verleger und Chefredakteur hat Roger Köppel die "Weltwoche" bereits im ersten Jahr in die schwarzen Zahlen geführt. Mit seinem ehemaligen Arbeitgeber Axel Springer pflegt er immer noch geschäftliche und freundschaftliche Beziehungen.

Die kriselnde "Weltwoche" gehört seit anderthalb Jahren Ihnen. Wie geht es dem Patienten? Die "Weltwoche" ist kein Patient. Es läuft gut. Wir haben im letzten Jahr eine anständige Umsatzrendite erzielt, auch im Branchenvergleich. Das war mein Hauptziel des letzten Jahres. Was  mich überrascht hat: Obwohl unser Fokus auf dem Anzeigenmarkt lag, verzeichneten wir gleichzeitig auch positive Tendenzen auf dem Lesermarkt.

Wie haben sich die Leserzahlen entwickelt?
Wir haben im letzten Jahr plus 4 Prozent in der Reichweite erzielt. Die Auflage ist um 4000 bis 5000 gestiegen - auf jetzt knapp 86000.

Wie sind Sie bei den Werbern angekommen? Die "Weltwoche" war in der Verlustzone. Deshalb mussten wir am Anfang die Erträge nach oben bringen und die Kosten in den Griff bekommen. Daher haben wir unsere Anstrengungen auf dem Anzeigenmarkt intensiviert. Wir haben einen schönen Erfolg erzielen können und unseren Umsatz, dafür sind wir unseren Kunden und Agenturen sehr dankbar, um 18 Prozent gesteigert.

Ringier hat mit "Cash" und "Facts" zwei Konkurrenten eingestellt - hat Ihnen das geholfen?
Es gab immer ein Duell zwischen "Facts" und "Weltwoche". Mir wurde vonseiten des anderen Verlags zu verstehen gegeben, dass nur einer den Kampf überleben werde. Ich war davon überzeugt, dass wir die besseren Karten hatten.

Was hat Sie so sicher gemacht?
"Facts" hatte die Attraktivität des Magazinformats gehabt. Die "Weltwoche" hatte vor dem Wechsel zum Magazinformat den bedeutenderen Markennamen, war aber vielleicht etwas verstaubt in den 90er Jahren. Unsere Überlegung war: Wenn wir die hohe Attraktivität des Formatwechsel gerade auch für den Anzeigenmarkt verbinden könnten mit der hohen Glaubwürdigkeit der Marke und ihrer Ausstrahlung, dann sind wir in diesem Magazin- und Wochenmarkt unangreifbar. Das hat sich bewahrheitet.

Die nächste Werbekrise kommt bestimmt. Wird es der "Weltwoche" dann immer noch so gut gehen?
Wir sind ein Nischenplayer auf höchstem Niveau, eine Art Journalismusboutique. Das war die „Weltwoche" immer. Sie war immer eine kompakte Redaktion, nie ein riesiger Apparat. Diese Kosteneffizienz ist sehr wichtig. In Schwerpunktbereichen haben wir Leute angestellt, in andern Bereichen kaufen wir eher ein. Das ist einer unserer Wettbewerbsvorteile, dass wir mit einer besseren Kostenstruktur arbeiten und trotzdem auf einem hohen Niveau bleiben können. Das macht uns sturmfest.

Präsenz im Internet wird auch für Printtitel immer wichtiger. Wie ist die "Weltwoche" auf diesem Terrain unterwegs?
Wir sind daran, unseren Internetauftritt neu zu organisieren. Für uns liegt das strategische Schwergewicht auf der Zeitung. Das Internet ist ein Supportinstrument für das Marketing und die Kundengewinnung. Unser Auftritt hat immer noch den schrulligen Charme einer Zeitung im Netz. Da schadet es nicht, wenn man über die Bücher geht.

Können Sie die Werbung bei der Stange halten, im exklusiven, aber teuren Medium "Weltwoche" zu werben?
Das ist die Aufgabe. Auch da ist der Wettbewerb viel härter als vor wenigen Jahren. Da müssen Sie immer wieder innovativ sein. Unser Vorteil liegt darin, dass das Modell Verleger gleich Chefredakteur Schnelligkeit und mehr Glaubwürdigkeit in die Abläufe bringt. Ich verkörpere den Titel. Das kann ein Vorteil für die Kundenbeziehung sein. Das bedeutet aber auch mehr Verantwortung. Entscheidend bleibt die publizistische Performance: Relevanz und Glaubwürdigkeit. Und Sie müssen Aufmerksamkeit erzielen.

