Gastkommentar
11.07.2012
Die Fehler der Zeitungen - Eine Generalkritik von Thomas Koch
Seite 1/3
11.07.2012

"In Ihren Schuhen möchte ich im Augenblick nicht stecken": Thomas Koch
Wir sind zu Besuch beim Chefredakteur einer erst vor wenigen Monaten gegründeten Wochenzeitung. Ich frage ihn, ob er plant, seine Zeitung auch täglich herauszugeben. Er lacht. Nein, sagt er, die Menschen brauchen keine Zeitung für ihre täglichen Nachrichten. Das können Fernsehen, Radio und Internet viel besser. Der Wochenzeitung gehöre die Zukunft. Mit Investigation, Reportagen, Hintergrundberichten. Und vor allem mit Meinungen zum lokalen Geschehen.
Er schließt seine Antwort mit dem bedeutungsschweren Satz:
„We must change the culture."
Dieses Gespräch fand nicht in Deutschland statt. Ich saß zusammen mit Werner D'Inka, einem der Herausgeber der FAZ, bei Fathi bin Isa in der Redaktion der Wochenzeitung Arous al Bahar. Dieses Gespräch fand im letzten Dezember in Tripoli, der Hauptstadt Libyens, statt. Wir - ein NGO - begleiten dort im Auftrag des Auswärtigen Amtes das Aufkeimen der ersten, unabhängigen Pressemedien. Wir machen die jungen Medien fit für ihre Aufgabe als „Vierte Gewalt".
Was wir (oder besser Sie) aus dieser Anekdote für unseren Markt lernen können, überlasse ich gern Ihrer Phantasie. Reden wir derweil über die Zukunft der Tageszeitungen in Deutschland.Thomas Koch: So lange Sie mehr Geld für Todesanzeigen verlangen als für Geburtsanzeigen, ist Ihnen wahrlich nicht zu helfen.
Nein, ich komme Ihnen jetzt nicht mit der Nachricht, dass New Orleans bald die größte amerikanische Metropole ohne eine täglich erscheinende Zeitung sein wird. Oder mit der Geschichte, dass die Anzeigenumsätze der amerikanischen Zeitungen in nur sechs Jahren um schwindelerregende $27 Milliarden zurückgegangen sind. Und dass unseren Zeitungen das gleiche Schicksal blüht.
Nein. In Deutschland haben Zeitungen eine ganz andere Tradition - und eine andere Position. Noch...
Denn diese Position bröckelt bedenklich. In Ihren Schuhen möchte ich im Augenblick nicht stecken. Denn Sie sehen zwar, was da draußen passiert. Im Lesermarkt. Im Anzeigenmarkt. Aber Sie verstehen es nicht. Oder: Sie verstehen es, ziehen aber daraus keine Schlüsse, die der Markt versteht.
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