Wo waren Sie im letzten Jahr innovativ in der Werbung?
Etwas, was uns Aufmerksamkeit gebracht hat, war unsere Zusammenarbeit mit Volvo, die verzweifelten Ölscheichs in der Volvowerbung. Das war natürlich eine einmalige Sache. Wir haben auch eine erfolgreiche Line Extension im Bereich des Luxusmarkts betrieben. Wir haben dabei sehr erfolgreich zwei Sonderausgaben lanciert. Die "Weltwoche" hat immer auch diesen hedonistischen Stil. Das haben wir gezielt gestärkt im Blatt, um attraktiv zu werden für Luxuskunden. Wir wenden uns an Werbekunden, die nicht nur das reine Modeblatt wollen, sondern diese Mischung aus Brisanz, intellektueller Verspieltheit und hohem Niveau. Es ist uns auch gelungen, diese Kunden ans Blatt zu binden.

Sie sitzen noch immer im Gebäude des Jean Frey Verlags, heute Axel Springer Schweiz. Ist das auch eine geschäftliche
Nähe? Wir haben Verträge mit Axel Springer und sind sehr zufrieden. Wir haben bestimmte Dienstleistungen ausgelagert an Axel Springer, zum Beispiel Vertrieb, bestimmte Backoffice-Tätigkeiten, IT-Support.

Wie haben Sie den Wechsel vom angestellten Journalisten zum Unternehmer erlebt?
Es gab Leute, die mir damals abgeraten haben, den tollen Job bei der "Welt" aufzugeben. Ich wäre tatsächlich gern etwas länger in Berlin geblieben. Aber es ist schon die oberste Liga, wenn Sie die Möglichkeit bekommen, als Unternehmer im Journalismus tätig zu sein. Es ist natürlich eine massiv gesteigerte Arbeitsbelastung. In meinem Fall kommt
noch das persönliche Risiko hinzu. Ich muss jetzt noch ein paar Jahre diese Schulden abzahlen, die  Entschuldung der Firma vorantreiben. Ich bin zum Erfolg verdammt. Ich habe jetzt nicht die Absicht, das Blatt möglichst schnell zu verkaufen. Im Gegenteil, ich kann so etwas wie einen Traum verwirklichen.

Holen Sie nach der "Weltwoche" noch andere Produkte ins Haus?
Ich kritisiere immer diese hochfliegenden  Manager-Utopien vom Stil: "Heute führe ich mein Haus, morgen fünf Konzerne." Ich will erst mal das eine sehr gut machen. Aber als Unternehmer nimmt die Halbwertzeit freudvoller Momente ab. Wenn man zurückschaut auf das letzte Jahr und sagt "super, gut gelaufen", dann kommen schon die 100 Sorgen des nächsten Jahres.

Könnte die "Weltwoche" auch in Deutschland funktionieren?
Die "Weltwoche" war ein Vorbild für die "Zeit". Heute würde ich es als sehr riskant ansehen, gegen die großen Player im deutschen Wochenmarkt anzutreten, gegen "Zeit", "Spiegel" und "Focus". Es brauchte dafür viel Geld und Selbstvertrauen. Ich glaube aber, dass gewisse Ansätze der "Weltwoche" der deutschen Medienlandschaft gut tun würden. Es würde nicht schaden, manchmal mit einer größeren Unbefangenheit und mehr Realismus an die Sachen heranzugehen.

Ihr einstiger lokaler Konkurrent, Ringier, versucht immerhin, in Deutschland mit einem Magazin Fuß zu fassen ...
"Cicero" ist auch eine Art "Weltwoche"-Derivat. Durch den Monatsrhythmus ist er vielleicht nicht ganz so in der Debatte drin. Aber Respekt, die Kollegen haben es immer wieder geschafft, sich durch Rechercheartikel
ins Gespräch zu bringen.

Wie lange wird es die "Weltwoche" noch geben?
Wenn wir es gut machen, dann wird es sie noch lange geben. Ich bin genetisch optimistisch. In der allgemeinen Langeweile braucht es die Souffleure des intelligenten Tischgesprächs, die den Mut haben auszuscheren. Außerdem sind wir einzigartig in der Verbindung von Relevanz, Kreativität und Unterhaltung.

Die „Weltwoche" wurde 1933 als Wochenzeitung gegründet. Nach dem Krieg war sie Vorbild für die „Zeit". In den 90er Jahren kam sie unter den Doppeldruck von Sonntagszeitungen und dem Trend der Tageszeitungen, Hintergründe zu bringen. Roger Köppel machte aus der linksliberalen Wochenzeitung ein wertkonservatives Wochenmagazin und kaufte das Blatt von Schweizer Investoren. Heute hat es eine Auflage von 86000 Exemplaren.

Der 1965 in Zürich geborene Roger Köppel stieg 1988 nach einem Studium der Volkswirtschaft und der Sozialgeschichte bei der „Neuen Zürcher Zeitung" ein, unter anderem als Sport- und als Filmredakteur. 1995 wechselte er als Kulturredakteur zum „Tages-Anzeiger" und übernahm drei Jahre später dessen Magazin als Chefredakteur. 2001 wurde er Chefredakteur der „Weltwoche", 2004 der „Welt" in Berlin. 2006 kehrte er als Chef und Eigentümer zurück. 
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